Schalker Europa-League-Erfolg Angriffsorkan in Königsblau

Mitte der ersten Halbzeit war Schalke 04 eigentlich schon ausgeschieden - dann kam Klaas-Jan Huntelaar. Der Niederländer war der große Sieger beim Europa-League-Triumph über Helsinki. Der überragende Offensivdrang des Teams macht im Moment alle Abwehrschwächen wett.

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Von , Gelsenkirchen


Sein Name wurde von den tausenden Schalker Fans so laut gebrüllt, dass selbst die Stadionlautsprecher Schwierigkeiten hatten, sich dagegen durchzusetzen. Die rund 52.000 Zuschauer in der Arena feierten ihren niederländischen Stürmer Klaas-Jan Huntelaar, der mit vier Treffern beim 6:1 (2:1)-Sieg über HJK Helsinki zum Helden des Abends wurde.

Durch seine Treffer hat er Schalke nicht nur die Teilnahme an der Gruppenphase der Europa League beschert, sondern auch eindrucksvoll gezeigt, dass in Gelsenkirchen mittlerweile die Offensive den Ton angibt. Die Zeiten, wo ein Trainer Huub Stevens noch den Defensiv-Lehrsatz predigte: "Die Null muss stehen", sind auf Schalke überholt.

Schalke, das das Hinspiel in Finnland 0:2 verloren hatte, stand vor dem Spiel gehörig unter Druck. 113 Tage nach dem Ausscheiden aus dem Halbfinale der Champions League ging es im Rückspiel gegen Helsinki um nicht weniger als den eigenen Ruf. Oder wie es Schalkes Manager Horst Heldt ausgedrückt hatte: "Ein Ausscheiden wäre für uns die absolute Katastrophe."

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Schalke-Sieg gegen Helsinki: Der vierfache Huntelaar
Die Katastrophe war nach 20 Minuten eingetroffen. Die Finnen hatten gerade zum 1:1 ausgeglichen. Eigentlich war Schalke zu diesem Zeitpunkt ausgeschieden - da die Gelsenkirchener jetzt noch drei Treffer nachlegen mussten, um noch weiterzukommen. Dafür sprach zu diesem Zeitpunkt nichts.

Huntelaar hatte zuvor zwar einen durch Raúl herausgeholten Elfmeter eiskalt zur 1:0-Führung versenkt, doch hatten die Finnen bis dahin fünf hochkarätige Chancen, führten die Schalker Abwehr förmlich vor. Insbesondere Neu-Kapitän Benedikt Höwedes patzte in erschreckender Regelmäßigkeit und konnte sich bei seinem Keeper Ralf Fährmann und dem Nervenflattern der finnischen Stürmer bedanken, dass die Gelsenkirchener überhaupt noch ansatzweise im Spiel waren.

"Klar, wenn das 1:1 fällt, da fängt man schon an zu rechnen. Drei Tore schießt du auch gegen die Finnen nicht mal eben so", sagte Lewis Holtby. Vor allem dann nicht, wenn die gegnerische Mannschaft weiterhin Druck macht, Chancen herausspielt und dem Sieg eigentlich näher ist. "Bei uns fehlen noch Automatismen und die Balance zwischen Abwehr und Angriff", resümierte Trainer Ralf Rangnick.

Zweite Halbzeit war ein einziger Angriffsrausch

Sein Team zog allerdings aus dieser Tatsache einen etwas eigenwilligen Schluss. Denn statt im zweiten Durchgang verstärkt auf die Abwehr zu achten, vernachlässigten die Ruhrpottler den eigenen Strafraum nun vollständig. Stattdessen bauten sie einen Angriffsorkan auf, der über die finnische Deckung hinweg tobte.

Bereits zum dritten Mal in dieser noch jungen Spielzeit demonstrierte Schalke zumindest eine Halbzeit lang, dass Rangnicks Training und Ansprachen Wirkung zeigen. Die Philosophie des Trainers lässt sich dabei simpel zusammenfassen: Überfallartige Ballgewinne müssen in schnelle, vertikale Pässe umgewandelt werden, die über zwei, drei Stationen im gegnerischen Strafraum landen müssen. Gegen Mainz 05 klappte das am Sonntag ebenfalls eine Halbzeit lang gut, Schalke drehte ein 0:2 in ein 4:2. Zuvor hatte man den 1. FC Köln ebenfalls dank einer starken zweiten Hälfte 5:1 abgeschossen.

