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Supercup: Fährmann in Neuers Fußstapfen

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Schalke-Sieg im Supercup Der neue Neuer

Schalke hat einen neuen Helden: Ralf Fährmann bescherte seinem Team im Supercup gegen Borussia Dortmund einen schmeichelhaften Titel - und ließ seine Kritiker vorerst verstummen. Trainer Ralf Rangnick hat trotzdem noch jede Menge Arbeit vor sich.

Ein wenig ungelenk hievte Ralf Fährmann seine Extremitäten über die Mauer, um in die Nordkurve zu gelangen. Mitten im Block der Schalker Ultras stimmte der 22-Jährige ein lautes, wenn auch wenig rhythmisches "Humba" an, das Schlachtlied der Fans. Währenddessen saß seine Mannschaft auf dem Spielfeld und beobachtete die Geburt eines neuen Lieblings.

Fährmann brauchte für den Eingang in den blau-weißen Fan-Himmel lediglich 90 Minuten und ein anschließendes Elfmeterschießen, das seine Mannschaft 4:3 gewann. Zwar zeigte der 194-Zentimeter-Hüne diese Leistungen nicht etwa in einem Liga- oder Punktspiel, sondern im reanimierten Supercup. Doch unabhängig vom umstrittenen Prestige dieser Trophäe traf in Gelsenkirchen der Deutsche Meister Borussia Dortmund auf den Pokalsieger Schalke 04. Für die Fans im Ruhrgebiet hat dieses Derby immer eine elektrisierende Bedeutung. So pilgerten auch diesmal beinahe 62.000 Menschen in die ausverkaufte Schalker Arena.

Und sie sahen ein Spiel, an dem eigentlich nur zwölf Männer beteiligt waren. Elf davon kamen aus Dortmund: Die Borussen kombinierten, liefen und verschoben, wie es im Fußball-Schulbuch geschrieben steht. Daraus resultierte Torchance um Torchance. Alleine in der ersten Halbzeit ließen Robert Lewandowski, Shinji Kagawa, Sebastian Kehl und Ilkay Gündogan auch beste Torchancen ungenutzt.

Schalker Held im hellblauen Trikot

Der zwölfte Protagonist in diesem Spiel trug ein hellblaues Trikot. Manuel Neuers Nachfolger Fährmann, der in der vergangenen Saison durch eine Niederlage gegen die Borussia mit Eintracht Frankfurt in die zweite Liga abgestiegen war, hielt alles, was es zu halten gab.

Die entscheidende Tat hob sich Fährmann für das große Finale auf. Schiedsrichter Knut Kircher hatte die Partie nach 90 Minuten beim Stand von 0:0 beendet. Laut Regularien der Deutschen Fußball Liga (DFL) ging es anschließend nicht in die Verlängerung, sondern sofort ins Elfmeterschießen. Als der Ur-Dortmunder Kevin Großkreuz, seit Jahren Inbegriff und Personalisierung allen Schalker Hasses, als dritter Schütze anlief, blieb Fährmann cool, tauchte ins rechte Eck ab und hielt. Dass der Keeper dann auch noch gegen Ivan Perisic parierte und Schalke gewann, war in diesem Moment Nebensache. Viel wichtiger wirkte für den Schalker Anhang die Niederlage Großkreutz' sowie die Bekämpfung eines drohenden Manuel-Neuer-Komplexes.

"Ich habe die Nummer eins auf dem Rücken und fühle mich auch so. Das war heute ein sehr wichtiges Spiel für mich. Man kann wohl weitaus schlechter in eine Saison starten", sagte Fährmann und wischte damit eine wochenlange Diskussion um seinen Stellenwert innerhalb der Mannschaft weg. Noch vor wenigen Tagen hatte Schalke-Trainer Ralf Rangnick die guten Leistungen der Ersatzkeeper Matthias Schober und Lars Unnerstall gelobt - und damit Gerüchte entfacht, Fährmann nicht als ersten Mann einsetzen zu wollen.

"Wir wissen um seine Qualitäten. Er ist die klare Nummer eins"

"Für mich und die Mannschaft stand immer fest, dass Ralf unser Torwart ist. Wir wissen um seine Qualitäten. Er ist die klare Nummer eins", sagte Benedikt Höwedes SPIEGEL ONLINE. Der 23-jährige Innenverteidiger wurde von Trainer Ralf Rangnick am gestrigen Vormittag zum Kapitän der Mannschaft ernannt. Damit hat sich Schalke am gleichen Tag neben der Torwart-Probleme auch einer weiteren Baustelle entledigt.

Ausruhen sollten sich die Königsblauen auf diesen Erfolgen jedoch nicht. Denn spielerisch war der Sieg über Dortmund kaum bundesligatauglich. Insbesondere Rangnicks Taktik wirkte wie ein völliges Missverständnis. Die Rolle Raúls, immerhin Rekordtorschütze der spanischen Liga und Nationalmannschaft, hat weder der Stürmer selbst noch irgendjemand anders verstanden. Rangnick setzte den Techniker während der gesamten Saison-Vorbereitung und auch im Supercup als eine Art Spielmacher ein. Doch Raúl bewegt sich auf dieser Position als hätte ihm jemand das Navigationsgerät gestohlen. Zumeist war er am Samstag rund um den Mittelkreis zu finden, wirkte dort aber völlig verloren.

Genau wie Joel Matip, den Rangnick als einzigen echten Abräumer auf der Sechser-Position einsetzte. Mit Alexander Baumjohann, Lewis Holtby, Klaas-Jan Huntelaar, Raúl und Julian Draxler hatte Matip fünf Offensivspieler um sich, für die Defensivarbeit eher ein Schimpfwort ist. So ergaben sich im Schalker Mittelfeld immer wieder freie Räume, die Großkreutz, der überragende Gündogan oder Götze mit schnellen Pässen in Überzahlsituationen vor dem Schalker Tor verwandelten. Alleine die Krankheit des Deutschen Meisters, etliche Chancen liegen zu lassen, verhinderte eine hohe Niederlage Schalkes. "Du kannst rennen, rennen, rennen. Wenn du keine Bude machst, gewinnst du nix", sagte Klopp und nannte als Gründe für die Abschlussschwäche "fehlende Frische und Spritzigkeit".

Die Schalker Fans hatten einen ganz anderen Grund dafür: Fährmann. "Wir brauchen keinen Manuel. Wir brauchen keinen Neuer. Wir haben einen Fährmann, der war auch nicht teuer", brüllten die Schlachtenbummler bis spät in die Nacht.

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