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Fotostrecke: Wenn Keller in die Luft geht

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Schalker Derbysieg In der Euphorie verblasst die Realität

Schalke 04 feiert den 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund. Die Spieler sollen den Erfolg auskosten, fordert Manager Horst Heldt. Dabei waren die grundsätzlichen Probleme des Teams auch im Derby offensichtlich.

Die Schalker wissen natürlich genau, wie sich ein Sieg gegen den größten Rivalen genussvoll ausschlachten lässt. Und so hatte die Stadionregie der königsblauen Fußballarena schon wenige Sekunden nach dem Abpfiff der Partie gegen Borussia Dortmund (2:1) die passende Grafik parat. Auf dem Videowürfel erschien ein Tabellenfragment, nur die Plätze sieben bis zwölf wurden gezeigt, und ganz oben stand: der FC Schalke 04. Einen Punkt vor dem Neuntplatzierten aus Dortmund. "Derbysieger, Derbysieger, hey, hey", sangen die Leute. Und natürlich den Klassiker "Die Nummer Eins im Pott sind wir!"

Es ist bemerkenswert, welche Emotionen und Energien so ein Erfolg in diesem für viele Fans wichtigsten Spiel des Jahres hervorrufen kann. Für einen Abend lässt sich mit der Kraft eines Derbysieges sogar die Realität zurechtbiegen: Platz sieben wird kurzerhand in Rang eins verwandelt. Dieses Erlebnis helfe, "die eine oder andere Enttäuschung" zu vergessen, sagte Schalkes Manager Horst Heldt, Trainer Jens Keller war einfach nur "überglücklich", und Torhüter Ralf Fährmann sprach völlig euphorisiert von einem "Geschenk Gottes".

Schalke schwebt also über den Wolken, "wir müssen das jetzt erstmal genießen und nicht gleich wieder an die nächste Aufgabe denken", forderte Heldt. Die zuletzt so heftig kritisierten Spieler sollen diesen süßen und möglicherweise nachhaltig stärkenden Moment gründlich auskosten. Dass dieser Flug in den Derbyhimmel weiterhin nicht in jene Tabellengefilde führt, in denen die Schalker sich eigentlich sehen, spielte erstmal keine Rolle.

Spielerisch maues Derby

Dabei waren einige grundsätzliche Probleme des Teams auch an diesem Nachmittag erkennbar. So sprach Klaas-Jan Huntelaar von einem "schönen Kampf" und traf damit den Kern. Es wurde gerannt, gekämpft und geackert, nach dem Abpfiff sanken mehrere Schalker völlig erschöpft in sich zusammen. Fährmann lobte den "Zusammenhalt" und die "Geschlossenheit", spielerische Klasse blieb aber ein rares Gut in diesem Duell. Herausgespielte Chancen gab es so gut wie gar nicht, die Treffer resultierten aus Fehlern, die funktionierenden Spitzenmannschaften normalerweise nicht unterlaufen.

Das war zwar unterhaltsam, entspricht aber nicht den Selbstansprüchen, die der FC Schalke 04 und Borussia Dortmund erheben. Der BVB sei nun mal nicht "on Top, was Eingespieltheit betrifft" musste Jürgen Klopp einräumen, sein Team hat in den vergangenen drei Partien nur einen Punkt geholt.

Angesichts der großen personellen Probleme hatte Dortmunds Trainer eine Strategie gewählt, die die vielen neuen oder nach Verletzungen zurückgekehrten Spieler nicht überfordern sollte. "Wir hatten einen einfachen Plan, und der hat häufig funktioniert, aber nicht häufig genug", sagte Klopp. Verloren haben die Dortmunder nämlich nicht, weil sie das schlechtere Team waren, sondern weil ihnen ein grober Fehler mehr unterlaufen ist.

Vor dem 1:0 hatte der erstmals seit der WM von Beginn an spielende Mats Hummels nach einer Ecke Joel Matip seltsam ungehindert ins Tor köpfen lassen (10.). Und vor Eric-Maxim Choupo-Motings 2:0 war dem völlig unbedrängten Adrián Ramos ein fürchterlich missratener Befreiungsschlag unterlaufen (23.).

"Es kann einen Moment dauern, aber wir kommen"

Roman Neustädters Fauxpas vor Pierre-Emerick Aubameyangs Anschlusstreffer (26.) reichte nicht aus, um diese beiden Dortmunder Aussetzer zu kompensieren. "Wir schießen uns selber ins Bein und schenken denen die Tore" meinte Klopp, und dieses in Dortmund eigentlich eher seltene Phänomen droht sich zu einem Dauerproblem zu entwickeln. Schon die Partien in Mainz und gegen Stuttgart waren von erstaunlichen individuellen Fehlern geprägt.

Nachdem die Schalker in den vergangenen Wochen immer wieder von einem "Fehlstart" ins neue Spieljahr gesprochen hatten, musste nun Klopp einräumen, dass die Saison "alles andere als gut begonnen" habe. Um direkt im Anschluss anzukündigen: "Glaubt mir eins: Wir kommen. Es kann einen Moment dauern, aber wir kommen."

Tatsächlich steht Mitte Oktober eine Länderspielpause bevor, in der viele verletzte Spieler zurückerwartet werden, die Frage ist nur, ob es dann nicht schon zu spät ist für das Erreichen der eigenen Saisonziele. Ein Vorsatz fürs neue Spieljahr lautete, die Bayern nicht erneut solch einen gigantischen Punktevorsprung herausspielen zu lassen. Nun hat der ebenfalls von WM-Folgen und Verletzungspech gebeutelte Rekordmeister nach sechs Spieltagen bereits sieben Zähler mehr als der BVB. Und die Dortmunder haben nicht mal das Glück, die Realität im Derbyrausch ein wenig hübscher erscheinen zu lassen, als sie wirklich ist.

Schalke 04 - Borussia Dortmund 2:1 (2:1)
1:0 Matip (10.)
2:0 Choupo-Moting (23.)
2:1 Aubameyang (26.)
Schalke: Fährmann - Uchida, Matip, Neustädter, Aogo - Höger (79. Ayhan), Kevin-Prince Boateng (71. Fuchs) - Sam (37. Clemens), Meyer, Choupo-Moting - Huntelaar.
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels (80. Sokratis), Durm - Ginter, Sven Bender - Aubameyang, Großkreutz (69. Jojic) - Ramos, Immobile (57. Kagawa).
Schiedsrichter: Peter Gagelmann
Zuschauer: 61.000

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