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Bundesliga: Kellers erfolgreiches Wiedersehen

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Schalke-Sieg gegen Stuttgart Die Katastrophen-Abwender

Vom Ärger zur Glückseligkeit: Eigentlich herrschte auf Schalke ein "Reizklima", doch nach dem Sieg gegen Stuttgart lagen sich Spieler, Trainer und Fans in den Armen. S04 scheint nur unter Druck zu funktionieren - die neu gewonnene Harmonie wird nun dreimal auf die Probe gestellt.

Ein Mix aus Wärme und Leidenschaft erfüllte die Schalker Arena in der letzten Viertelstunde der Partie gegen den VfB Stuttgart. Die Fans in der Nordkurve schunkelten sich in den Advent. Gelsenkirchen war glücklich, versöhnt, ja beinahe euphorisch nach dem 3:0 gegen den VfB Stuttgart. In gewisser Weise war diese Reaktion des Publikums eine noch viel größere Überraschung als der klare Sieg gegen die Gäste.

Sogar S04-Trainer Jens Keller konstatierte, dass der Verlauf des Abends "nicht ganz so selbstverständlich" war, denn 90 Minuten vor der Schunkelei war noch von einem "Reizklima" die Rede. Zu oft hatte das Schalker Team zuletzt fußballerisch enttäuscht. Torhüter Ralf Fährmann sprach von einem "Schockzustand", weil Dennis Aogo sich im Abschlusstraining einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, außerdem kursieren Zweifel am Stammtorhüter Timo Hildebrand, am Trainer, am Management, am Aufsichtsrat und an der Stabilität des Knies von Kevin-Prince Boateng.

Doch davon war nach dem Abpfiff gegen Stuttgart kaum etwas zu spüren: "Die Sicherheit ist wieder drin, auch hinten, und vorne haben wir viel Spielwitz gehabt", sagte Boateng nach der Partie. Schalke hatte zwar auch Glück gehabt, etwa als Timo Werner in der 31. Minute eine Großchance vergab, aber am Ende war der Club "gieriger", wie Stuttgarts Sportdirektor Fredi Bobic sagte.

Sonderlob für das Enfant terrible

Schalke hatte tatsächlich eine gute Leistung gezeigt: Jefferson Farfan kommt nach seiner Verletzung immer besser in Form, der Peruaner erzielte die ersten beiden Treffer (34. Minute, 47.), Ersatztorhüter Fährmann strahlte die Ruhe aus, die Timo Hildebrand zuletzt häufig fehlte, Julian Draxler spielte viele kluge Pässe. "Heute ist alles so gelaufen, wie wir uns das vorgenommen haben, vor allem, was das Engagement und die Laufbereitschaft angeht", sagte Kapitän Benedikt Höwedes.

Sogar das Enfant terrible verdiente sich ein Sonderlob: Jermaine Jones habe "ein Bombenspiel gemacht", sagte Keller. Und das, nachdem der US-Nationalspieler in den "letzten Wochen sehr viel auf die Ohren bekommen hat, von uns und von außen". Zwischenzeitlich war Jones wegen seines undisziplinierten Verhaltens sogar suspendiert gewesen, immer wieder wurde er kritisiert, weil seine riskante Spielweise zu Platzverweisen führt. Gegen Stuttgart aber fand er die richtige Balance zwischen Aggressivität und Besonnenheit - und traf sogar zum 3:0 (70.).

Das Tor war der Schlusspunkt eines Abends, der schon mit lautem Jubel begonnen hatte. Mit einem eigens produzierten Trickfilm gab Schalke vor Anpfiff auf dem Videowürfel die Vertragsverlängerung von Max Meyer bis 2018 bekannt. Er habe "viel Vertrauen vom Trainer und vom Manager bekommen", sagte Meyer später, daher sei für ihn trotz diverser Angebote von Spitzenclubs aus der englischen Premier League "immer klar" gewesen, dass er auf Schalke bleiben wolle. Zwar gibt es wohl eine Ausstiegsklausel, die ist aber so gestaltet, dass Horst Heldt "sehr lange, sehr gut schlafen" kann, wie der Manager sagte.

Trügerische Ruhe

Doch die neue Harmonie auf Schalke ist trügerisch: Eine Niederlage am Dienstag im DFB-Pokal gegen Hoffenheim (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), ein Misserfolg in Mönchengladbach am kommenden Bundesliga-Wochenende oder das Champions-League-Aus gegen den FC Basel in der übernächsten Woche - und alles könnte wieder in sich zusammenbrechen. Julian Draxler sprach von "entscheidenden Wochen vor Weihnachten", Heldt bemühte gar das Bild vom "Ritt auf der Rasierklinge".

Bislang hat das funktioniert: Immer wenn die Situation endgültig zu kippen droht, wenn die Stimmung derart betrübt war, dass eine weitere Niederlage wütende Reaktionen aus dem Publikum provozieren würde und die Kritik am Trainer zu eskalieren droht, dann lieferte das Team. "Wir brauchen den Druck", hat Trainer Keller vor der Partie gesagt, und das ist ein bedenklicher Befund. Denn übersetzt heißt er: Diese Mannschaft spielt nur dann ihren besten Fußball, wenn es gilt, eine Katastrophe abzuwenden.

Wenn sich Schalke treu bleibt, können die Fans also auch in Zukunft jubeln: Die drei anstehenden Duelle haben jede Menge Katastrophenpotential.

Schalke 04 - VfB Stuttgart 3:0 (1:0)
1:0 Farfan (34.)
2:0 Farfan (47., Foulelfmeter)
3:0 Jones (79.)
Schalke: Fährmann - Uchida, Höwedes, Matip, Christian Fuchs (85. Kolasinac) - Jones, Neustädter - Farfan (83. Hoogland), Boateng, Draxler - Szalai (76. Meyer)
Stuttgart: Ulreich - Schwaab, Niedermeier, Rüdiger, Rausch - Kvist (63. Leitner), Gentner - Traore (76. Harnik), Maxim (63. Sararer), Werner - Ibisevic
Schiedsrichter: Weiner (Ottenstein)
Zuschauer: 61.973 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Matip (2), Boateng (2) -