Wechsel von Sandro Wagner Der Achterbahn-Profi

Bayernspieler Sandro Wagner verlässt nach zehn Profijahren die Bundesliga und geht nach China. Vor einem Jahr noch galt der 31-Jährige als Hoffnungsträger des deutschen Fußballs, danach klappte nicht mehr viel.

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Die Geschichte von Sandro Wagner ist immer eine Geschichte von Auf und Ab gewesen. Zwischen Stammplatz und Tribüne, Wertschätzung und Spott hat sich seine Karriere von Anfang an bewegt, er hat dazu selbst beigetragen. Es lohnt sich ein Blick auf das abgelaufene Jahr, das hat all dies noch einmal im Schnelldurchgang durchgespielt. Rauf und runter, die Achterbahn eines Fußballerlebens.

Im Januar 2018 wechselte Wagner von der TSG Hoffenheim zum FC Bayern München. Ein solcher Transfer ist bei einem damals 30-Jährigen schon etwas ungewöhnlich, aber sowohl der Spieler als auch der Verein erhofften sich einiges. Wagner war schließlich auf seine späten Tage noch Nationalspieler geworden, er gehörte zur mittlerweile seltenen Spezies der Strafraumstürmer, wuchtig vor dem Tor, kopfballstark, einer, der gebraucht wird, wenn die modernen Mittel des Fußballs sich erschöpft haben.

Es war nur noch ein halbes Jahr zur Fußball-WM in Russland, Wagner hat gute Chancen, zum DFB-Kader zu gehören. Bundestrainer Joachim Löw hatte seinen langjährigen Widerstand gegen Mittelstürmer der alten Schule zuvor aufgeweicht, Mario Gomez zurückgeholt, Wagner für den Confedcup 2017 nominiert. Die Adresse FC Bayern sollte genügen, um Wagners WM-Platz zu sichern. Die Dinge standen gut für Sandro Wagner.

Zuletzt nicht mal mehr im Kader

Die Bilanz zwölf Monate später: In der Hinrunde 2018/2019 ist Wagner zu sieben meist kurzen Einsätzen in der Liga gekommen, gerade 138 Minuten stand er auf dem Platz, dafür reichen normalerweise anderthalb Spiele. Während er unter dem früheren Bayerntrainer Jupp Heynckes relativ regelmäßig zum Einsatz gekommen war und auch seine Tore machte, nahm ihn Nachfolger Niko Kovac zuletzt nicht einmal mehr in den Kader auf.

Die Nationalmannschaft ist sowieso längst kein Thema mehr. Löw hatte dann doch nur auf Gomez gesetzt und für das WM-Turnier auf Wagner verzichtet. Der Stürmer reagierte bockig und erklärte postwendend seinen Rücktritt. Der erste Nationalspieler, der nach acht Länderspielen zurücktritt, höhnte man danach auch in DFB-Kreisen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er in diesen acht Länderspielen fünf Tore erzielte. Es gibt nicht viele, die beim DFB eine solche Quote aufweisen können.

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Sandro Wagner: Ein Kind der Bundesliga

Wagner hat aus all dem die Konsequenz gezogen, er wechselt jetzt nach China zu dem Verein von Uli Stielike, er wird dort noch einmal viel Geld verdienen, China ist weit weg, in der Bundesliga werden sie ihn langsam vergessen. Aber das wird ihn wahrscheinlich nicht grämen, schon im vergangenen halben Jahr bei den Bayern hatte man ihn nicht mehr so recht auf dem Schirm.

FC Bayern, MSV Duisburg, Werder Bremen, 1. FC Kaiserslautern, Hertha BSC, Darmstadt 98, 1899 Hoffenheim, noch einmal Bayern München - eine erkleckliche Liste in zehn Profijahren. Aufgehender Stern bei der U21-EM 2009 als Kompagnon von Manuel Neuer, Sami Khedira, Jérome Boateng und Mesut Özil, aussortiert bei Werder und Hertha, Bundesliga-Held bei Darmstadt, Nationalspieler unter Julian Nagelsmann, zuletzt Deutscher Meister mit Jupp Heynckes und den Bayern - Wagner kann ein bisschen was erzählen, und wie man ihn kennt, macht er davon auch reichlich Gebrauch. Geredet hat er immer gern, manchmal war es halt ein bisschen zu viel. Oder der Zeitpunkt war ein bisschen unglücklich gewählt.

