Schalkes Keeper Neuer Zu Gast bei Feinden

Die Bayern-Fans wüteten - doch Manuel Neuer blieb cool. Schalkes Torhüter hat im Pokalhalbfinale gegen konzeptlose Münchner eine souveräne Leistung gezeigt. Während die Mannschaft aus dem Pott ins Endspiel einzieht, droht dem Rekordmeister ein Fiasko.

REUTERS

Von Sebastian Winter, München


Das Spiel lief noch, da stand Manuel Neuer minutenlang weit vor seinem Strafraum - regungslos, abwartend, cool. Es gab mehrere Gründe dafür, dass der Keeper des FC Schalke 04 sein Tor alleine ließ, noch bevor der Schlusspfiff ertönte. Erstens interpretiert Neuer seine Rolle modern, als mitspielender letzter Mann. Zweitens zirkulierte der Ball in den Schlussmomenten des Pokalhalbfinales gegen den FC Bayern München nur noch vor dem gegnerischen Tor. Und drittens hat sich der 24-Jährige in seinem eigentlichen Revier wohl nicht mehr sicher gefühlt. Denn von der Südkurve hinter ihm schlug Neuer die blanke Wut entgegen.

Die "Fans" der Münchner Ultra-Gruppe "Schickeria" brauchten offenbar ein Ventil, um ihren Frust nach dem frühen 0:1 durch Schalkes Stürmer Raúl in der 15. Minute ablassen zu können. Zumal dieses Ergebnis auch der Endstand sein sollte. Und Neuer war der perfekte Sündenbock für sie. Schließlich gab es da noch eine offene Rechnung.

Beim letzten Schalker Erfolg in München hatte er 2009 eine Eckfahne aus der Verankerung gerissen, als Erinnerung an den berühmten Oliver-Kahn-Jubel acht Jahre zuvor, als die Bayern Schalke in letzter Sekunde die Meisterschaft entrissen. Viele Bayern-Fans verstanden Neuers Plagiat damals als Akt der Verhöhnung. Dass der junge Torwart kommende Saison möglicherweise bei ihrem Verein spielt, können sie schlicht nicht fassen.

Schmähplakate deutlich unter der Gürtellinie

So war der 24-Jährige während des Spiels fortwährend damit beschäftigt, Gegenstände aus seinem Sechzehner zu entfernen und Transparente zu ignorieren. Einmal flog ein voller Bierbecher nur um Haaresbreite an seinem Kopf vorbei. Es war ein beschämendes Schauspiel, was die FCB-Anhänger da ablieferten - mit ihren "Koan Neuer"-Schildchen, den Pfiffen und Schmährufen sowie den peinlichen Plakaten, auf denen drastische Sätze zu lesen waren wie: "Für die spielen, die dich verhöhnen und verachten? Hast du keinen Stolz, Schalke-Schwein?"

Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge sagte später kleinlaut: "Der FC Bayern und das ganze Land Bayern sind über die Grenzen hinaus bekannt für ihre Gastfreundschaft. Der Junge hat nicht ein einziges böses oder negatives Wort über Bayern München gesagt. Ich möchte mich auch im Namen des FC Bayern bei Manuel Neuer für dieses Verhalten entschuldigen."

Eine demütige Haltung war angebracht: Denn Neuer gehört zu den starken Spielern dieser Begegnung. Er half - neben Raúl und Schalkes erstaunlich guter Abwehrreihe um Benedikt Höwedes und Christoph Metzelder - nicht nur seiner Mannschaft mit einer beeindruckenden Souveränität und starken Paraden ins Finale des DFB-Pokals und damit womöglich in die Europa League. Neuer zeigte im Gegensatz zu den Bayern-Fans Respekt, als er später sagte: "Das ist alles kein Problem. Wichtig war, dass ich auf den Ball gucke und nicht auf die Transparente."

"Wir haben heute wieder einen Titel verspielt"

Hier kühle Überlegenheit, dort Bitterkeit. Bei den Bayern liegen die Nerven blank. Sie stehen binnen einer Woche, nach der Liganiederlage gegen Dortmund und dem Scheitern im Pokal, vor dem Scherbenhaufen einer katastrophalen Saison: Kein Meistertitel, kein Pokalsieg. Der sichere Champions-League-Platz ist vier Punkte entfernt für den Tabellenvierten. Der Rekordmeister muss am kommenden Samstag beim Dritten Hannover gewinnen, um nicht gänzlich den Anschluss an das Minimalziel zu verlieren.

Das Team wirkte frustriert nach den K.o.-Schlägen in letzter Zeit: "Zwei Niederlagen hintereinander zu Hause sind ganz bitter", stellte Torwart Thomas Kraft fest. "Wir haben heute zu Hause wieder einen Titel verspielt", realisierte Kapitän Philipp Lahm. "Mit der zweiten Halbzeit kann ich zufrieden sein", erstaunte Trainer Louis van Gaal seine Zuhörer - bevor er begann, mit dem fehlenden Glück zu hadern. Am ehesten zeigt sich die verwundete Seele der Bayern wohl in den Worten des Sportdirektors Christian Nerlinger: "Was soll man dazu noch sagen. Momentan eher nichts."

