Salomon Kalou über sein Corona-Video "Ich bin mehr als nur fünf schlechte Minuten"

Mit seinem Handyvideo hat Salomon Kalou für einen Skandal in der Bundesliga gesorgt. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärt sich der Hertha-Stürmer - und zeigt, dass es auch eine andere Wahrheit hinter dem Fall gibt.
Salomon Kalou: "Das Video hätte ich niemals machen dürfen"

Salomon Kalou: "Das Video hätte ich niemals machen dürfen"

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Jan Huebner/Taeger/ imago images/Jan Huebner

Am Dienstagmorgen saß Salomon Kalou in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg und dachte nach. Der Stürmer von Hertha BSC wollte nicht rausgehen. Er wollte keine Menschen sehen - und nicht gesehen werden. Zumindest jetzt noch nicht.

Kalou hat am Montag mit einem Video auf Facebook für einen Skandal gesorgt. Er hat sich und einige seiner Berliner Teamkollegen via Livestream dabei gefilmt, wie sie die Hygieneregeln missachteten, mithilfe derer die Bundesliga am Mittwoch von der Politik die Erlaubnis für den Restart erhalten will. Hertha suspendierte den 34-Jährigen daraufhin für eine unbestimmte Zeit und sprach von der "Verfehlung eines einzelnen Spielers".

Kalou steht jetzt als derjenige da, der die Rückkehr des Profifußballs unabsichtlich sabotiert hat. Vielerorts wird sein Fall als Beweis dafür gesehen, dass die Branche der Realität entrückt ist. Dass die Spieler nicht einmal die einfachsten Grundregeln einhalten, wenn es darum geht, die eigene Gesundheit zu schützen - und mithin die gesamte Geschäftsgrundlage vieler Klubs.

Was im Januar 2019 das Goldsteak Franck Ribérys in seiner Dekadenz als Imageschaden für den Fußball in Deutschland bedeutete, wird von der Wirkung des Corona-Videos Kalous noch einmal übertroffen. Das ist die Betrachterperspektive.

Die Verursacherperspektive ist zum Teil eine andere: "Ich kann verstehen, dass die Menschen wütend auf mich sind. Ich bin es auch", sagt Salomon Kalou am Telefon dem SPIEGEL. "Das Video hätte ich niemals machen dürfen. Es war respektlos, und dafür möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Aber ich bin mehr als diese fünf schlechten Minuten, die man dort von mir in der Kabine sieht", sagt der Spieler.

Kalou hat sechs Jahre lang bei Hertha BSC gespielt und ist in dieser Zeit nie negativ aufgefallen. Er kam 2014 als ehemaliger Champions-League-Gewinner (2012 mit dem FC Chelsea) zu einem Klub, der bestenfalls Mittelmaß in der Bundesliga war. Nun läuft sein Vertrag bald aus. Er wäre sehr wahrscheinlich sowieso nicht verlängert worden. Aber jetzt geht Kalou unehrenhaft.

Kalou sagt, er akzeptiere die Entscheidung. Er ärgere sich vielmehr darüber, dass sein Video den Eindruck erzeugt habe, er nehme die Covid-19-Pandemie nicht ernst. "Das Gegenteil ist der Fall", sagt der Ivorer. "Mit meiner Stiftung helfen wir in der Elfenbeinküste beim Kampf gegen das Virus. Wir haben Krankenwagen finanziert, Krankenhausbetten auch. Wir haben Videos aufgenommen, in denen ich den Menschen erkläre, warum sie zu Hause bleiben müssen."

Er selbst sei niemand, der die Regeln leichtfertig breche. "Ich laufe nicht auf der Straße rum und gebe Leuten die Hand. Ich trage eine Maske, wenn ich einkaufen gehe, wie jeder andere auch", sagt Kalou. "Ich war nie jemand, der nur an sich denkt."

Eine absurde Situation für die Spieler

Man muss Salomon Kalou nicht in Schutz nehmen. Er ist einer der ältesten und erfahrensten Spieler in der Hertha-Mannschaft - einer der erfahrensten der Liga sogar. Er muss wissen, was ein solcher Internetauftritt auslösen kann, auch wenn es sein erster Facebook-Liveversuch war, wie er sagt. Aber es gibt darüber hinaus noch eine andere Wahrheit hinter diesem Video - und sie erzählt davon, wie absurd die Situation ist, in der sich Fußballprofis und ihre Vereine derzeit im Kampf um die Rückkehr in den Spielbetrieb befinden.

"Seit wir zurück sind aus der Quarantäne, werden wir wöchentlich auf den Erreger getestet", sagt Kalou. "Bei uns gab es keine weiteren positiven Testergebnisse. Und da sollen wir uns nicht die Hand geben?"

Mit dem Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) soll verhindert werden, dass sich die Spieler abseits des Spielfeldes zu nahe kommen. Sie müssen getrennt duschen, mindestens zwei Meter Abstand in der Kabine halten, sie dürfen sich nicht wie üblich die Hand geben. Wenn dann aber das volle Mannschaftstraining startet - wie jetzt schon in Paderborn und Leipzig -, dann sind Zweikämpfe wieder erlaubt und eingefordert. Abklatschen nein, abgrätschen ja. Besonders wenn der Spielbetrieb wieder beginnen sollte, wird man diese Diskrepanz vor Augen geführt bekommen.

"Das Konzept, das aufgestellt wurde, ist trotzdem gut", sagt Kalou. "Man soll jetzt nicht alles wegen eines Videos in den Müll werfen." Nur weil er seinen Mitspieler die Hand gebe, bedeute das nicht, dass er und seine Teamkollegen sich nicht verantwortungsvoll verhalten würden. "Sonst wären wir ja nicht alle negativ getestet worden", sagt Kalou.

Salomon Kalou wird Berlin im Sommer verlassen. Eigentlich waren es erfolgreiche Jahre - für ihn und für Hertha. Bei den Fans war der Afrikaner sehr beliebt, auch weil er anders als das Klischee vom reichen, abgehobenen Fußballprofi eben besonders zugänglich und herzlich auftrat. Von der Sympathie wird jetzt vielleicht nicht viel übrig bleiben. Und darin liegt auch eine Tragik der Geschichte. Damit muss Kalou jetzt leben.

Er sagt: "Man macht Fehler im Leben. Dafür muss man geradestehen." Er werde irgendwann aber wieder seine Wohnung verlassen. Er werde dann vorsichtig sein, eine Maske tragen, niemandem die Hand schütteln. "Ich muss dann wieder beweisen, dass ich ein gutes Vorbild sein kann."

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