Angeschossener Paraguay-Stürmer Kicken mit einer Kugel im Kopf

Salvador Cabañas war der beste Stürmer Paraguays, bis er vor vier Jahren in einer Bar in Mexiko-Stadt niedergeschossen wurde. Seither lebt der Stürmer mit einer Kugel im Kopf. Jetzt will er sein Comeback versuchen - im Land des WM-Gastgebers.

AFP

Von , Mexiko-Stadt


Im Morgengrauen des 25. Januar 2010 steht der berühmte Fußballer Salvador Cabañas in der Toilette einer schummrigen Promi-Bar in Mexiko-Stadt, an seinem Kopf den Lauf eines Revolvers. Noch heute hört Cabañas immer wieder die herausfordernden Worte des Angreifers "J.J.", eines bekannten Kriminellen aus der Drogenwelt: "Cabañas, du spielst schlecht, du beklaust uns Mexikaner, das ist dein letzter Tag."

Augenblicke später liegt Cabañas, 29 Jahre alt, am Boden, in seinem Hinterkopf klafft eine blutende Wunde. Mit dem Schuss endet eine der verheißungsvollsten Karrieren des südamerikanischen Fußballs, Cabañas ist Mittelstürmer des mexikanischen Hauptstadt-Clubs CF América und der paraguayischen Nationalmannschaft, der sein Land mit seinen Toren gerade erst zur Weltmeisterschaft in Südafrika geschossen hatte.

Salvador Cabañas überlebt, doch die Kugel kann nicht aus seinem Kopf entfernt werden. "Sie ist hinter dem linken Ohr eingekapselt", erzählt der Paraguayer vier Jahre nach dem Angriff SPIEGEL ONLINE. Weil das Projektil permanent auf den Sehnerv drückt, sieht er auf dem linken Auge "nur 50 Prozent".

Nach 23 Tagen verlässt er die Intensivstation

Acht von zehn Opfern eines Kopfschusses sterben. Cabañas aber krallt sich ans Leben. Bei der Genesung hilft die körperliche Verfassung eines Berufssportlers: Nach einer Woche erwacht Cabañas aus dem Koma, nach 23 Tagen verlässt er die Intensivstation, nach vier Monaten ist er wieder zu Hause. Nach zwei Jahren enden Therapie und Reha. Heute merkt man ihm äußerlich nichts mehr von dem Attentat an.

Cabañas hat erst ums Überleben gekämpft, jetzt kämpft er für seinen großen Traum: Er will wieder Fußball spielen, trotz der Kugel im Kopf.

Tanabi Esporte Clube heißt die Hoffnung, ein Verein der dritten brasilianischen Liga, im Niemandsland hinter der Metropole São Paulo. Clubpräsident Irineu Alves sah im Februar eine Fernsehreportage über den Paraguayer und wie er in seinem Heimatort Itaguá nahe der Hauptstadt Asunción in der Bäckerei seines Vaters aushalf und darum bat, noch eine Chance im Fußball zu bekommen.

Alves nahm Kontakt auf, bot viel Geld, und der frühere Stürmer kam. Seine Verpflichtung mag vor allem eine kluge Werbeidee für den Club und seinen Präsidenten sein. Für Cabañas ist es ein wichtiger Schritt zurück in eine Normalität. Für drei Spiele hat er bei Tanabi unterschrieben und wird mit Halbprofis kicken, die zehn Jahre jünger sind als er.

Vom Millionär zum Bäckersgehilfen

Noch fehlen die Papiere - und die Fitness. Cabañas, ein Kraftwürfel von 1,73 Meter, schleppt ein paar Kilo zu viel auf den Trainingsplatz. Und er muss die Übungen dosieren, die linke Seite seines Körpers ist seit dem Attentat verletzungsanfälliger. Dennoch zählt für ihn nur die Rückkehr: "Der Fußball hat mir alles gegeben, deswegen bin ich noch am Leben, deswegen will ich wieder spielen."

Von Mexiko-Stadt bis Tanabi war es ein weiter Weg. Er führte Cabañas über Therapiezentren in Argentinien und ein paar Trainingseinheiten bei seinem Jugendverein 12 de Octubre bis zur Bäckerei seines Vaters. Bis vor kurzem stand er jeden Morgen um vier Uhr auf, um das Brot auszufahren. Von den Millionen aus seiner Profizeit sei nicht viel übrig, sagte er einmal. Seine frühere Frau und sein Ex-Berater hätten sich bedient und aus dem Staub gemacht, während er um sein Leben kämpfte.

Zum Zeitpunkt der Attentats war Cabañas auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Sein Marktwert belief sich auf fünf Millionen Euro, er war einer der besten Spieler in der mexikanischen Liga, europäische Clubs fragten bei seinem Berater an. In der Qualifikation für die WM in Südafrika 2010 war er mit sechs Treffern der beste Torschütze Paraguays, das sich noch vor Argentinien qualifizierte.

"Es ist so traurig"

Das Weltturnier war noch Cabañas' großes Ziel, als er schon eine Kugel im Kopf hatte: "Papa, ahugata la Mundial", sagte er seinem Vater in Guaraní, einer der beiden Sprachen Paraguays. "Papa, ich werde bei der WM spielen." Da war Cabañas gerade aus dem Koma erwacht.

Die WM in zwei Monaten in Brasilien wird Salvador Cabañas wieder vor dem Fernseher verfolgen, daheim mit Freunden und dem Vater. Es wird wehtun, auch wenn er das nicht zugeben will. Früher dachte Cabañas, die WM 2014 könnte ein stimmiger Ausklang seiner Karriere werden. Nun ist nicht nur er nicht dabei. Erstmals seit 20 Jahren hat sich Paraguay nicht für das Turnier im Nachbarland qualifiziert: "Es ist so traurig", sagt Cabañas und ist sich sicher: "Hätte ich gespielt, wären wir in Brasilien."

Und wie geht es weiter? Nach der WM vor dem Fernseher und den drei Spielen bei Tanabi? "Mal sehen", sagt Cabañas. "Eigentlich will ich noch mal richtig spielen", sagt er und meint einen großen Club, große Stadien, große Ligen und großen Fußball. "Einmal noch Nationalmannschaft wäre schön." Aber, wer weiß, fügt er dann nach einem Moment des Nachdenkens an: "Vermutlich kümmere ich mich eher nur noch um meine Fußballschule in Paraguay."



insgesamt 3 Beiträge
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spon-facebook-10000136207 20.04.2014
1. Respekt
Wenn sie den Cabanas nicht in der disco in Mexiko eine kugel in den Kopf geschossen hätten, würde heute keiner mehr über Nejmar reden, bin ich fest von überzeugt.
thewaterman 20.04.2014
2.
das Zweifel ich ganz stark, er wäre höchstens zu einem europäischen international mittelklassigem Verein gewechselt.
loma 20.04.2014
3.
Das denke ich auch, zum Zeitpunkt des Attentats war er immerhin schon 30 Jahre alt...
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