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Schalkes Chancen im Titelkampf Der einzig wahre Bayern-Konkurrent

Schalke und Leverkusen gelten als ärgste Konkurrenten der Bayern um den Titel. Doch das ist falsch. Die SPIEGEL-ONLINE-Analyse zeigt, warum nur die Magath-Mannschaft eine Münchner Meisterschaft ernsthaft gefährden kann.
Von Jan Reschke

Bayern Münchens Trainer Louis van Gaal hat oft ganz eigene Ansichten: Beim 1:1 seiner Mannschaft in Nürnberg sprach er von einem "der besten Spiele seiner Mannschaft". Als die Münchner den VfL Wolfsburg in dessen Stadion regelrecht vorführten und 3:1 gewannen, sagte van Gaal: "Ich finde nicht, dass wir gut Fußball gespielt haben." Und Bastian Schweinsteiger, einem der auffälligsten Spieler auf dem Platz, beschied er, "nicht sein bestes Spiel gemacht zu haben".

Seine Aussage in einer DSF-Talkshow auf die Frage, wer der größte Konkurrent der Bayern im Kampf um die Deutsche Meisterschaft sei, scheint in diese Kategorie zu passen: "Schalke hat immer die Kraft gefunden, oben dabei zu bleiben. Schalke ist der schwierigere Gegner", sagte van Gaal - vor der Leverkusener 2:3-Niederlage in Nürnberg. Und vor dem souveränen 4:1-Sieg der Schalker in Frankfurt. Manch einer wunderte sich, doch der manchmal etwas verschroben wirkende Trainer hat Weitsicht bewiesen.

Und mit seiner Einschätzung wird er am Ende richtig liegen. Aus drei Gründen:

1. Psychologie

Leverkusen muss seine Rolle neu definieren. Wochenlang stand die Mannschaft an der Spitze, hatte zudem bis zum 25. Spieltag kein Spiel verloren. Doch die Tendenz geht seit Wochen nach unten, die Mannschaft muss zum ersten Mal in dieser Saison darum kämpfen, einen Negativtrend umzukehren. Anders die Schalker. Sie befinden sich schon lange in der Lauerposition, manchmal scheinbar schon aus dem Titelkampf ausgeschieden, doch meist in Schlagdistanz zur Spitze. Die Magath-Elf ließ sich trotz einiger Rückschläge nie abschütteln.

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Foto: A3730 Federico Gambarini/ dpa

Zudem müssen die Leverkusener Spieler erst noch das umsetzen, was Trainer Jupp Heynckes jüngst gefordert hatte - ihr Anspruchsdenken ändern. Wenn Nationalstürmer Stefan Kießling nach dem verlorenen Spiel gegen Nürnberg erklärt, "dass es keinen Grund gebe, etwas an der Zielsetzung zu ändern", man wolle in den internationalen Wettbewerb, dann kann man das als geschickt bezeichnen, um den Druck nicht zu groß werden zu lassen. Oder als Alibidenken. Denn wer in Leverkusen würde von einer zufriedenstellenden Saison sprechen, wenn am Ende die Europa League herausspringen würde?

Auf Schalke wird das Wort Meisterschaft zwar auch nicht in den Mund genommen, vor allem nicht von Trainer Felix Magath, der die Strategie des Understatements schon in Wolfsburg erfolgreich kultiviert hatte. Allerdings hört man zwischen den Zeilen schon heraus, wo der Weg hinführen soll. So sagte Joel Matip dem "Kicker": "Unser Ziel ist ein Champions-League-Platz. Alles, was dann mehr ist, wäre toll."

Vorteil: Schalke.

2. Stabilität

Keine Mannschaft steht so kompakt wie Schalke. Das Team kassierte mit 19 Gegentoren so wenige wie kein anderes in der Bundesliga. Die Innenverteidigung mit Marcelo Bordon - oder vertretungsweise Heiko Westermann - und Benedikt Höwedes steht sicher. Auf Außen hat sich in Lukas Schmitz eine starke Alternative zum dauerverletzten Christian Pander gefunden. Auf der rechten Abwehrseite ist Rafinha wie immer verlässlich.

