S04 nach dem Derby Schon fast auf Augenhöhe

Aus dem Revierderby kann Schalke 04 viel Positives mitnehmen: Die Mannschaft ist auf einem guten Weg, den verkorksten Saisonstart vergessen zu machen. Vor allem, weil sie die Ideen ihres Trainers immer besser umsetzt.

Dortmunds Matthias Ginter (r.), Schalkes Eric Maxim Choupo-Moting
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Dortmunds Matthias Ginter (r.), Schalkes Eric Maxim Choupo-Moting

Aus Dortmund berichtet


Für einige Sekunden versank das Westfalenstadion in einen Zustand tiefer Stille, als Schiedsrichter Felix Brych seinen finalen Pfiff ertönen ließ. 80.000 hoch emotionalisierte Menschen fielen in ein Loch, brauchten etwas Zeit, um sich darüber klar zu werden, was genau sie nach diesem 0:0 im Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 fühlen sollten. Freude? Enttäuschung? Oder so etwas wie neutrale Zufriedenheit? Irgendwie hatten die Anhänger beider Glaubensrichtungen das Gefühl, dass mehr drin gewesen wäre. Und beide Parteien konnten erleichtert sein, nicht verloren zu haben.

Es war der Block mit den Schalker Fans, der irgendwann das Schweigen brach und zaghaft jubelte. Der ganz große Coup, ein Auswärtssieg, war zwar nicht gelungen, aber sie reisen mit der Erkenntnis in die königsblaue Heimat, dass sie in diesem Oktober beinahe aufgeschlossen haben zum BVB, dem sie nun jahrelang mit einer Mischung aus Neid, Missgunst und heimlicher Bewunderung hinterhergehechelt waren. "Uns hilft der Punkt, insbesondere in der Hinsicht, dass wir immer mehr an uns und an den Fußball glauben, den wir spielen wollen", sagte der Schalker Manager Christian Heidel.

Schalkes neue Lust am Verteidigen

In der Tabelle hilft das gewonnene Pünktchen zwar weniger, aber an so einem Derbytag geht es grundsätzlich eher um gefühlte Wahrheiten - und die waren ziemlich erfreulich für Schalke. Lange Zeit waren sie die selbstbewusstere Mannschaft und stellten sogar einen historischen Rekord auf: Seit 1992 mit entsprechenden Datenerhebungen begonnen wurde, waren sie die erste Mannschaft, die in einer ersten Bundesligahalbzeit in Dortmund keinen einzigen Torschuss zugelassen hat.

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Einzelkritik Schalke 04: Bentaleb, der Stratege

"Das ist genau, was wir wollten, Dortmund von unserem Tor weghalten, das ist unsere Vorwärtsverteidigung", sagte Heidel, dessen neu formiertes Team lange Zeit modernsten Spitzenfußball gespielt hatte. "Wir haben ein gutes Umschaltspiel gezeigt und waren die bessere Mannschaft", fand der Manager: "So langsam setzt sich das Ding ganz gut zusammen." Und weil sie auch mehrere tolle Spielzüge nach vorne vortrugen, hatten die Schalker schon gute Gründe, sich ein wenig zu ärgern. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie die unerfahrenen Dortmunder auf einen Rückstand im Heimderby reagiert hätten.

Denn Schalke hatte Freude an der deutlich spürbaren Verunsicherung des BVB, der keines seiner vier Ligaspiele im Oktober gewonnen hat, während Schalke im gleichen Zeitraum acht Punkte holte und wettbewerbsübergreifend fünf von sieben Partien gewann. "Genauso müssen wir weitermachen, um den Start weiter zu korrigieren", erklärte Trainer Markus Weinzierl zufrieden.

Die Schalker waren klug genug, sich nicht öffentlich zu ärgern, sie wollen ja nicht größenwahnsinnig erscheinen nach ihrem katastrophalen Saisonbeginn. In der zweiten Halbzeit gerieten sie überdies mächtig unter Druck und hatten Glück, nicht noch verloren zu haben. Zugleich hinterließen die ersten 45 Minuten jedoch das Gefühl, dass hier mehr möglich gewesen wäre.

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Dortmund vs. Schalke: Mehr als ein Spiel

Weinzierl findet langsam seine erste Elf

Das 3-5-2-System, das Weinzierl derzeit spielen lässt, bietet für viele Spieler ein ganz wunderbares Umfeld zur Entfaltung der eigenen Stärken. Der neue Innenverteidiger Naldo hat seine Neigung zu dummen Fehler abgestellt. Sead Kolasinac, der in der zweiten Hälfte mit einer großartigen Rettungstat gegen Christian Pulisic die Schalker Null gehalten hatte, funktioniert ganz wunderbar in seiner Pendelrolle zwischen Mittelfeld und linker Abwehrseite. Und die Offensivspieler Max Meyer, Nabil Bentaleb und Leon Goretzka bilden ein Zentrum, das genug Potenzial für die Champions League hat. "Wir fühlen uns wohl in diesem System", sagte Kapitän Benedikt Höwedes, der aber auch warnend den Zeigefinger hob.

