Nach Urteil zum Freiburger Stadion Viel Nichts um Lärm

Erst sah es so aus, als erleide der SC Freiburg beim Stadion-Neubau Schiffbruch. Nun deutet jedoch vieles darauf hin, dass ein hohes Gericht etwas zu rasch entschieden hat.

Freiburgs Trainer Christian Streich
Daniel Kopatsch Getty Images

Freiburgs Trainer Christian Streich


Für Angestellte und Anhänger des SC Freiburg hielt der Mittwoch ein Wechselbad der Gefühle parat. Einige Stunden lang mussten sie davon ausgehen, dass ein hohes Gericht, der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim, ihrem Verein gerade untersagt hatte, im neuen Stadion auch am Freitag- oder Samstagabend und am frühen Sonntagnachmittag zu spielen. Keine ideale Situation für einen Fußballverein.

Am Abend folgte die Entwarnung via "Badische Zeitung", wonach der VGH gegenüber dem Freiburger Regierungspräsidium eingestanden haben soll, dass er seinen Beschluss auf Grundlage einer mittlerweile veralteten Lärmschutzverordnung getroffen habe. Die sah bis zum Jahr 2017 in allgemeinen Wohngebieten in Ruhezeiten einen Richtwert von 50 Dezibel vor, die bis zu 18 Mal im Jahr überschritten werden dürfen. Aber eben nicht zu den gesetzlichen Ruhezeiten.

Seit 2017 gelten allerdings 55 Dezibel als Höchstwert. Würde man diese Zahlen zugrunde legen, könnte der Sportclub wie geplant ab August 2020 im neuen Stadion spielen. Und zwar zu allen Anstoßzeiten, die ihm dann von der DFL zugewiesen werden.

Für einen Beteiligten wird es in jedem Fall peinlich

Damit ändert sich nun auch die Bewertung des Tohuwabohus. Musste sich am Mittwoch noch der SC die Frage gefallen lassen, wie er die Blamage rechtfertigen wolle, bei einem 130-Millionen-Euro-Bauvorhaben ausgerechnet die Lärmschutzverordnung außer Acht gelassen zu haben, ist die Situation nun für die Mannheimer Juristen peinlich. Die hatten in einem Eilverfahren entschieden, das sechs Anwohner der an den Neubau grenzenden Stadtteile gegen das Freiburger Regierungspräsidium angestrengt hatten.

Dabei - so scheint es nun - entschied Mannheim allerdings etwas zu eilig. Zumindest meint das Freiburgs Baubürgermeister Martin Haag: "Das Gericht hat nicht die aktuell gültigen Werte der Sportanlagenlärmschutzverordnung zugrunde gelegt, sondern die bis 2017 gültigen Werte." So sieht es auch das Regierungspräsidium, das nun eine "Anhörungsrüge" angekündigt hat.

Die Frage, ob es schlicht und einfach einem Irrtum aufgesessen ist, wollte ein Mannheimer Gerichtssprecher am Donnerstag gegenüber dem SPIEGEL nicht beantworten. Dass "in Teilen" eine veraltete Rechtsgrundlage herangezogen worden sein könnte, schließe man aber "ausdrücklich nicht aus". Eine Sprachregelung, die darauf hindeutet, dass der VGH spätestens in einigen Wochen im Rahmen der Anhörungsrüge auch offiziell seinen Fehler eingestehen wird.

SC spielt derzeit mit einer Ausnahmegenehmigung

Derweil wirken Stadt, Regierungspräsidium und Sportclub gleichermaßen fassungslos über den Schnellschuss. Sollte der Mannheimer Beschluss Bestand haben, hofft man auf das Hauptsacheverfahren, das den VGH-Beschluss bestätigen oder korrigieren könnte. Ansonsten müsste man die Abend- und Sonntagsspiele ab dem kommenden Sommer wohl oder übel an der derzeitigen Spielstätte austragen, dem Schwarzwaldstadion.

Allerdings spielt der SC dort seit Jahren nur mit einer Ausnahmegenehmigung. Ob die im Fall der Fälle noch einmal verlängert würde, ist unsicher.

Für den SC wäre eine zeitweilige Rückkehr ins derzeitige Stadion mit empfindlichen finanziellen Einbußen verbunden. In das neue Stadion werden 34.700 Zuschauer passen, 10.700 mehr als bisher. Zudem stehen dann 1.800 Business- und 200 Logenplätze zur Verfügung. Alles in allem dürften die Mehreinnahmen pro Spiel bei mehreren Hunderttausend Euro liegen. Beim SC will man eine schriftliche Stellungnahme aus Mannheim abwarten, ehe man sich öffentlich äußert.

