Tönnies-Rückkehr zum FC Schalke 04 Eine erneute Beleidigung

Clemens Tönnies kehrt nach drei Monaten Pause zum FC Schalke 04 zurück - dass er Großvater geworden ist, scheint wichtiger als seine rassistische Äußerung.

Clemens Tönnies ist seit 2001 Vorsitzender des Aufsichtsrats beim FC Schalke 04: "Mir geht es um Afrika"
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Clemens Tönnies ist seit 2001 Vorsitzender des Aufsichtsrats beim FC Schalke 04: "Mir geht es um Afrika"

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Das Video, das sie beim FC Schalke 04 zur Feier der Rückkehr ihres Aufsichtsratsbosses Clemens Tönnies veröffentlicht haben, dauert fast zwölf Minuten. Aber es reichen die ersten 23 Sekunden, um zu verstehen, dass sich hier ein Verein und sein mächtigster Vertreter zum zweiten Mal entlarven.

"Das wichtigste Ereignis der letzten drei Monate", beginnt ein Moderator das Interview mit Tönnies, "und da darf ich wirklich von Herzen Glückwunsch sagen: Du bist Opa geworden." "Ja", antwortet Tönnies, der nicht etwa im Opa-Urlaub war, sondern wegen einer rassistischen Äußerung sein Amt drei Monate hatte ruhen lassen müssen. "Viele haben gefragt: Warum trägst du jetzt nen Bart? Und da hab ich gesagt: Wenn ich schon Großvater bin, dann muss ich auch aussehen wie ein Großvater."

Nur eine optische Wandlung

Dass Männer nach einer Abstinenz mit einer äußerlichen Veränderung zurückkehren, ist ein klassisches Motiv, um eine Wandlung zu illustrieren. "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann etwa kam bärtig und scheinbar der neuen Coolness angepasst aus dem Silicon Valley zurück. Was vorher war, ist jetzt Geschichte, davon soll der Bart künden. Er ist Haar gewordene, vergangene Zeit.

Doch im Fall Tönnies hat eine Wandlung nur optisch stattgefunden. Die Art und Weise, wie der 63-Jährige jetzt als eine Art verlorener Sohn wieder zurück im Klub aufgenommen wird, ist nichts anderes als eine Farce, die Schalke und seinen Aufsichtsratsboss gleichermaßen alt aussehen lässt.

Beim Handwerkstag zu Paderborn am 1. August hatte Tönnies eine Rede gehalten und dabei eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit offenbart. Der Fleischunternehmer sprach über eine mögliche Klimasteuer und sagte wörtlich: Wenn "wir in Deutschland" 27 Milliarden Euro ausgeben wollen, um 0,006 Prozent des Weltausstoßes an CO2 einzusparen, "warum gehen wir dann nicht her und geben das Geld ... unserem Entwicklungsminister? Der spendiert dann jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afrika. Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren."

Diese Sätze wurden oft verkürzt wiedergegeben. Aber auch im Original decken sie ein Denkmuster auf. Der fünfköpfige Ehrenrat des FC Schalke fand den Vorwurf des Rassismus trotzdem "unbegründet". Weil Tönnies aber gegen das in der Klubsatzung verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen hatte, habe dieser angeboten, drei Monate zu pausieren. So hieß es damals.

Das war der Selbstentlarvung erster Teil als ein Klub, dem seine Machtstrukturen wichtiger sind als ernsthaftes Einschreiten gegen Rassismus. Tönnies ist seit 2001 die Schlüsselfigur im Verein.

Als hätte Tönnies eine Krankheit überstanden

Der Selbstentlarvung zweiter Teil folgte nun, da die Diaspora endet. Der 63-Jährige darf jetzt wieder vollumfänglich seinen Aufgaben nachkommen. Und bei Schalke sind sie deshalb glückselig.

In einer Klubmitteilung heißt es, es sei "eine Rückkehr, die die Gremien des Vereins ausdrücklich begrüßen". Der stellvertretende Vorsitzende Jens Buchta freute sich "über die Komplettierung unserer Runde", und Sportvorstand Jochen Schneider stimmte ein Loblied an: "Mich hat es vom ersten Moment an beeindruckt, wie sehr sich ein erfolgreicher und vielbeschäftigter Unternehmer für seinen Klub einbringt und wie positiv er Schalke 04 lebt." Kein Wort findet sich im Statement über das, was vorgefallen war.

Die ganze, vom Verein orchestrierte Heimkehr hat die Tonalität, als habe Tönnies eine schwere Krankheit überwunden. Im Video darf er die drei Monate ohne Schalke als eine "harte Zeit" bezeichnen, in der er "ein Stück weit" gelitten habe. Und er darf unwidersprochen behaupten, er habe sich bereits bei denjenigen entschuldigt, die er verunglimpft hatte. Entschuldigt hatte er sich bisher aber nicht explizit bei den Betroffenen.

