Schalkes Remis in Hamburg "Heute nicht, Felix"

Spitzenteam ohne Spitzenambitionen: Gegen den HSV kam Schalke trotz Führung nur zu einem Unentschieden - und verpasste Platz eins in der Tabelle. Doch die Spieler fühlen sich wohl in der Verfolgerrolle hinter den Bayern. Und auch Trainer Felix Magath spielt weiter die Rolle des zufriedenen Zweiten.

dpa

Aus Hamburg berichtet Marco Plein


Kurz bevor der Schalker Mannschaftsbus am frühen Sonntagabend aus der Hamburger Arena davonrollte, waren hinten ein paar Monitore angeschaltet worden. Dort liefen Bilder der Eisschnelllauf-WM in Holland. Ein Sport also, bei dem es nur darum geht, am Ende der Strecke Erster zu sein. Nachdem die Schalker Profis eingestiegen waren und Platz genommen hatten, warfen einige von ihnen auch einen Blick auf die Monitore. Vielleicht waren sie dann ja ein wenig überrascht, dort Sportler zu erblicken, die felsenfest davon überzeugt sind, Erster werden zu können - und dafür alles tun.

Denn so, wie sich die Fußballer kurz zuvor in den Schlussminuten des Bundesliga-Spiels beim Hamburger SV und in den anschließenden Interviews präsentiert hatten, müssen ihnen diese Fernsehbilder befremdlich vorgekommen sein.

Natürlich will Schalke 04 in diesem Jahr Deutscher Meister werden, denn es gibt keinen Fußballspieler auf dieser Welt, der am Ende einer Saison nicht ganz oben stehen will, sollte er wenige Wochen vor dem letzten Spieltag beste Chancen dazu haben. Hörte man die Profis aber nach dem 2:2 beim HSV reden, könnte man meinen, sie wollten mit dem Titel lieber nichts zu tun haben.

"Wir spielen nicht um die Meisterschaft. Also ist es auch nicht schlimm, dass wir heute nicht Erster geworden sind", sagte etwa Verteidiger Benedikt Höwedes. Und er sprach diese Sätze mit einer Ruhe, dass man geneigt war, ihm tatsächlich zu glauben. "Wir haben kein Augenmerk auf die Meisterschaft", verdeutlichte er. Und Torwart Manuel Neuer sagte: "Ich denke nicht über die Tabellenführung nach." Die Mannschaft habe auch die Niederlagen des Spitzenreiters Bayern München in Frankfurt und des Dritten Bayer Leverkusen in Dortmund nicht im Hinterkopf gehabt. Nein, es soll für Schalke ein Spiel wie jedes andere gewesen sein. Tabellenführung verpasst, aber: was soll's?

Wenig Konstruktives in der Offensive

Die mitgereisten Fans sahen das ganz anders. Denn nur wenige Sekunden nachdem Schalke durch ein Elfmetertor von Ivan Rakitic 2:1 in Führung gegangen war, riefen rund 7000 Menschen lautstark: "Spitzenreiter, Spitzenreiter". In diesem Moment war der Club ganz oben angekommen, er hatte sich Stück für Stück in der Saison nach vorne gearbeitet. Und auch in diesem Spiel, beim couragiert auftretenden HSV, hatte er sich aus einem Nachteil (van Nistelrooy traf für Hamburg zum 1:0, 40. Minute) einen Vorteil verschafft. Doch wer dachte, diese Umstände würden den Schalkern Flügel verleihen, und nun würden sie mit aller Macht ihre Spitzenposition verteidigen wollen, der sah sich getäuscht.

Denn die Mannschaft zog sich zurück, kassierte den Ausgleich (Pitroipa, 77.), gab die Tabellenführung nach nur neun Minuten wieder her, und all das schien ihren Trainer Felix Magath noch nicht einmal zu überraschen. Denn er wusste: "Wir hatten auf einmal zu viel Angst. Das geht uns schon die ganze Saison über so. Immer wenn es angebracht wäre, weiter nach vorne zu spielen, verlässt uns der Mumm. Dann machen wir einfach nicht weiter."

Dieses Manko könnte natürlich daran liegen, dass Schalke in dieser Saison nicht darin geübt ist, konsequent nach vorne zu spielen, Tore zu erzwingen und einen angeschlagenen Gegner entscheidend zu schlagen. Zwar wurde die Mannschaft in den vergangenen Tagen oft für ihre bemerkenswerte Defensive gelobt (mit nur 20 Gegentoren nach 26 Spielen, so wenigen wie nie zuvor in der Clubhistorie, war sie nach Hamburg gereist). Zudem war immer wieder an den Spruch erinnert worden: "Mit gutem Angriff gewinnt man Spiele, mit guter Abwehr jedoch Meisterschaften." Aber in Hamburg hakte es dann doch auffällig oft beim Bemühen, mit den eroberten Bällen mal etwas Konstruktives anzufangen; auch wenn Kevin Kuranyi, der zum 1:1 (62.) traf, und die eingewechselten Edu und Alexander Baumjohann Chancen zu weiteren Toren hatten.