Die Mannschaft hat eine enorme taktische Disziplin, die durch die magathschen Methoden der Konditionsarbeit auch über 90 Minuten eingehalten werden kann. Zwölfmal brachte Schalke in dieser Saison ein Spiel ohne Gegentor zu Ende. Weiterer Pluspunkt: Egal in welcher Grundausrichtung Schalke aufläuft, das Gebilde beginnt nicht zu wackeln. Am vergangenen Spieltag verteidigte Rafinha statt rechts auf links, Rakitic hat sich schon als Zehner versucht, aber auch als defensiver Mittelfeldmann und auf dem Flügel überzeugt. Mal spielen zwei Sechser, mal nur einer. Mal ein Spielmacher, mal keiner. Schalke passt sich an.

Leverkusen spielt in der Regel immer gleich. Zwei Sechser vor der Abwehr, zwei offensive Mittelfeldspieler auf den Außenbahnen, zwei Stürmer. Das Team kann und will die Partie gestalten und ist daher offensiv ausgerichtet. Der Preis ist eine erhöhte Anfälligkeit bei schnellen Vorstößen des Gegners. Immerhin, durch die Verpflichtung von Abwehrrecke Sami Hyypiä werden viele brenzlige Situationen durch dessen überragende Spielübersicht ausgebügelt. Dennoch hat die Nürnberg-Partie gezeigt, dass es ein schmaler Grat ist, auf dem Bayer wandelt. Entsprechende Schwankungen gibt es im Spiel der Heynckes-Elf. Exemplarisch stehen dafür die Spieltage 16 bis 18, wo Bayer jeweils gezwungen war, einen Rückstand zu drehen: 2:2 gegen Hertha (nach 0:1), 3:2 gegen Mönchengladbach (nach 1:2), 4:2 gegen Mainz (nach 0:1).

Vorteil: Schalke.

3. Effizienz

Leverkusen und Schalke sind mit einer Chancenverwertung von jeweils 32,5 Prozent Bundesliga-Spitze. Allerdings haben neun Mannschaften in der Bundesliga mehr Chancen als Schalke herausgespielt. Doch die wenigen Gelegenheiten nutzt Gelsenkirchen eiskalt. Jüngstes Beispiel war die Partie gegen den BVB, als Dortmunds Sven Bender der Ball vor dem eigenen Strafraum versprang, Edu den Ball sofort auf Ivan Rakitic weiterleitete und der direkt von der Strafraumgrenze abzog. Leverkusen hat sich in dieser Saison bislang 160 Chancen erspielt, 37 mehr als Schalke. Zwölf Tore mehr sind dabei herausgekommen.

Generell hat das Schalker Spiel die Qualität, um Buchmachern ein Schnippchen zu schlagen, denn das Geschehen läuft fast immer gleich: Warten, Tor in der ersten Halbzeit, warten, Tor in der zweiten Halbzeit, drei Punkte. Sechsmal gewann das Team 2:0. Wenn es in Halbzeit zwei mal nicht für einen Treffer reichte, ging die Partie halt 1:0 aus, was dreimal passierte. Leverkusen zeigt das deutlich spektakulärere Spiel, dreimal gab es ein 4:0, einmal gar ein 5:0.

Vorteil: Beide Mannschaften sind gleichauf.

In den kommenden Wochen stehen die Härtetests an: Die Schalker empfangen Stuttgart, müssen zum HSV, ehe sie am 28. Spieltag auf Leverkusen treffen. Im Anschluss warten dann noch die Bayern. Leverkusen muss sich gegen den HSV und Borussia Dortmund behaupten, bevor es gegen Schalke geht. Am 30. Spieltag empfängt Bayer den Deutschen Rekordmeister.

Dann wird sich zeigen, ob Bayern-Trainer Louis van Gaal mit seiner Annahme richtig liegt - bislang hat er meist recht behalten.