Schalker Niederlage in Lissabon "Hätte, wenn und aber - Fahrradkette"

Bisher funktionierte unter Schalke-Trainer Di Matteo wenigstens die Abwehr. Doch im Champions-League-Spiel bei Sporting Lissabon brach auch die auseinander. Da halfen auch keine verunglückten Erklärungsversuche.

Aus Lissabon berichtet


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Am Ende eines enttäuschenden Abends missglückte dem Sportchef sogar der Versuch, seine Zuhörer mit einem kleinen Reim zu erheitern. "'Hätte, wenn und aber - Fahrradkette', würde jetzt Peer Steinbrück sagen", verkündete Horst Heldt, nachdem er zuvor mit vielen Konjunktiven erklärt hatte, wie die vier Gegentore zu vermeiden gewesen wären, die sein FC Schalke 04 bei Sporting Lissabon zugelassen hatte. Und wie sein eigenes Team selbst noch ein paar weitere Treffer hätte schießen können.

"Hätte, hätte, Fahrradkette" - so lautete der Spruch von Steinbrück richtig. Der Politiker wollte damit aber rhetorische Winkelzüge anderer bloßstellen, Heldt dagegen stellte seine eigenen Erklärungen in Frage und die seines Trainers noch dazu. Denn beide hatten die vielen Fragen nach der verlorenen Ordnung, nach den zahllosen individuellen Fehler, nach der schwachen Gesamtleistung des Teams, die für die 4:2-Niederlage bei Sporting Lissabon verantwortlich waren, mit dem Verweis auf eine ganze Reihe Schlüsselszenen erklärt.

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Schalke-Niederlage in Lissabon: Frühe Führung, herbe Niederlage
Es waren Argumente, die durchaus für Diskussionen taugen. Allerdings gingen sie am Kern des Problems vorbei. Schalke 04 war einfach die schlechtere Mannschaft, die Niederlage war schlicht verdient.

Und das, obwohl der erste Teil des Matchplans hervorragend aufgegangen war. Früh im Spiel verlängerte Islam Slimani einen Freistoß von Dennis Aogo ins eigene Tor (17.). Danach schafften es die Schalker jedoch zu keinem Zeitpunkt, ihre Defensive stabil zu kommen. Statt der vier Gegentore hätten es auch sechs oder sieben werden können.

Das ist erstaunlich, denn Ordnung und Disziplin bei gegnerischem Ballbesitz waren in den ersten drei Bundesligapartien unter Roberto Di Matteo Merkmale des Fortschritts. Nur einen einzigen Gegentreffer hat das Team in der Liga zugelassen, in zwei Europapokalspielen sind es nun schon sieben Gegentore. Auf die Frage, wie das zu erklären sei, begab sich auch Di Matteo in die Rhetorik der Konjunktive, und zählte lauter Einzelszenen auf, die anders hätten gelöst werden müssen.

"Sind nicht in der Lage, viel Druck auf den Gegner zu machen"

Warum er den völlig überforderten Christian Fuchs nicht früher von seinem Leid erlöste, beantwortete Di Matteo hingegen nicht. Der Österreicher hätte eben von den Mitspielern unterstützt werden müssen, als er wieder und wieder überlaufen wurde. "Wir hatten zu viele Situationen, wo wir nur hintraben, statt richtig auf den Gegenspieler draufzugehen", sagte Kapitän Benedikt Höwedes. Und Klaas-Jan Huntelaar, der erneut in der Luft hing und von seinen Mitspielern kaum einen vernünftigen Ball zugespielt bekam, wurde noch deutlicher. "Man sieht, dass wir fußballerisch nicht in der Lage sind, sehr viel Druck auf den Gegner zu machen."

Grundsätzlich war die Aufstellung mit Fuchs als Linksverteidiger, Max Meyer im offensiven Mittelfeldzentrum, Aogo auf der Sechs und den Außenstürmern Chinedu Obasi sowie Eric-Maxim Choupo-Moting ein mutiges Experiment. Doch der Versuch, das lahme Angriffsspiel zu beleben, ging schief, was auch mit der Saisonvorbereitung unter Trainer Jens Keller zu tun haben könnte, wie Höwedes in der Nacht andeutete.

