Schalke 04 Stil im Keller

Auch wenn er wohl bis zum Saisonende bleiben darf: Jens Keller ist bei Schalke 04 nur noch Trainer auf Abruf. Täglich wird neu über seinen Nachfolger spekuliert. Dabei kann Keller in seinem Amtsjahr durchaus Erfolge vorweisen. Aber der Rückhalt vom Verein hat von Anfang an gefehlt.

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Wahrscheinlich will niemand im Moment Jens Keller sein. Der Trainer des FC Schalke 04 hat den wohl bedauernswertesten Job in der deutschen Fußballbranche. Derzeit darf er täglich zum Frühstück Neuigkeiten über seinen potentiellen Nachfolger Thomas Schaaf lesen: Kommt er im Winter, kommt er erst zur neuen Saison? Anschließend soll er dann hochmotiviert zum Training fahren und seine Profis für das letzte Ligaspiel des Jahres beim 1. FC Nürnberg (Samstag 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) begeistern.

Das ist ein unwürdiges Schauspiel. Eines mehr dieser Art auf Schalke.

Der neueste Stand: Vorstand und Aufsichtsrat sollen sich nach "Bild"-Informationen darauf verständigt haben, dass Keller auch die Rückrunde noch auf der Bank als Chefcoach bestreiten darf. Was die Personalie Schaaf als dann anschließender Coach auf Schalke noch wahrscheinlicher macht: Es ist bekannt, dass die frühere Bremer Trainer-Ikone ungern während der Saison auf einen Trainerstuhl gewechselt wäre. Für Schaaf ist so etwas eine Frage von Stil.

Damit hat er den Schalker Vereinsbossen einiges voraus.

Seit nun exakt einem Jahr verantwortet Keller die sportlichen Dinge bei den Königsblauen. Zu den Fakten: Er hat das Team in der Vorsaison auf Platz vier gebracht, es war das Beste, das man aus jener Saison noch herausholen konnte. Mancher sah danach die Mannschaft mit ihrem enormen Potential sogar schon als Titelanwärter für die neue Saison. Das Team hat sich im Sommer in den Playoffs für die Champions League qualifiziert, es hat dort die Gruppenphase überstanden und steht jetzt im Achtelfinale - und das, obwohl Torjäger Klaas-Jan Huntelaar seit Monaten verletzungsbedingt fehlt. Das muss man erst einmal schaffen.

Genauso wahr ist aber auch: Das Team hat sich im Lauf dieses Jahres taktisch und spielerisch kein Stück weiterentwickelt - trotz namhafter Zugänge wie Kevin-Prince Boateng, Adam Szalai, Dennis Aogo. In der Defensive offenbaren sich teilweise erschreckende Defizite, nach vorne ist wenig Struktur erkennbar, vieles ist von den genialen Momenten der Einzelkönner Boateng, Julian Draxler und Jefferson Farfán abhängig. Die Torwartfrage wabert ungelöst vor sich hin.

Keller kann keinen Aufbruch vermitteln

Die zweifellos vorhandenen sportlichen Erfolge haben zudem keinerlei Euphorie beim an sich leicht euphorisierbaren Schalker Anhang ausgelöst, Mäkeln ist das Tagesgeschäft, die Stimmung ist schlecht. Keller ist von seiner Persönlichkeit her keiner, der Aufbruch vermittelt, wie es ein paar Kilometer weiter weg sein Dortmunder Kollege in Permanenz versucht. Er ist der Anti-Klopp, das gilt in positiver wie negativer Hinsicht.

Der Trainer hat sich mehrfach beklagt, dass er von Anfang an in der Öffentlichkeit keine echte Chance bekommen habe, sondern seit seinem Amtsantritt in der Kritik stehe. Tatsächlich ist Keller selbst in den guten Phasen das Image eines Übergangscoaches nicht losgeworden. Was zu einem Teil an seiner Außendarstellung liegt, zum Teil an den spielerisch mäßigen Vorstellungen der Mannschaft. Vor allem aber daran, dass die Vereinsverantwortlichen ihr Möglichstes getan haben, die Autorität von Keller auszuschachten.

