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Schalke-Sieg in der Europa League Stevens steht vor der Systemfrage

Schalke am Scheideweg: Rangnick-Nachfolger Huub Stevens ist erfolgreich mit einem Sieg gestartet. Doch der Niederländer steht vor einer schweren Entscheidung: Sollen seine "Königsblauen" weiter nach vorne spielen? Oder zieht sein altes Lieblingsmodell Wagenburg vor?

Das Spiel war gerade erst abgepfiffen, da geriet Huub Stevens bereits ins Plaudern. Und es dauerte nicht lange, bis der Schalke-Trainer mit der kratzigen Stimme nach dem 3:1 gegen Maccabi Haifa bei seinen legendären Eurofightern landete. Gerade hatte er noch mahnend davon gesprochen, dass es mit all den Raúls, Farfáns und Huntelaars in seinem Team "schwieriger zu verteidigen" sei. Dann ließ Stevens recht unvermittelt die späten neunziger Jahre aufleben.

"Damals", erzählte er, "hatten wir einmal unsere Stürmer Youri Mulder und Martin Max wegen Verletzungen verloren. Da mussten wir mit Mittelfeldspielern angreifen - und haben es auch gepackt." Und der kämpferische Tonfall, in dem er die Anekdote zum Besten gab, ließ erahnen, dass der frühere Innenverteidiger gerne für eine Renaissance seines Wagenburg-Schalke sorgen würde.

Er betonte, dass "nicht ich, sondern wir, der ganze Trainerstab", die Auswechslungen gegen Haifa vorgenommen hätten. Stevens hatte mit Kyriakos Papadopoulos (62. Minute für Joel Matip) und Jermaine Jones (77. für Julian Draxler) jeweils defensive Spieler eingewechselt.

Stevens rief den Schalker Fans ins Gedächtnis, dass sein Team mit ihrer Unterstützung "erreichen kann, was wir immer erreicht haben". Und das konnte man durchaus auch als Mahnung verstehen: Die Schwierigkeiten, die Schalkes Defensive auch gegen die Israelis wieder offenbarte, liegen nicht zuletzt in der Verantwortung der Offensivspieler. "Gibt es hinten Probleme", dozierte Stevens, "dann fängt das vorne an."

Stevens' Neuanfang auf Schalke

Für den Anfang wollte der Mann aus der Provinz Limburg aber nicht zu viel tadeln. "In der Europa League sind wir noch in der Gruppenphase. Da geht es darum zu gewinnen. Schaffen wir das, dann ist mir egal, ob wir ein Gegentor bekommen", erklärte Stevens kurzum. In dem Wissen, dass seine Uefa-Cup-Sieger von 1997 auch erst in der finalen Phase des Wettbewerbs zu einem fast unüberwindlichen Bollwerk geworden waren.

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Schalke vs. Haifa: Stevens feiert gelungenes Debüt

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Dabei muss Huub Stevens bei seinem Neuanfang bei Schalke den Spagat hinbekommen, das Offensivkonzept von Vorgänger Ralf Rangnick in Ehren zu halten, ohne die eigene Fußball-Philosophie zu verleugnen. Ein gewagtes Projekt, das die Schalker Führung da mit der - sehr schnell vollzogenen - Inthronisierung von Stevens auf den Weg gebracht hat. Das wissen auch die "königsblauen" Fans, die ihren Jahrhundert-Trainer bei seinem Comeback gegen Haifa zwar freundlich, aber keineswegs überschwänglich begrüßten.

"Verhalten zu sein, ist ja nicht gleich negativ"

"Verhalten zu sein, ist ja nicht gleich negativ", kommentierte Horst Heldt die Reaktion des Publikums bemüht gelassen. Der Manager der Schalker wirkt nach dem völlig unerwarteten Rücktritt des ausgelaugten Rangnick in der Vorwoche noch immer etwas benommen. "Wir mussten den Trainer austauschen, das war nicht so einfach", erklärte Heldt.

Das Kerngeschäft auf dem Rasen war angesichts der Turbulenzen rund um die Schalker Trainer-Besetzung in den Hintergrund gerückt. "Das ist eine unruhige Zeit, und wir haben mal so nebenbei zwei Siege gegen Freiburg und Haifa eingefahren. Das ist nicht selbstverständlich", sagte der nachdenkliche S04-Manager, der das Rangnick-Erbe zumindest nach dem ersten Spiel unter dem Verteidigungsexperten Stevens nicht belastet sieht.

"Die Mannschaft hat immer versucht, nach vorne zu spielen", betonte Heldt - während der neue Coach innerlich noch mit sich ringt. "Wenn du so offensiv spielst, wie wir das wirklich tun wollen", beteuerte Stevens, "dann bekommt der Gegner eben auch Chancen. Deshalb haben wir in bestimmten Momenten schlecht ausgesehen."

Und schlecht aussehen will der Holländer nicht. Schon gar nicht beim ersten Schalker Liga-Spiel nach seiner Rückkehr, am Sonntag beim Hamburger SV, dem Club, mit dem Stevens in der Vorwoche ebenfalls verhandelte hatte. Doch dann hoben die Schalker den Finger, die Norddeutschen brachen die Gespräche mit Stevens ab - und warten nun auf den Besuch ihres Beinahe-Coaches.

"Brisant ist dieses Spiel vor allem für die Medien, die jetzt wieder tolle Geschichten schreiben können", sagt der Schalker Trainer und bemüht sich um einen neutralen Zungenschlag. "Ich weiß", sagt er, "wie die Gespräche mit dem HSV geführt worden sind. Das war sehr positiv. Und die Gespräche, die ich dann mit Horst Heldt geführt habe, waren auch positiv." Mehr hatte Huub Stevens dazu nicht mitzuteilen: "Das alles war gestern. Wichtig ist, was heute und morgen ist."

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