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Paderborns Trainer Breitenreiter: Ein Mann, ein Team, ein Trainingsplatz

Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty Images

Paderborn-Coach Breitenreiter "Ich bin kein Wappenküsser"

Der SC Paderborn ist die Überraschung der Bundesliga - trotz kaum konkurrenzfähiger Bedingungen. Trainer André Breitenreiter spricht über Autos am Spielfeld, die Unberechenbarkeit des Aufsteigers und Gespräche mit Josep Guardiola.

SPIEGEL ONLINE: Herr Breitenreiter, wir müssen mit Jürgen Klinsmann anfangen.

Breitenreiter: Warum?

SPIEGEL ONLINE: Klinsmann hatte 2008 beim FC Bayern gesagt, er wolle jeden Spieler jeden Tag etwas besser machen. Ihr Präsident beim SC Paderborn, Wilfried Finke, sagt, Sie setzen das beim Aufsteiger um.

Breitenreiter: Ich glaube, es kann sich kein Trainer anmaßen, jeden Spieler jeden Tag etwas besser zu machen. Du musst jeden Spieler aber auf Dauer besser machen. Wir haben keine fertigen Profis in Paderborn, sondern müssen jeden einzelnen weiterentwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren vor Ihrer Trainerkarriere eineinhalb Jahre lang Scout und haben Teams analysiert. Erklärt das Ihren Erfolg beim SC Paderborn?

Breitenreiter: Es ist nur ein Mosaiksteinchen bei meiner eigenen Weiterentwicklung gewesen. Spiele von der Tribüne zu lesen, nach Schwächen des Gegners und Lösungsmöglichkeiten für die eigene Mannschaft zu suchen, das hilft natürlich. Aber das Erfolgsgeheimnis von Paderborn ist es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was dann?

ZUR PERSON

André Breitenreiter, Jahrgang 1973, ist als Spieler vor allem Fans des Hamburger SV ein Begriff. Zwischen 1994 und 1997 lief er als Stürmer für den HSV in der Bundesliga auf, erzielte in 71 Spielen zwölf Tore.
2010 beendete er seine Karriere, ein Jahr später wurde er Trainer beim Regionalligisten TSV Havelse und führte das Team 2013 auf Rang zwei.
Zur nächsten Saison wechselte Breitenreiter nach Paderborn und führte den Zweitligisten in die Bundesliga. Es war der erste Aufstieg des Klubs aus Ostwestfalen in die höchste deutsche Spielklasse. Den Abstieg am letzten Spieltag konnte er trotz einer starken Hinrunde nicht verhindern. Im Sommer wechselte Breitenreiter zum FC Schalke 04.

Breitenreiter: Wir sind schwer auszurechnen und variabel, beherrschen mehrere Systeme. Wir haben das immer wieder trainiert, deswegen ist es für uns auch leicht, während eines Spiels das System zu wechseln. Dafür haben wir auch unseren Kader zusammengestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkennt man einen guten Spieler?

Breitenreiter: Durch gute Menschenkenntnis. Ich war lange genug Spieler, um zu wissen, dass Profis in persönlichen Gesprächen auch gerne etwas sagen, um zu gefallen. Da musst du ein gutes Gespür haben. Denn Talent ist das eine, aber die Mentalität ist entscheidend. Wir haben schon im Trainingslager darauf geachtet, dass alle noch enger zusammenrücken. Bisher funktioniert das ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen regelmäßig die Außenseiterrolle. Wie lange kann die als zusätzliche Motivation auf dem Weg zum Klassenerhalt funktionieren?

Breitenreiter: Ich sage das ja nicht, um tiefzustapeln. Das ist eine realistische Selbsteinschätzung. Wir sind - trotz unseres guten Starts - der krasseste Außenseiter der Bundesligageschichte. Weil keiner unsere Rahmenbedingungen hat. Wenn es stark regnet, müssen wir gucken, ob wir überhaupt trainieren können, weil wir nur einen Platz haben. Die Autos der Spieler stehen nahe am Spielfeld, wir ziehen uns in einer bescheidenen Kabine um.

SPIEGEL ONLINE: Noch mal: Kann Ihre Mannschaft fehlende individuelle Klasse mit ihrer Mentalität über 34 Spieltage ersetzen?

Breitenreiter: Wir haben Jungs, die sich weiterentwickeln wollen und die Gas geben. Jeder, der hier ist, nimmt das an. Das geht bislang gut. Trotzdem muss der Verein bessere Rahmenbedingungen schaffen, um den Abstand zu den anderen Klubs zu verkleinern. Der Bau des Trainingszentrums ist für mich dabei sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Das ist gerade einmal in der Planungsphase.

Breitenreiter: Die Gespräche mit der Stadt laufen meines Wissens auf Hochtouren, die Realisierung ist für 2015 fest vorgesehen. Das ist ein zentraler Baustein. Denn allein Motivation und eine lernwillige Mannschaft reichen nicht aus, wenn die Rahmenbedingungen nicht konkurrenzfähig sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie zügeln die Euphorie in Paderborn, nach nur sieben Spieltagen.

Breitenreiter: Die Euphorie darf nicht zu unrealistischer Selbsteinschätzung werden. Wenn wir die Klasse halten, ist das eine noch größere Sensation als der Aufstieg. Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, dass wir beispielsweise in Leverkusen einen Punkt mitnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Paderborn das Leistungsmaximum schon erreicht?

Breitenreiter: Den Idealzustand wird man nie erreichen. Man kann sich immer verbessern. Auch wir, mit unseren Möglichkeiten, mit Spielern, die weitgehend aus der dritten und vierten Liga kommen und sich jetzt gegen Bundesligaspieler durchsetzen. Ich möchte mich auf diesem Erfolg nicht ausruhen. Ich möchte dafür sorgen, dass wir die Klasse halten. Der Verein muss jetzt die nächsten Schritte gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen schon 2013 Angebote anderer Vereine gehabt haben.

Breitenreiter: Ich bin kein Wappenküsser. Ich versuche authentisch zu sein und keine Rolle zu spielen. Was soll ich heute versprechen, was ich in fünf Wochen womöglich nicht mehr halten kann? Das ändert aber nichts daran, dass ich mich hier sehr wohlfühle. Das Gesamtpaket Paderborn ist hervorragend, auch um mich weiterzuentwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Es soll in Ihrem Vertrag eine Ausstiegsklausel geben.

Breitenreiter: Über Vertragsinhalte geben wir grundsätzlich keine Auskunft.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen gibt es Lob für Sie von allen Seiten. Was sagt eigentlich der heutige Bayern-Trainer Josep Guardiola zu Ihnen?

Breitenreiter: Das war für mich in München natürlich ein besonderes Erlebnis. Ich habe über Josep Guardiola Bücher gelesen, finde ihn klasse. Nach dem Spiel haben wir länger miteinander gesprochen. Er war beeindruckt von der Art und Weise, wie wir spielen, hat unser Angriffspressing gelobt. Er hatte sich zuvor zwei Spiele von uns angeschaut und gesagt, wir sollen das unbedingt weiter so machen.

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