Dynamos Pokal-Sensation Alarm bei Schalke, Aufbruch in Dresden

Was für ein mieser Saisonstart für Schalke! Nach dem 1:2 in Dresden spricht Trainer Jens Keller von gleich mehreren Totalausfällen. Dynamo hingegen erlebt ein triumphales Comeback.

REUTERS

Aus Dresden berichtet


Gerade waren die Schalker Spieler in ihrer Kabine verschwunden, da meldete sich eine Stimme aus dem Hintergrund: "Aufgrund eines unvorhergesehenen Ereignisses bitten wir Sie, umgehend das Gebäude zu verlassen", wiederholte sie dreimal. Bestimmt, monoton, unnachgiebig schallte die Aufforderung durch die Katakomben des Dresdner Stadions. Es herrschte Alarmstimmung, nicht nur in den Katakomben. Auch beim FC Schalke 04.

Die Schalker sind mit dem blamablen 1:2 (0:1) bei Dynamo Dresden am Montagabend zum ersten Mal seit 1991 in der ersten Runde des DFB-Pokals ausgeschieden, und schon muss Sportdirektor Horst Heldt wieder früher, als ihm lieb ist, Fragen zu seinem Trainer Jens Keller beantworten. "Wir machen uns keine Sorgen", sagte er kämpferisch.

Keller hingegen machte später auf der Pressekonferenz, nach nochmaligem Durchzählen, bereits "sechs, sieben Spieler" aus, "die ihre Leistung nicht aufgerufen haben". Einzig den schuldlosen Torhüter Ralf Fährmann, den eingewechselten Julian Draxler und den bemühten, aber glücklosen Eric-Maxim Choupo-Moting dürfte Keller nicht gemeint haben.

Schalkes Abwehr lief nur hinterher

"Ich werde jetzt hier keine Diskussion über einzelne Spieler anfangen", würgte Keller ab. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass die Viererkette der Schalker in naher Zukunft Champions-League-Mannschaften stoppen soll, wo ihnen am Montag Marvin Stefaniak, Luca Dürholtz und allen voran Justin Eilers immer wieder entwischten. Die Tore durch eben Eilers (24. Minute/Foulelfmeter) und Nils Teixeira (49.) waren genauso verdient wie folgerichtig. Schalke hätte höher zurückliegen und Joel Matip wegen einer Notbremse gegen Eilers verlieren können (58.), schaffte am Ende just durch Matip (79.) immerhin noch den Anschlusstreffer.

Eine Woche vor dem Bundesligastart kann der Geschwindigkeitsvorteil der Dresdner Dreierreihe aber nicht nur damit erklärt werden, dass die dritte Liga schon seit vier Wochen im Spielbetrieb steckt.

Zumal Dynamo Dresden in den vergangenen Monaten einen kompletten Neuaufbau gestartet hat. Die alte Mannschaft war nach dem Abstieg mehr oder minder deutlich aus dem Klub gejagt worden. Es blieben lediglich Torhüter Benjamin Kirsten, Sohn von Sturmlegende Ulf Kirsten, die Mittelfeldspieler Cristian Fiel und Marco Hartmann sowie ein paar Nachwuchstalente wie Stefaniak.

Die neuen Verantwortlichen um Sportdirektor Ralf Minge und Trainer Stefan Böger haben eine stark verjüngte Mannschaft aufgebaut. Und die mitunter schwierige Fanszene nimmt den neuen Weg nach den enttäuschten Hoffnungen in eine individuell deutlich stärker besetzte Mannschaft gerne an. Kenner der Dresdner Fanszene meinen, dass sich die Ausbrüche am letzten Spieltag der Vorsaison gegen Arminia Bielefeld über Wochen angedeutet hätten, weil sich Anhänger und Spieler immer weiter voneinander entfernten. Mit dem Abstieg habe sich der angestaute Frust Bahn gebrochen.

"Das Glück brauchste jetzt auch"

Gegen Schalke präsentierten sich alle, die es gut mit dem sächsischen Traditionsverein meinen, von ihrer besseren Seite. Im ausverkauften Dresdner Stadion trieb das Publikum seine stark verjüngte Mannschaft bedingungslos an, statt sie einzuschüchtern wie in der vergangenen aison. Und rund um das Stadion blieb es ruhig, auch wenn die Partie allein wegen des Fanaufkommens von beiden Seiten als Sicherheitsspiel eingestuft wurde.

Selbst die Plattform mit dem Live-Spiel im Fernsehen nutzten die Dynamo-Fans diesmal nur zu einem Seitenhieb gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB), der den Verein in der vorigen Saison nach mehreren Vorfällen bei Pokal-Partien in Dortmund und Hannover vom DFB-Pokal ausgeschlossen hatte. Weitere Provokationen blieben aus, zumal Dynamo Dresden wegen Vorkommnissen beim Abstieg gegen Bielefeld in der Vorsaison auf Bewährung agiert.

Gegen einen fahrigen und leidenschaftslosen Gegner zeigte Dynamo Dresden alle Qualitäten, die ein unterklassiger Verein für eine Pokalsensation braucht. Die neue Mannschaft ließ sich spürbar von der leidenschaftlichen Atmosphäre anstecken. Am Ende hatte Dresden in ein, zwei Situationen auch das nötige Glück. "Das brauchste jetzt auch", kommentierte der verletzte Marco Hartmann mitfiebernd auf der Tribüne, als Choupo-Moting eine gute Gelegenheit ausließ.