Als jemand sich erkundigte, ob die geistige Frische fehlt, sagte der Weltmeister. "Nicht nur geistige Frische, es fehlt auch körperliche Frische. Wir müssen schon ein bisschen was aufholen, das ist klar", sagte Höwedes und gestand, dass sein Team "in der intensiven Phase" mit den vielen englischen Wochen "nicht jedes Spiel über 90 Minuten gehen" könne.

Schalke hat also weiter reichlich Probleme, die nun auch noch durch die Konstellation in der Champions-League-Tabelle erweitert werden. Nach dieser Niederlage müssen die Schalker Ende November gegen den FC Chelsea punkten, andernfalls wären sie am letzten Spieltag auf fremde Hilfe angewiesen, um den angestrebten Achtelfinaleinzug zu erreichen. Wobei schon das Spiel am Samstag gegen ausgeruhte Freiburger eine gewaltige Herausforderung für diese labilen Schalker darstellen dürfte.

Sporting Lissabon - Schalke 04 4:2 (1:1)
0:1 Slimani (17., Eigentor)
1:1 Sarr (27.)
2:1 Jefferson (52.)
3:1 Nani (72.)
3:2 Aogo (88.)
4:2 Slimani (90.+1)
Sporting: Patrício - Cedric, Sarr, Oliveira, Jefferson - William - Adrien, João Mário (82. Rosell) - Nani (89. Capel), Mané (68. Diaz) - Slimani
Schalke: Fährmann - Uchida, Höwedes, Neustädter, Fuchs (78. Kirchhoff) - Höger, Aogo - Obasi (69. Sam), Meyer (65. Kevin-Prince Boateng), Choupo-Moting - Huntelaar
Schiedsrichter: Tagliavento (Italien)
Zuschauer: 35.473
Gelbe Karten: Sarr, João Mário (2), William (2) - Huntelaar (2), Fuchs



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denis111 06.11.2014
1. Der Horst...
...eben ein echter Vollhorst. Richtig, Herr Heldt, theoretisch hätte Schalke 5:1 gewinnen können. Wenn Ihr drei Tore mehr und die Gegner 3 weniger geschossen hätten. Man, wart Ihr nah' dran!
viceman 06.11.2014
2. mal ehrlich,
di matteo hatte bisher das glück, daß j.keller gefahlt hat. in den letzten 5 spielen hat s04 niemals überzeugt und trotzdem 3 x gewonnen. aber mit dem glück ist das so eine sache, die strähne reißt und wenn sich nicht etwas grundlegendes an der mannschaft tut, ist der trainer ende der saison weg...
aurichter 06.11.2014
3. Warum di Matteo
bei Chelsea freigestellt wurde dürfte nun auch den eingefleischten Keller-Hatern aufgegangen sein. Der Trainer taugt für Schalke nicht. Wer mit einem aufgepumpten Kader in London nichts anzufangen weiss ausser Cattenaccio, der bringt auch auf Schalke mit der Würfeltruppe nichts zustande. Ich befürchte, dass bereits nach der Winterpause wieder ein anderes Gesicht die Bank ziehrt. Keller wird sich seinen Teil denken und schmunzeln im Kämmerlein.
cmann 06.11.2014
4. Anspruch und Wirklichkeit,
Es hat sich in Lissabon deutlich gezeigt wo S04 nach dem Dusel Sieg wirklich steht. Auch Di Matteo scheint auch nur "mit Wasser" zu kochen. Aus meiner Sicht hat Schalke, nach den gezeigten Leistungen in der Gruppenphase kein Champions League Format. Ich hoffe, das es wenigstens für die Euro League reicht.
harryklein 06.11.2014
5. Berichterstattung
Ich denke, es wäre nun für Herrn Theweleit an der Zeit, in der gleichen Weise auf Herrn Di Matteo einzuprügeln wie seinerzeit auf Herrn Keller und seine baldmöglichste Entlassung zu fordern, statt weiterhin aus Andeutungen der Spieler eine Restschuld Kellers zu konstruieren. Schließlich gab es nun ja bereits reichlich Zeit, die Spieler auf einen besseren Fitnessstand zu bringen. Höwedes erwähnt den Namen Keller anscheinend nicht, wie Herr Theweleit insinuiert.
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