"Ich bin zufrieden mit unserer Lage"

Hinterher wurde so gut wie jeder Schalker gefragt, ob es nicht sogar von Vorteil sei, weiterhin aus der Lauerposition agieren zu können und sich nicht von der unbegrenzten Euphorie, die die Tabellenführung mit sich gebracht hätte, blenden lassen zu müssen. Magath wurde nach der Pressekonferenz mit dieser Frage nahezu bedrängt, "Na, sind Sie froh, Herr Magath?" Doch wie seine Spieler wollte auch er ganz besonnen bleiben. "Sie möchten immer hoch hinaus", antwortete der Meistertrainer. "Ich aber bin glücklich und zufrieden mit unserer Lage." Da jeder weiß, wie sehr der 56-Jährige nach oben - und nur nach oben - strebt, wollte ihm die vermeintliche Zurückhaltung natürlich niemand abkaufen.

Und was war mit dem HSV? Am besten verdeutlicht dessen aktuelle Lage ein Gespräch zweier Fans in der zur Arena fahrenden S-Bahn vor dem Spiel. Sagt der eine: "Eigentlich ist es egal, was in der Bundesliga passiert. Hauptsache wir kommen ins Europapokalfinale. Wie lange fährt man eigentlich nach Lüttich?" Erwidert der andere: "Fünf Stunden. Und im Finale spielen wir gegen Liverpool. Was dann wohl los ist in der Stadt?"

Natürlich haben die Hamburger, die nun von Werder Bremen aus den Europa-League-Plätzen verdrängt wurden, die Bundesliga nicht abgeschrieben. An diesem Sonntag aber traten sie in die Nebenrolle. Und dort durften sie sich aufgrund ihrer erfolgreichen Tabellenführer-Verhinderung als Gewinner fühlen. Publikumseinheizer Lotto King Karl hatte mit seinem Shirt-Aufdruck jedenfalls das letztlich erfolgreich umgesetzte Motto vorgegeben: "Heude nich', Felix!"

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Seite 1
noodl 12.03.2010
1.
Zitat von sysopNoch ist der Titelkampf in der Fußball-Bundesliga völlig offen. Bayern, Bayer, Schalke - oder gar noch ein anderer Club: Wer liegt am Ende vorne?
Bayern.
ulan 1 12.03.2010
2. Ganz einfach
Zitat von sysopNoch ist der Titelkampf in der Fußball-Bundesliga völlig offen. Bayern, Bayer, Schalke - oder gar noch ein anderer Club: Wer liegt am Ende vorne?
Geld regiert die Welt. Da kein deutscher Fußballverein Bayern München hierin die Hand reichen kann, ist das Ergebnis eindeutig. Bis auf ganz wenige "Ausrutscher" hat sich diese Wahrheit für Bayern Münschen bestens und beständig gewährt. Es ist nahezu uninteressant, die Bundesliga dahingehend zu verfolgen, Sieger wird, wer die besten Spieler einkaufen kann.
Haio Forler 12.03.2010
3. .
Zitat von sysopNoch ist der Titelkampf in der Fußball-Bundesliga völlig offen. Bayern, Bayer, Schalke - oder gar noch ein anderer Club: Wer liegt am Ende vorne?
Bayern.
Kanzla87 12.03.2010
4.
Auch unter Beachtung des Restprogramms sehe ich (leider) die Bayern im Vorteil. Die nächsten 5 Wochen werden entscheident sein, dann da spielen alle 3 Mannschaften fast ausnahmslos gegen Teams aus dem oberen Tabellendrittel. Leverkusens Restprogramm mit Hamburg, Dortmund, Schalke, Frankfurt, Bayern und Stuttgart in den nächsten 6 Wochen klingt beeindruckend und wir enorm schwer. Auch Schalke hat mehrheitliche starke Gegner... Fazit: Bayern machts...
krafts 12.03.2010
5.
Zitat von Kanzla87Auch unter Beachtung des Restprogramms sehe ich (leider) die Bayern im Vorteil. Die nächsten 5 Wochen werden entscheident sein, dann da spielen alle 3 Mannschaften fast ausnahmslos gegen Teams aus dem oberen Tabellendrittel. Leverkusens Restprogramm mit Hamburg, Dortmund, Schalke, Frankfurt, Bayern und Stuttgart in den nächsten 6 Wochen klingt beeindruckend und wir enorm schwer. Auch Schalke hat mehrheitliche starke Gegner... Fazit: Bayern machts...
Genau. Wenigstens kann sich dann keine Mannschaft herausreden, denn alle haben es noch selber in der Hand.
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