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Keller-Aus bei Schalke 04 Ein seltsamer Verein

Jens Keller muss Schalke 04 verlassen, Roberto Di Matteo soll dem Klub die Saison retten. Aber ist es wirklich so einfach getan mit dem Trainerwechsel? Nein. Denn die wahren Ursachen der Krise bleiben ungelöst.

Die ersten öffentlichen Sätze von Horst Heldt am Dienstagvormittag klangen verdächtig nach einem Mechanismus, der in der deutschen Fußballsprache mit dem Begriff "Feuerwehrmann" beschrieben wird. Der Manager des FC Schalke 04 hatte am Abend zuvor Trainer Jens Keller entlassen und in dem Italiener Roberto Di Matteo auch gleich einen Nachfolger gefunden. Nun teilte Heldt mit: "Wir sind der festen Überzeugung, dass Roberto Di Matteo das Team stabilisiert und es schafft, unsere Ziele in der Bundesliga und der Champions League zu erreichen."

Mit anderen Worten: Die Aufgabe des Italieners ist Schadensbegrenzung. Es ist ja keine Neuigkeit, dass die Schalker ihre teure Mannschaft ohne die Gelder aus der Champions League kaum bezahlen können. Allerdings wirkt die Entlassung Kellers damit wieder einmal wie ein klassischer Akt der Panik. Dabei ist selbst von außen seit Langem erkennbar, dass der FC Schalke 04 an ganz anderen Stellen krankt.

Natürlich ist Di Matteo zuzutrauen, dass er die Saisonziele erreicht, aber viele Schalker hätten sich gewünscht, dass der neue Mann als Visionär vorgestellt worden wäre. Als Trainer, der helfen soll, die tieferen Zusammenhänge hinter dem ewigen Schalker Zyklus zwischen Scheitern und kurzfristigen Erfolgen aufzudecken. Aber diese Abgründe wollen Heldt und Aufsichtsratschef Clemens Tönnies offenbar weiterhin selbst unter Kontrolle halten.

Top-Verdiener ohne top Leistung

Keller ist nicht nur gescheitert, weil er offenkundige Defizite als Trainer hat. Mindestens genauso schwer wiegen die Unzulänglichkeiten dieses seltsamen Fußballvereins.

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Trainer Keller auf Schalke: Auf und ab, immer wieder

Foto: Kevin Kurek/ dpa

Auf der Suche nach den tiefer liegenden Gründen der Schalker Misere landet man schnell bei Manager Horst Heldt, der die Mannschaft zusammengestellt hat. Neben dem Vorwurf eines ungesunden Gehaltsgefüges gibt es auch die These, dass Verletzungsanfälligkeiten und Fitness in der Transferaktivität des Managers nicht genug Beachtung finden. Leute wie Sidney Sam oder Kevin-Prince Boateng wurden als Top-Spieler präsentiert, obwohl bekannt ist, dass sie selten mehrere Wochen am Stück beschwerdefrei Fußball spielen können. Top-Verdiener sind sie trotzdem.

Das Team wird von schwierigen Charakteren dominiert, was man Keller ebenso wenig vorwerfen kann wie die heterogene Gehaltsstruktur. Stars wie Klaas-Jan Huntelaar oder Boateng verdienen mitunter siebenmal so viel wie einige andere Schalker Profis. Wenn sich diese Diskrepanzen nicht in der Leistung spiegeln, bietet sich eine fruchtbare Grundlage für Unzufriedenheit und Konflikte.

Immer wieder im Motivationsloch

Außerdem waren teure Transfers wie Christian Clemens, Adam Szalai, Felipe Santana, Tranquillo Barnetta oder Timo Hildebrand, für die entweder hohe Ablösesummen oder aber enorme Gehälter fällig wurden, nur mäßig erfolgreich. Wirklich stolz können die Schalker nur auf die Entwicklung von jungen Spielern wie Julian Draxler, Max Meyer, Joel Matip, Sead Kolasinac oder Ralf Fährmann sein. Die ist aber eher ein Erfolg Kellers als des Managers. Insofern steht mit dieser Entlassung endgültig auch Horst Heldt im Fokus der Kritik.

Wobei man dem Manager zugutehalten muss, dass bei den Transfers auch Aufsichtsratschef Clemens Tönnies mitredet, ein Mann, der selbst schon zugegeben hat, eigentlich kein Fußballfachmann zu sein. Es ist sicher nicht einfach, unter dem Fleischfabrikanten aus Rheda-Wiedenbrück zu arbeiten.

Opfer dieser komplizierten Schalker Konstellation ist nun mal wieder der Trainer. "Das Wichtigste für einen Trainer ist, eine geschlossene Einheit zu bilden", hat Nachfolger Di Matteo einmal in einem Interview gesagt. Keller hat das nie geschafft. Die Frage, ob sein Nachfolger besser mit dieser Herausforderung klarkommt, ist eine der Schlüsselfragen der kommenden Monate.

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass der Schwabe die Mannschaft fußballerisch nicht weiterentwickelt habe, und eine für ein Spitzenteam eher unangemessene Spielweise einüben ließ. Schalke war in dieser Saison nur in jenen Spielen gut und erfolgreich, in denen der Gegner mehr Ballbesitz hatte. Vor allem aber stürzten einzelne Spieler unter Keller immer wieder in Motivationslöcher, was sich mehrfach in katastrophalen läuferischen Leistungen niederschlug.

Solche Defizite werden ja tatsächlich manchmal behoben von Trainern, für die der Begriff "Feuerwehrmann" in den Fußball übernommen wurde.

Jens Keller auf Schalke