Bereits in der Rückrunde der Vorsaison war der umtriebige Sportvorstand Horst Heldt zu einem Gutteil seiner Arbeitszeit damit befasst, sich auf die Suche nach einem neuen Coach zu machen - wohlgemerkt, während Keller Woche für Woche darum kämpfte, den FC Schalke auf einen Champions-League-Platz zu hieven. Dass Heldt bereits im März intensiv mit Frankfurts Coach Armin Veh verhandelte, wurde großflächig auf dem Boulevard ausgetragen. Der voreilige Satz von "Bild"-Sportkolumnist Alfred Draxler, Vehs Weg sei "inzwischen schon so breit wie eine sechsspurige Autobahn", gehört längst zu den Sport-Bonmots des Jahres.

Das Spiel mit Veh wiederholt sich

Keller ist vermutlich nur noch im Amt, weil Veh sich im Frühjahr gegen Schalke und für seinen Verein Eintracht Frankfurt entschieden hat.

Das Spiel mit Veh wiederholt sich also derzeit, nur dass der Veh jetzt Schaaf heißt. Wieder war die "Bild"-Zeitung vorgeprescht und hatte vermeldet: Der Vertrag mit Schaaf liegt bereits unterschriftsreif vor.

Clemens Tönnies hat nach Tagen der Spekulationen am Dienstag jede Einigung mit dem ehemaligen Werder-Coach dementiert. Und Schalke-Sprecher Thomas Spiegel verweist auf SPIEGEL ONLINE auf den offiziellen Sprachgebrauch, der lautet: Man wartet erst einmal das Nürnbergspiel ab und analysiert dann die Trainersituation. Die täglichen Gerüchte fangen sie damit aber nicht mehr ein. Heldt und Tönnies lassen die Dinge erneut treiben. Da ist keiner, der mit einem klaren öffentlichen Wort die Lage beruhigt. Schlimmer noch: keiner, der die Lage beruhigen will.

Keller wird derweil jeden Tag ein Stück weiter desavouiert. Nachdem am Montag die Champions-League-Achtelfinals ausgelost wurden, sagte er kreuzbrav, er freue sich "riesig" auf den Gegner Real Madrid. Was soll er auch sonst sagen?

Der Neue soll also Thomas Schaaf heißen, und er wird dann wohl erst zur neuen Saison kommen. Schaaf, die treue Bremer Seele, in Bremen, dort, wo fast alles anders ist als auf Schalke. Schaaf, der nichts mehr schätzt, als in Ruhe und über viele Jahre ungestört zu arbeiten.

Am liebsten hat er das übrigens mit einem verlässlichen Sportdirektor an seiner Seite getan.

insgesamt 56 Beiträge
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neurobi 17.12.2013
1. Mittelmaß
Auf Schalke glaubt man immer ein Spitzenteam zu sein, sich mit dem BVB oder gar den Bayern messen zu koennen. Dabei ist man eher mit Teams wie Hertha, Bremen oder dem HSV aauf Augenhöhe.
Heigoto 17.12.2013
2.
Wenn man die Art und Weise sieht, wie mit Keller umgegangen wird, dann möchte doch keiner Trainer auf Schalke sein.
rambo-1950 17.12.2013
3. Schreiberlinge - hört doch endlich....
mal damit auf diesen Mann ständig in eure Kampagnen und Karussel das ihr veranstaltet mit rein zu ziehen. Gebt dem Mann eine faire Chance wie ihr sie auch bekommen habt, sonst wären viele eurer Kollegen und evtl selbst, weg vom Fenster........
andreasm.bn 17.12.2013
4. ich kann mir nicht vorstellen....
dass der Schaaf sich das antut! So dumm kann der nicht sein.
paul.oberste-frielinghaus 17.12.2013
5. Traurig
Wer in diesem Umfeld etwas zustande bringt, hat eine Ehrenmedaille verdient. Das Problem ist Horst Heldt!
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