Abstiegskandidat Paderborn Ein Klub wie ein Feuerwehrfest

Der SC Paderborn hat im Abstiegskampf vor dem letzten Spieltag die schlechtesten Aussichten. Kein Wunder: Der Provinzverein passt eigentlich nicht in die Event-Bundesliga. Und sollte genau deswegen drinbleiben.

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Seit fast zwölf Jahren lebe ich mittlerweile in Berlin. Der hiesige Erstligist Hertha BSC schwebt einen Spieltag vor Schluss noch in Abstiegsgefahr, wenn alles verkehrt läuft, könnte es die Berliner in dieser Saison tatsächlich erwischen. Es müsste mich irgendwie emotional anrühren, es ist doch der Bundesligist meiner Stadt.

Aber das Schicksal der Hertha ist mir vollständig egal.

Vor mehr als 20 Jahren habe ich meine Geburtsstadt Paderborn verlassen, ich habe an diese Stadt mindestens so viele ungute wie schöne Erinnerungen, ich verfüge über keine großen persönlichen Kontakte mehr dorthin, außer zu Abiturtreffen bin ich dort nie mehr gewesen.

Aber ich bange darum, dass der SC Paderborn in der 1. Bundesliga bleibt. Ich kann nicht dagegen an. Paderwasser ist offenbar dicker als Blut.

Paderborner Profis: Mehr oder weniger Zweitliganiveau
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Paderborner Profis: Mehr oder weniger Zweitliganiveau

Der Verein ist vor dem letzten Spieltag am Samstag mittlerweile Tabellenletzter, das Torverhältnis ist ein Desaster, die meisten Spieler weisen mehr oder weniger Zweitliganiveau auf, dem Trainer André Breitenreiter mit seiner "Herr Lehrer, ich weiß was"-Attitüde fliegen auch nicht die Sympathien im Sturm zu - und dennoch ist mir die Mannschaft in ihrem ersten Bundesligajahr ans Herz gewachsen.

Ich habe mich an Moritz Stoppelkamp erfreut, als er in der Hinrunde gegen Hannover 96 aus 83 Metern das Tor getroffen hat, ich bin stolz über den Ku'damm gelaufen, als der SCP am vierten Spieltag sogar mal Tabellenführer war. Paderborn und Bundesliga-Spitzenreiter - selten sind zwei Welten mit solcher Wucht aufeinandergeprallt. Auf meinem Büroschreibtisch liegt ein Aufkleber: "Paderboooahn!" Ich hätte nicht gedacht, dass mir so etwas einmal widerfährt.

Dieser Verein ist Ostwestfalen

Dieser Verein ist von einer derartig charmanten Piefigkeit, er ist dermaßen Underdog, er ist Ostwestfalen. In diesem Klub ist gar nichts mit Event-Charakter, der SC Paderborn ist so achtziger Jahre. In Zeiten von Public Viewing ist der SCP eher das Feuerwehrfest. Wo es auch mal rustikaler zugeht und das Möppkenbrot eher nachgefragt wird als das Fingerfood. Vor dem entscheidenden Abstiegsspiel gegen den VfB Stuttgart am Samstag (15.30 Uhr Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vermeldet der Verein per Pressemitteilung, dass sich die Schornsteinfeger des Kreises Paderborn als Glücksbringer zur Verfügung stellen.

Paderborner Fans: Das Feuerwehrfest der Liga
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Paderborner Fans: Das Feuerwehrfest der Liga

Der SC Paderborn hat sich nie bemüht, anders zu sein als die Stadt und die Region, in der er beheimatet ist. Das hätte auch nicht funktioniert. Der Trikot-Sponsor heißt nicht Gazprom, sondern "kfzteile24", zu den Sponsoren gehören "die Bank für Kirche und Caritas", der "Flughafen Paderborn/Lippstadt", die "Deutsche Saatveredlung AG" und der lokale Rundfunksender "Radio Hochstift".

Das Wort Provinz hat häufig einen bösen Unterton, das riecht nach Bohnerwachs und Spießigkeit. Es gibt aber auch so etwas wie den Anmut der Provinz, den Liebreiz des Kleinen. In der Bundesliga gibt es keinen Verein, der dies so sehr verkörpert.

Und wenn der Verein dann doch mal versucht hat, cool zu sein, so mit Internet und Video und so, dann ist das auch gleich in die Hose gegangen. Der Marketinggag eines fingierten Einbruchs in die Geschäftsstelle des SCP erntete bundesweit kollektives Kopfschütteln. Aber die eilig nachgeschobene Begründung nach dem Motto "Wir sind ein kleiner Verein, wir müssen ja auch mal dafür sorgen, dass wir ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen" war dann schon wieder äußerst putzig.

Und ein solcher Verein, dieser mittelständische Handwerksbetrieb der Fußballbranche, hat am allerletzten Spieltag der zur Weltmeisterliga hochgejazzten ersten deutschen Spielklasse immer noch die Chance, sich auf den Relegationsplatz zu retten. Und die Liga-Dickschiffe VfB Stuttgart und Hamburger SV hinter sich zu lassen. Eigentlich kann das gar nicht sein. Genau deswegen sollte es passieren.

Und wenn der SCP doch absteigt, und vieles spricht trotz aller Schornsteinfeger des Kreises Paderborn bedauerlicherweise dafür, dann schlagen wir eben in der kommenden Saison in der 2. Liga Arminia Bielefeld im Derby. Wir. So weit ist es schon gekommen.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
mpala 21.05.2015
1. Die Angst
vor Arminia treibt euch Paderborner hoffentlich gegen den VfB an.
netroot 21.05.2015
2. Liga
1. Liga: Paderborn:Hoffenheim Wolfsburg:Ingolstadt Freiburg:Braunschweig Augsburg:Mainz ..... 2. Liga: HSV : Nurnberg Stuttgart: Kaiserslautern .... Tja, Sport1 am Montag wird immer interessanter...
goethestrasse 21.05.2015
3.
tausche Paderborn 2014 gegen Darmstadt 2015
lichtmess 21.05.2015
4.
...hätte was, wenn dieser Underdog es noch schaffen würde, die "Dickschiffe" zu versenken. Vor der Saison dachte ich noch "was will Paderborn denn in der 1. Liga", aber wer mit so wenig Mitteln bis zum Ende ernsthaft mitmischt, hat meinen Respekt.
bärchen82 21.05.2015
5. Paderborn ist OWL?
Also ich komme aus dem Grenzgebiet zwischen Lippe und Höxter und mir gibt Paderborn nicht viel. Ist ne ganz andere Welt ;-) Da bin ich dann gerne provinziell. Allerdings nervt mich persönlich der Hype auch etwas. Meine Kumpels sind BVB-, Bayern-, Gladbach-, Werder- Köln-, HSV- Fans. Aber in den hiesigen Regionalzeitungen wird der Sportteil von SCP und Arminia dominiert. Für mich war das mit ein Grund das Westfalenblatt in seiner örtlichen Ausführung (Lippische Landeszeitung) nicht mehr zu abonnieren... Aber für gebürtige Bielefelder oder Paderborner mag das anders sein. Ist auch in Ordnung ;-)
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