Man dürfe nie mehr den Fehler der ersten Saisonwochen machen, als die Mannschaft in alte Gewohnheiten verfiel und Räume verteidigte, statt permanent an einer aktiven Balleroberung zu arbeiten. "Wir müssen immer nach vorne verteidigen, den Gegner immer in Schwierigkeiten bringen", sagte der Kapitän. Unter dem Einfluss des Derbyadrenalins fiel das natürlich bedeutend leichter als an einem grauen Wintertag irgendwo in der Bundesligaprovinz.

Insgesamt präsentiert sich der Klub aber in einem erstaunlich vitalen Gesamtzustand. Selbst die Ausfälle von Breel Embolo und Klaas-Jan Huntelaar, der sich am Freitag schwer am Knie verletzte, steckt dieser Kader derzeit ziemlich gut weg. Vor allem aber ist eine neue innere Überzeugung entstanden. Der Glaube an eine Zukunft auf Augenhöhe mit dem BVB. "Ich hätte gerne das Gefühl gehabt, dass wir ein Tor schießen, aber man kann ja nicht alles gleich im ersten Jahr haben", sagte Heidel irgendwann. Sie haben noch viel vor in Gelsenkirchen.

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Seite 1
Nonvaio01 30.10.2016
1. sorry aber
was fuer ein Spiel hat der Mensch gesehen? Schalke war total unterlegen, viele Amatuerhafte fehler, kein plan....die waren froh das der BVB das Tor nicht getroffen hat. Technisch war das spiel, auf einem schlechten niveau, beide Mannschaften haben defizite in den elementaren faehigkeiten im spiel. Kampfgeist war auf jeden fall vorhanden, aus dem gesichtspunkt ein tolles spiel. Wer aber technisch guten Fussball mag, wurde entaeuscht.
trader_07 30.10.2016
2. Ich frage mich eher...
Zitat von Nonvaio01was fuer ein Spiel hat der Mensch gesehen? Schalke war total unterlegen, viele Amatuerhafte fehler, kein plan....die waren froh das der BVB das Tor nicht getroffen hat. Technisch war das spiel, auf einem schlechten niveau, beide Mannschaften haben defizite in den elementaren faehigkeiten im spiel. Kampfgeist war auf jeden fall vorhanden, aus dem gesichtspunkt ein tolles spiel. Wer aber technisch guten Fussball mag, wurde entaeuscht.
Ich frage mich eher, welches Spiel SIE denn gesehen haben. Die erste Halbzeit des BVB war historisch schlecht! Es war die erste Halbzeit des BVB (seit Beginn der Datenaufzeichnung 1992), in der nicht ein einziger Torschuss zustande gekommen ist. Und das auch noch in einem Heimspiel. Da können die Dortmunder froh sein, dass Schalke nicht das Tor getroffen hat.
benedetto089 30.10.2016
3.
"Unter dem Einfluss des Derbyadrenalins fiel das natürlich bedeutend leichter als an einem grauen Wintertag irgendwo in der Bundesligaprovinz." Dieser Satz beschreib das Problem, dass einige etablierte Bundesligisten, wie Wolfsburg, Schalke und auch Leverkusen haben. Die Bundesligaprovinz gibt es so nicht mehr. Man fährt halt nicht mehr einfach so nach Frankfurt, Ingolstadt oder Köln und nimmt die Punkte mal eben im vorbeigehen mit. Nach Bayern kommt lange nichts, aber dahinter ist das Niveau ziemlich ausgeglichen. Wenn man da nicht jedes Spiel Vollgas gibt steht auch schnell mal auf Platz 12 oder noch weiter unten.
dieter 4711 30.10.2016
4. Für die Augenhöhe, höhere Absätze
Aber nur "fast". Für die Augenhöhe braucht S04 noch höhere Absätze. (Vorsicht, Ironie)
The Project 31.10.2016
5. Mit Trainer Tuchel, ....
.... wird der BVB sicher bald auf Augenhöhe von Schalke sein. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, Trainer Tuchel hat einen Freifahrschein, um die 100 Millionen Investition in neue Spieler voll in den Sand setzen zu dürfen. Tuchel erreicht die Mannschaft nicht mehr, und bald wird er sich selbst ins Aus rotiert haben. CL ade für nächste Saison.
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