Der frühere SC-Präsident Fritz Keller ist jetzt DFB-Boss
Ronny Hartmann Getty Images

Der frühere SC-Präsident Fritz Keller ist jetzt DFB-Boss

Wenn sich Stadt, Regierungspräsidium und Verein einen solchen Kardinalsfehler wie von Mannheim attestiert, tatsächlich geleistet hätten, wäre das im Übrigen verwunderlich gewesen. Schließlich wurde der Stadion-Neubau im Freiburger Westen minutiös vorbereitet - auch, weil er von vornherein von einer Anwohnerinitiative bekämpft wurde, der man keine juristischen Angriffspunkte bieten wollte. Gerade bei den besonders neuralgischen Lärmemissionen ließ man sich mehrfach durch Gutachten absichern.

Die Anwohnerinitiative und der Sportclub befehden sich dennoch seit Jahren. Für wüste Polemik hatte dabei allerdings der damalige Oberbürgermeister Dieter Salomon gesorgt, der der Initiative Fehlinformationen vorwarf und sie als "Pegida ohne Islamophobie" bezeichnete. Deutlich weniger plakativ drückte sich der damalige SC- und heutige DFB-Präsident Fritz Keller aus, der ihr indirekt "Foulspiele" und "Fake News" attestierte.

Vor viereinhalb Jahren durften knapp 170.000 Freiburger zum Thema Stadion-Neubau abstimmen. Der Bürgerentscheid war eindeutig: Die erforderlichen 25 Prozent "Ja"-Stimmen aller Wahlberechtigten wurden übertroffen, von den abgegebenen Stimmen (Wahlbeteiligung 46,5 Prozent) entschieden sich 58,2 Prozent pro Neubau. Der dürfte in einigen Monaten abgeschlossen sein. Mittlerweile deutet alles darauf hin, dass ab Sommer auch wie geplant dort gespielt werden kann.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels stand, dass es beim Bürgerentscheid 60 Prozent Zustimmung gegeben habe. Wir haben die Stelle präzisiert.



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Seite 1
whitewisent 24.10.2019
1.
Ob die 5 Dezibel Unterschied es retten? Ein Experte meint https://www.rbb-online.de/rbbpraxis/rbb_praxis_service/augen-ohren/hoeren-sehen-sprechen-riechen/gehoer-schutz-laut-krank-stadion.html das in einem Stadtion die Lärmbelastung für Zuschauer bei 105 dB liegt.Also nicht wirklich ein Sieg und Ruhe, denn davon darf nirgendwo in der Nachbarschaft mehr als die Hälfte ankommen.
bommerlunder 24.10.2019
2. Die Überschrift verdient einen Orden
mehr ist nicht zu sagen
hexagon7467 24.10.2019
3.
Die Lärmschutzbestimmungen in Deutschland sind ein Witz. Wenn alle paar Wochen ein Fußballspiel stattfindet, das spätestens um 23:00 Uhr beendet ist, ist das absolut hinnehmbar. Der Wille einiger Störenfriede darf doch nicht 40.000 oder mehr in der Ausübung ihrer Freizeitgestaltung behindern. Der gleiche Mist passiert, wenn jemand in eine Wohnung im Kneipenviertel zieht, dann prozessiert und auch noch Recht bekommt. Da kann man als Normalbürger nur den Kopf schütteln.
aurichter 24.10.2019
4. In diesem Land
ist scheinbar alles irgendwie möglich, denn wenn "lärmempfindliche" Anwohner Kindergärten bspw durch Prozesse verhindern können, dann geht es, wie man hier sieht, auch bei Sportstätten, obwohl diese mit einer Mehrheit der Bewohner befürwortet werden. Da zeigt sich dann auch die grenzenlose Phantasie vieler Prozeßhanseln. Und jetzt kommen wieder die Kritiker, die diese Art der Verhinderung unterstützen mit den fadenscheinigen Begründungen ala Wertverlust, schlechtere Wohnqualität, Lärmbelästigung mit vermuteten Krankheitsfolgen etc etc.
Allgemeinbetrachter 24.10.2019
5. macht eine
Bürgerabstimmung. Wenn 2/3 der Menschen es aktzeptieren, dass es mal laut wird muss sich der Rest der Masse unterordnen.
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