Der FCB: Ein Ensemble der Unzufriedenen

Die Mannschaft wirkte gegen Schalke so, als würde sie aus autonomen Teilen bestehen, die keine Einheit bilden: Abwehr. Mittelfeld. Angriff. Das defensive Mittelfeld mit Bastian Schweinsteiger als Schaltstelle schob sich den Ball in der eigenen Hälfte langatmig zu, als führten die Bayern 1:0. Bindung zur Offensive fand es nicht. In der 23. Minute kam es deshalb während einer Verletzungspause zu einem merkwürdigen Treffen am Mittelkreis: Lahm, Thomas Müller, Arjen Robben und Schweinsteiger diskutierten dort über die Taktik. Das sah konspirativ aus, wie das Treffen eines Geheimbundes, der einen genialen Schachzug ausheckt. Doch am Ende der Debatte eilte Robben mit hilflos ausgebreiteten Armen und kopfschüttelnd davon.

So sind die Bayern im März 2011: Ein Ensemble der Unzufriedenen, dessen Zusammenhalt bröckelt und dessen Trainer zurzeit kein Rezept findet, um die fatale Niederlagenspirale zu stoppen. Für van Gaal wird es sehr ernst, das weiß auch sein Kapitän: "Am Samstag haben wir das vielleicht wichtigste Spiel dieser Saison", sagte Lahm. Die Bayern klangen schon mal optimistischer vor einem Spiel gegen Hannover.

insgesamt 106 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
K-Mann 03.03.2011
1. München will Neuer nicht (außer Herr Rummenigge...)
Zitat von sysopDie Bayern-Fans wüteten - doch Manuel Neuer blieb cool. Schalkes Torhüter hat im Pokalhalbfinale gegen konzeptlose Münchner eine souveräne Leistung gezeigt. Während die Mannschaft aus dem Pott ins Endspiel einzieht,*droht dem Rekordmeister ein Fiasko. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,748752,00.html
Solide Leistung, Herr Neuer! Tun Sie sich das nicht an, nach München zu gehen. Wenn nicht mehr auf Schalke, so würde ManU sicherlich besser zu Ihnen passen, als die Weißwurstesser.
erlachma 03.03.2011
2. Peinlich
...was sich da "Fan" nennt. Diese Ultras nehmen für sich sogar in Anspruch, die "echten Fans" zu sein. Dabei sind sie nichts als peinlich. Emotionen im Fußball sind okay, aber "Neuer, du A...loch"-Rufe, diese unsäglichen Transparente, das geht schlicht und einfach gar nicht. Ich wäre froh, wenn die Vereinsführung das auch mal kommunizieren würde. Ich wünsche mir - als echter(!) Bayernfan (der mitfiebert, seit Jahren dabei ist, aber nicht: pöbelt) - eine harte Strafe für den Verein für das Verhalten. Diese Strafe dann bitte auf die Schickeria umlegen, dann hat das vielleicht endlich ein Ende, und man muss sich nicht mehr schämen, Bayern-Fan zu sein.
hierro 03.03.2011
3. Nachhilfe in gutem Benehmen
Der Vorstandsvorsitzende des FC-Bayern war wohl etwas verwirrt, als er betont hat, dass der FC-Bayern und das ganze Land Bayern für ihre Gastfreundschaft bekannt seien. Den Eindruck konnte man weder beim gestrigen Spiel noch bei früheren Anlässen gewinnen. Wer sich so feindselig verhält, wie die Fans im Münchner Stadion und wer so vollmundig und fast immer beleidigend aus der Vorstandsetage des FC-Bayern vor anderen Spielen über die Gegner herzieht, darf sich nicht wundern, wenn der FC-Bayern mit Häme überschüttet wird. Es ist eine Frechheit und unklug von den Fans, mit "Koan Neuer"-Schildchen derart unfreundlich zu agieren. So gewinnen weder die Fans noch der Verein Sympathien. Diese Fans gehören aus den Stadien verbannt. Sie sollten erst einmal Nachhilfe in gutem Benehmen erhalten.
hazadeur 03.03.2011
4. ...
Zitat von sysopDie Bayern-Fans wüteten - doch Manuel Neuer blieb cool. Schalkes Torhüter hat im Pokalhalbfinale gegen konzeptlose Münchner eine souveräne Leistung gezeigt. Während die Mannschaft aus dem Pott ins Endspiel einzieht,*droht dem Rekordmeister ein Fiasko. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,748752,00.html
Der FCB hat ganz andere Probleme als ein Torwartproblem. Auch mit Neuer hätten sie nicht gewonnen. Sie hätten auch nicht gewonnen, wenn Schalke einen anderen x-beliebigen Torwart gehabt hätten - wahrscheinlich hätte der FCB auch verloren, wenn Schalke gar keinen Torwart gehabt hätte. Wie auch immer, die Pfiffe gegen Neuer waren jedenfalls panne! Manche "Fans" können echt bescheurt sein! Wenn sie wenigstens Pro-Kraft-Plakate gehabt hätten, aber diese Anfeindungen sind peinlich. Was den Bayern fehtl ist Leidenschaft. Das einzige was der FCB zu diesem Thema beizutragen hat ist, dass er bei den Fans Leiden schafft ...
sukowsky, 03.03.2011
5. Arrogante Bayern eins auf die Badehose
Bin zufrieden, dass die arroganten Bayern eins auf die Badedose bekommen haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.