Rangnicks System, dass lediglich einen defensiven Mittelspieler vorsieht, aber dafür gleich fünf angreifende Spieler zählt, ist anscheinend auf Spektakel und Torerfolge ausgerichtet. Mit den schnellen Flügelläufern Jefferson Farfán und Julian Draxler kristallisieren sich dabei zwei exzellente Vorlagengeber heraus. Daneben agieren mit Holtby und Raúl zwei Spieler mit sehr viel Kreativität und Zug zum Tor. Der Spanier schleppte sich trotz einer stark blutenden Kopfverletzung durch die gesamte zweite Halbzeit und trumpfte auf, als hätte es nie Wechselgerüchte um ihn gegeben, Und vor ihnen spielt Huntelaar. "Klaas-Jan kannst du im Zweifel auch anschießen. Er verarbeitet die Bälle trotzdem und knipst Bude um Bude", sagt Holtby.

"Wir sind alle total torgeil"

Das Team verzichtete beinahe vollständig auf das sonst von vielen Clubs über die meiste Zeit einer Partie praktizierte Mittelfeldgeplänkel. Das Spielfeld bei der Begegnung gegen Helsinki hätte auch gut ausschließlich aus den beiden Strafräumen bestehen können. "Wir sind alle total torgeil. Wir wollen diesen Erfolg. Manchmal vergessen wir aber dabei zu sehr die Defensive", sagte Holtby.

Wie gefährlich diese Anlage ist, machen die beiden Spiele gegen Helsinki aber auch deutlich. Denn drei von vier Halbzeiten entschieden die Finnen in Punkto Chancen eindeutig für sich. "Wir sind noch in einer Umbauphase. Das wird dauern. Wir werden immer mehr Wert auf die Defensivarbeit legen, momentan müssen wir aber mit dem auskommen, was wir haben", sagte Rangnick.

Der Trainer, dem die Erleichterung nach dem Einzug in die Gruppenphase deutlich anzusehen war, kann den Schalker Fans für die künftigen Spiele kein Versprechen auf ruhigere Partien geben. Vielmehr wird er auch weiterhin seine Profis dazu auffordern, ihre Entspannungsmomente in der Offensive zu suchen.

Während sich die Defensivspieler um Höwedes darüber wohl nicht wirklich freuen können und abzuwarten bleibt, wie gut dieses System gegen abwehrstarke Teams klappt, kann zumindest einer davon ausgehen, dass die Fans seinen Namen noch häufiger rufen werden: Huntelaar erzielte in dieser Saison wettbewerbsübergreifend bereits zwölf Tore.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
frietz, 26.08.2011
1. kein titel
Zitat von sysopMitte der ersten Halbzeit war Schalke 04*eigentlich schon ausgeschieden - dann kam Klaas-Jan Huntelaar. Der Niederländer war der große Sieger beim Europa-League-Triumph über Helsinki.*Der überragender Offensivdrang des Teams macht im Moment*alle Abwehrschwächen wett. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,782526,00.html
vor allem aber die unfähigkeit der finnischen stürmer. die MÜSSEN den großchancen nach in beiden spielen mindestens 6 oder 7 tore machen. dennoch gut, dass zumindest schalke und hannover in der el vertreten sind. und wenn es gut läuft, kommen noch der gruppenphase noch 2 mannschaften aus der cl dazu.
Andreas Rolfes 26.08.2011
2. Wer hätte das gedacht?
Nach dem Ausgleich machte sich ein ungutes Gefühl breit. Was die Schalker dann aber mal wieder in der 2. Halbzeit ablieferten ließ alle Sorgen verschwinden. Danke und Glückwunsch nach Gelsenkirchen. Und ebenso ein Kompliment nach Hannover. Die EL ist gerettet.
Hans Meier 26.08.2011
3. Glückwunsch...
... doch warten wir es ab, wie sich "Hunter" entwickelt denn siehe Gomez (Obacht, Phrasenschwein!): eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Einige vergeigte Chancen, und es wird Kritik laut. Im übrigen hätte ich mir den FCB gegen Zürich so gewünscht - auch wenn die Ausgangslage eine andere war.
Andree Barthel 26.08.2011
4. *
Gestern waren es gleich 6 Spieler (neben den fünf vom Autor erwähnten noch Höger), die stürmten, und letzterer, als das Spiel hätte noch zuungunsten Schalkes hätte kippen können, nicht in der Lage war, in den Verteidigermodus zu schalten, blieb Rangnick nichts weiter übrig, als Uchida zu bringen. Der brachte dann wieder Sicherheit in die Abwehr rein. Ich hoffe, "Rolf" lässt nicht in jedem Spiel 5 Offensivleute ran. Das kann Barca machen, nicht aber Schalke.
ulihalasz 26.08.2011
5. Draxler
Der Junge ist erstaunlich. Immer noch erst 17 Jahre alt, dabei aber schon verbflüffend kaltschnäuzig, technisch eine Augenweide. Nur eines aber wird er in diesem Leben - ganz im Gegensatz zur Meinung des Autors - nicht mehr werden: schnell!
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