Nach der großen Pokalüberraschung übten sämtliche Spieler den Schulterschluss mit den Fans und kletterten zu ihnen auf den Zaun. Ein in anderen Stadien schon gewohntes Bild, das in Dresden mit der vorherigen Mannschaft undenkbar war.

Auch Hartmann stand plötzlich zwischen seinen Mitspielern, die er größtenteils erst seit dem Sommer kennt. Von der Alarmanlagendurchsage hörten die Dresdner unten auf dem Rasen und dem Zaun nichts. Bei ihnen herrscht eh Aufbruchsstimmung.

1. Runde des DFB-Pokals 2014/2015
    Bundesliga - 2. Bundesliga
    RB Leipzig - SC Paderborn 2:1 n.V.
    Darmstadt 98 - VfL Wolfsburg 4:5 i.E.
    VfL Bochum - VfB Stuttgart 2:0

    Bundesliga - 3. Liga
    Chemnitzer FC - FSV Mainz 05 5:4 i.E.
    Preußen Münster - Bayern München 1:4
    Dynamo Dresden - Schalke 04 2:1
    Stuttgarter Kickers - Borussia Dortmund 1:4
    Energie Cottbus - Hamburger SV 1:4 i.E.

    Bundesliga - Regionalliga
    FC Homburg - Borussia Mönchengladbach 1:3
    Eintracht Trier - SC Freiburg 0:2
    1. FC Magdeburg - FC Augsburg 1:0
    Viktoria Köln - Hertha BSC 2:4
    FV Illertissen - Werder Bremen 2:3 n.V.
    Viktoria Berlin - Eintracht Frankfurt 0:2
    FC Astoria Walldorf - Hannover 96 1:3
    FT Braunschweig - 1. FC Köln 0:4

  • Bundesliga - 5. Liga
    USC Paloma Hamburg - 1899 Hoffenheim 0:9

    Bundesliga - 6. Liga
    SV Alemannia Waldalgesheim - Bayer Leverkusen 0:6

  • 2. Bundesliga - 2. Bundesliga
    1. FC Heidenheim - Union Berlin 2:1

  • 2. Bundesliga - 3. Liga
    Holstein Kiel - 1860 München 1:2
    MSV Duisburg - 1. FC Nürnberg 1:0
    SV Wehen-Wiesbaden - 1. FC Kaiserslautern 3:5 i.E.
    Arminia Bielefeld - SV Sandhausen 4:1

    2. Bundesliga - Regionalliga
    BSV SW Rehden - VfR Aalen 3:4 i.E.
    Sportfreunde Siegen - FSV Frankfurt 4:5 i.E.
    Kickers Würzburg - Fortuna Düsseldorf 3:2
    Carl-Zeiss Jena - Erzgebirge Aue 0:1
    Kickers Offenbach - FC Ingolstadt 4:2 i.E.

    2. Bundesliga - 5. Liga
    FSV Optik Rathenow - FC St. Pauli 1:3
    Bremer SV - Eintracht Braunschweig 0:1
    1. FC Neubrandenburg - Karlsruher SC 1:3

2. Bundesliga - 6. Liga
SV Waldkirch - SpVgg Greuther Fürth 0:3

Teams unterhalb der 2. Bundesliga haben automatisch Heimrecht

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
rl_germany 19.08.2014
1. das tut gut
Als Fan von Dynamo Dresden mal einen positiven, längeren Bericht auf Spiegel online (und anderen Medien) zu lesen, dass Vergnügen hatte man lange nicht mehr. Hoffentlich gibt der Club weiter alles, damit ein echter Neuanfang möglich ist. Das neue Management und der neue Trainer scheinen die perfekte Wahl für den Verein zu sein. Ich finde es extrem schade, dass für Außenstehende immer wieder der Eindruck entstand, Dynamo Dresden wäre nur ein Chaoten-Club (leider mit zum Teil sehr unausgewogenen und auch falschen Artikeln der Medien befeuert). Dresden ist "fußballverrückt" wie Dortmund, Schalke, Kaiserslautern usw. Und gehört damit mittelfristig auch in die erste Liga, aber es wird sehr schwer.
spon-facebook-1619821760 19.08.2014
2. Haha
es trifft halt nicht nur ab und an mal die Bayern, wenn sie gegen sowas wie Vestenbergsgreuth rausfliegen... Arrogante Schalker, kann man da nur sagen!
Jansen_1988 19.08.2014
3.
Wie jetzt gleich wieder alles schwarz gemalt wird... unglaublich :O wartet doch erstmal den Bundesliga-Start ab... Dresen war wahrscheinlich das undankbarste Los von allen, Tabellenführer in Liga 3, Spielrhythmus und riesige Kulisse... Schalke dagegen konnte sich überhaupt nicht einspielen... wenn ich es mir hätte aussuchen können, fliege ich lieber im Pokal raus und habe dafür dieses Mal einen guten Bundesliga-Start als andersherum...
bubaki35 19.08.2014
4. Bin beeindruckt
Ich bin seit gestern Spielanfang Dresden Fan. Wie die gestern mit Leidenschaft und Kampf gespielt und die Fans im Stadion Sie unterstützt haben fand ich klasse. Und dann haben Sie auch noch verdient 2 Tore geschossen. zu Schalke: für Champions League müssen Sie sich noch deutlich steigern aber des werden die schon schaffen.
dasbeau 19.08.2014
5. Simple Erklärung
Was haben die Schalker denn erwartet? Sie haben schließlich gegen schwarz-gelb gespielt.....
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