Wagner über Wagner: "Mit Abstand bester deutscher Stürmer"

Wagner hat seinen Rücktritt vom DFB damit begründet, er sei als Typ, der den Mund aufmache, bei der braven Nationalmannschaft offenbar nicht gefragt. Bei den Löw-Kritikern hat er damit einen Bonus gehabt und ist so eine Art Kronzeuge gegen den Bundestrainer geworden, das Image als quer denkender Profi wurde ihm allerdings eher von außen aufgedrückt.

Es hatte allerdings auch den Eindruck, dass es ihm ganz gut gefällt. Dass er allerdings zur WM eher deswegen nicht berücksichtigt wurde, weil Löw ihn und seine Spielweise am Ende doch für verzichtbar hielt, klingt nicht so spektakulär, war aber dann doch näher dran an den Tatsachen. Auch wenn sich Wagner selbst mal als "den mit Abstand besten deutschen Stürmer" bezeichnet hatte.

Zu den Sprüchen, die Wagner regelmäßig in die Welt brachte und vor allem der "Bild"-Zeitung immer wieder willkommenes Futter waren, gehörte auch mal die Aussage, er halte Fußballprofis im allgemeinen (und sich im besonderen) für unterbezahlt. Bei kolportierten 15 Millionen Euro Gehalt in China dürfte sich das erledigt haben.

aha/dpa

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Seite 1
laberbacke08/15 30.01.2019
1.
Kann man dann mal wieder das Argument bringen, dass der FCB ihn nur gekauft hat um einen Gegner zu schwächen? Gebraucht haben die ihn ja offensichtlich nicht.
sametime 30.01.2019
2. Alterssicherung
Er macht es genau richtig. Noch mal eben in knapp zwei Jahren 15 Millionen steuerfrei kassieren, dann hat er auf jeden Fall ausgesorgt. Besser als bei den Bayern zu versauern ist es allemal.
gammoncrack 30.01.2019
3. Ein Fussballer, der alle Chancen hatte,
den Weg in die Annalen der deutschen Fußballgeschichte zu finden. Letztlich scheiterte er an seiner Überheblichkeit und mangelndem Einordnungsvermögen, nicht an einer Selbstüberschätzung. Diese war wohl eher gerechtfertigt. Er wird, wie auch einige andere, als jemand in die Geschichte eingehen, der seine großen Möglichkeiten nicht nutzen konnte. Aber alles das wird ihm vielleicht aufgrund der finanziellen Gegebenheiten relativ egal sein. Auch das ist eine Charaktereigenschaft.
Hans_Suppengrün 30.01.2019
4.
Zitat von gammoncrackden Weg in die Annalen der deutschen Fußballgeschichte zu finden. Letztlich scheiterte er an seiner Überheblichkeit und mangelndem Einordnungsvermögen, nicht an einer Selbstüberschätzung. Diese war wohl eher gerechtfertigt. Er wird, wie auch einige andere, als jemand in die Geschichte eingehen, der seine großen Möglichkeiten nicht nutzen konnte. Aber alles das wird ihm vielleicht aufgrund der finanziellen Gegebenheiten relativ egal sein. Auch das ist eine Charaktereigenschaft.
Ich bin sicherlich kein Fan von Wagner, aber dass er seine Möglichkeiten nicht nutzen konnte, finde ich übertrieben. Er ist Bundesligaprofi gewesen... und das mehrere Jahre lang... War sogar mal Nationalspieler... Ist Meister geworden... Hat verdammt viel Geld verdient und die Welt gesehen... Vielleicht hat er aus seinen Möglichkeiten nicht das Optimum rausgeholt. Aber im Großen und Ganzen war er doch ziemlich nah dran und ich beneide ihn um die vielen Erfahrungen, die er schon mit 31 Jahren gemacht hat.
Münchner73 30.01.2019
5. Nomen erst omen
Zitat von laberbacke08/15Kann man dann mal wieder das Argument bringen, dass der FCB ihn nur gekauft hat um einen Gegner zu schwächen? Gebraucht haben die ihn ja offensichtlich nicht.
Natürlich ist er gebraucht worden. Er hat nur leider nicht das geleistet, was man erwartet hat. Ich bin gespannt, wer jetzt als Nachfolger kommt und wünsche ihm auf jeden Fall viel Erfolg und keine Verletzungen in China.
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