"Wenn sich jemand verletzt gefühlt hat, dann bitte ich ihn aufrichtig um Entschuldigung", sagt Tönnies nun im Video. Grundsätzlich habe es sich aber um ein großes Missverständnis gehandelt. "Mir geht es um Afrika. Ich sehe uns alle in Europa in der Pflicht, etwas für Afrika zu tun. Und das habe ich damit gemeint", sagt Tönnies.

Der Interviewer springt ihm dann zur Seite und sagt: "Wer dich kennt und weiß, was du alles getan hast in der Vergangenheit, dem muss eigentlich klar sein: Das kann nicht so gemeint gewesen sein." Eine ernsthafte Auseinandersetzung über das Gesehene ist in einer solchen Propaganda-Show nicht möglich.

Clemens Tönnies wird jetzt wieder die Geschicke beim FC Schalke 04 mitbestimmen. Er ist wiederauferstanden, als wäre nie etwas von wirklicher Tragweite passiert. Das ist eine Niederlage für all diejenigen im Land, die Antidiskriminierungsarbeit im Fußball leisten. Und es ist nicht weniger als eine zweite Beleidigung derjenigen, die von Tönnies verunglimpft wurden.



insgesamt 128 Beiträge
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klingsor68 07.11.2019
1. Das ehemalige "Sturmgeschütz" der Demokratie
Illegale Preiabsprachen, Ausbeutung, Cum-Ex-Geschäfte...das alles hat in über 20 Jahren Tönnies beim FC Schalke auch den Spiegel eher weniger tangiert. Aber rassistische Äußerungen - die absolut zu Recht heftig kritisiert wurden - da entdeckte der SPIEGEL plötzlich "Die verlorene Ehre des FC Schalke 04" (so die seinerzeitige Überschrift). Da kann man dann der Substitutionsempörung freien Lauf lassen, wenn man schon an die eigentlichen Themen nicht herangeht. Denn dann müsste man ja durchaus Fehlentwicklungen der Gesellschaft, die der SPIEGEL durchaus aktiv unterstützt hat, und somit sich selbst in Frage stellen. Tönnies wegen seiner Äußerungen in Frage zu stellen, ist korrekt. Es wegen seiner anderweitigen dubiosen Aktivitäten auch weiterhin nicht zu tun, ist armselig.
nobronski 07.11.2019
2. So werden wir mit den Themen......
....Rassismus, Antisemitismus und oder Rechtsradikalität nie einen "normalen" Umgang finden. Menschen machen Fehler. Bei einem Mörder, der 20 Jahre lang im Gefängnis "seine Strafe abgesessen hat", wird von anderen Menschen auch erwartet, ihn in die Gemeinschaft wieder aufzunehmen und die Resozialisierung zu unterstützen. Aber jemand, der, ohne Frage, rassistische Äußerungen getätigt hat, den möchte man am liebsten steinigen und manche Leute wünschen sich für derartige "Fälle" möglicherweise die Todesstrafe zurück. Es soll nicht sein, was nicht sein darf. Dem rechten Parteiengesocks versucht man, die Relevanz zu nehmen, in dem "Ignoranz" gefordert und gepredigt wird, um diesen Leuten nicht zusätzliche Aufmerksamkeit zu schenken. Aber hier tut man das, was "wir Deutschen" am besten können, nämlich sich aufzuregen und mit dem Finger auf jemand anderes zu zeigen.
migampe 07.11.2019
3. Ist es nicht langsam gut damit?
Herr Tönnies hat bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. So sehe ich letztendlich ausschließlich bei eben diesen Betroffenen, die Entschulödigung nicht anzunehmen. So, wie ich die Sache verfolgen konnte, gehört Jörn Meyn NICHT zu diesem Kreis. Herr Tönnies hat seine "Strafe" verbüßt. Wie lange wollen wir das noch wieder aufwärmen? Und ehrlich gesagt: Für "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" gibt es zahlreiche Beispiele in der Geschichte, die diese Bezeichnung "verdienen". Mit solchen Artikeln wie diesem hier werden eben diese Abscheulichkeiten aus der Geschiochte verharmlost. Hierin sehe ich das erheblich größere Problem!
jburkart 07.11.2019
4. Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Solange kein gesellschaftlicher Konsens erreicht ist, wie betroffene Personen von der Ausübung politischer (-> @realDonaldTrump) oder gesellschaftlicher Ämter abgehalten bzw. wie sie aus diesen wieder entfernt werden können, werden solche unsäglichen Vorkommnisse leider weiter zur Tagesordnung gehören. Nicht heilsam (weil nicht theraperbar), aber zumindest hilfreich wäre eine komplette gesellschaftliche Isolation. Diese wird aber durch komplementär gestörte "Flying Monkeys" regelmäßig verhindert. Das Problem wird sich noch stark vergrößern, wenn der ganze "hochbegabte" Nachwuchs der Hubschraubereltern auf uns losgelassen werden. Schöne Aussichten...
mallekalle 07.11.2019
5.
Irgendwann sollte dann auch mal gut sein. Was erwartet denn der Herr Kommentator? Ewige Schuld ? Und ja, wenn man Großvater wird, das ist tatsächlich wichtiger.
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