Schalkes Trainer Stevens Erfolgreiches Auslaufmodell

Zwei Spiele, zwei Siege: Huub Stevens hat einen guten Start als Trainer des FC Schalke gefeiert. Trotz der Erfolge ist die Verpflichtung des Niederländers ein Rückschritt für den Club. In Gelsenkirchen sollte der Umbruch stattfinden - doch der wird mit Stevens kaum gelingen.

Schalke-Trainer Stevens: Zwei Spiele, zwei Siege
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Schalke-Trainer Stevens: Zwei Spiele, zwei Siege

Von Rainer Schäfer, Hamburg


Wie sich Huub Stevens gefühlt hat, als er in der Arena des Hamburger SV vom HSV-Anhang lautstark mit Pfiffen empfangen wurde, ließ er sich nicht entlocken. Er habe sie gar nicht gehört, behauptete der Niederländer, der mit dem FC Schalke 2:1 in Hamburg siegte und damit die Abstiegsnöte des HSV weiter vergrößerte. Es war die wohl unverfänglichste aller möglichen Antworten, die der Coach geben konnte.

Beinahe wäre Stevens nämlich vom HSV zum Retter im Abstiegskampf auserkoren worden, eine Einigung stand kurz bevor. Als die Verantwortlichen in Hamburg aber bemerkten, dass der Wunschtrainer auch mit Schalke verhandelte, brachen sie die Gespräche mit dem Fast-Coach ab, der dann auf Schalke unterschrieb und sein erstes Bundesligaspiel mit S04 ausgerechnet beim HSV bestreiten musste.

Dass es überhaupt zu diesem bizarren Verwirrspiel um Stevens' Rückkehr kommen konnte, lässt auch Zweifel am Entwicklungsstand der Bundesliga aufkommen. Stevens, inzwischen 57 Jahre alt, hatte sich 2008 aus Deutschland verabschiedet. Beim FC Schalke verbrachte er seine beste Zeit. 1997 holte Stevens mit den Gelsenkirchenern den Uefa-Cup, zwei Mal den DFB-Pokal (2001 und 2002), wurde 2001 mit dem Club Vizemeister. Grund genug für die Schalker Fans, den Mann mit dem Image des harten Hundes zum Jahrhundert-Trainer zu wählen. Danach war Stevens noch bei Hertha BSC, dem 1. FC Köln und zuletzt, bis zum Ende der Saison 2007/2008, beim HSV.

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Schalke-Sieg gegen den HSV: Huub Stevens triumphiert in Hamburg
Als Stevens vor gut drei Jahren ging, galt er als Auslaufmodell, das seine Verdienste zwar nachweisen konnte, dessen Fixiertheit auf Sicherheitsfußball aber zunehmend als Ärgernis angesehen wurde. "Die Null muss stehen" war Stevens Mantra, dessen man gründlich überdrüssig geworden war. In der Bundesliga waren andere Trainertypen gefragt, wie Ralf Rangnick, die sich der Offensive verschrieben haben, dem organisierten Spektakel. Ausgerechnet Rangnick löste Stevens bei Schalke ab. Praktisch aus dem Vorruhestand landete er in Gelsenkirchen, nachdem er im April bei Red Bull Salzburg in Österreich entlassen worden war.

Der Anlass, Stevens zurück in die Bundesliga holen zu wollen, kann nur höchste Not sein. Der HSV suchte nach der Talfahrt mit Ex-Trainer Michael Oenning einen Weg aus der Krise, Schalke war nach dem gesundheitlich bedingten Ausscheiden von Rangnick auf eine schnelle Lösung angewiesen. Wenn Sicherheit gefragt ist, Stabilität erwünscht, dann erinnert man sich an einen wie Stevens. Zwei Spiele hat der inzwischen mit Schalke absolviert, beide hat er gewonnen: 3:1 in der Europa League gegen Maccabi Haifa und nun gegen den HSV.

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Grafische Analyse: Huntelaar lauffreudig, Westermann zweikampfschwach
In Hamburg gewann ein Team, das von Rangnick auf Offensivfußball geeicht wurde, mit einem überragenden Stürmer Klaas-Jan Huntelaar. Stevens Handschrift war nicht zu erkennen. Noch nicht. Als er Mittelfeldspieler Julian Draxler für Stürmer Jefferson Farfán und den Kämpfer Jermaine Jones für den Kreativspieler Lewis Holtby einwechselte, da blitzte der alte Geist wieder auf. Es ist zu befürchten, dass Stevens nach und nach zu seiner unattraktiven Defensivstrategie zurückkehrt.

Auch wenn es momentan danach aussieht, als ob Schalkes Sportdirektor Horst Heldt mit der Verpflichtung Stevens' alles richtig gemacht hat, ist sie alles andere als der angekündigte konzeptionelle Umbruch des Clubs nach dem Scheitern von Felix Magath. Rangnick hat ihn mit seiner Idee eines modernen, offensiven Fußballstils begonnen. Dass Stevens diesen Weg weitergeht, ist zweifelhaft. Den Niederländer bis Saisonende zu verpflichten, um in Ruhe eine Ideallösung zu suchen, wäre verständlich gewesen. Ihn mit einem Zweijahresvertrag auszustatten ist, zumindest mittelfristig, ein Rückschritt.

Jedes Jahr erwerben ein paar Dutzend Fußball-Lehrer ihre Lizenz für die oberste Spielklasse. Wäre da nicht einer dabei gewesen, der mehr für die Zukunft des Fußballs steht als Stevens? Rodolfo Esteban Cardoso könnte einer der Trainer dieser neuen Generation sein. Zweimal betreute der Argentinier den HSV in der Bundesliga. In Stuttgart holte er den ersten Saisonsieg, gegen Schalke zeigte das Team trotz der Niederlage eine ansprechende Leistung, war zeitweise überlegen.

"Wenn der HSV so weiterspielt, wird er schnell da unten rauskommen", sagte Stevens. Cardoso lässt offensiv spielen, der HSV wirkt längst nicht mehr so verängstigt wie noch unter Oenning. Aber Cardoso hat ein großes Handicap: Er besitzt keine Trainerlizenz. Schon zweimal hat er es versäumt, sich für den Lehrgang anzumelden. Daher wird er nicht dauerhaft Coach des Bundesligisten bleiben. Der HSV sucht nach einem neuen Trainer, der laut Sportchef Frank Arnesen beim nächsten Spiel in Freiburg in zwei Wochen auf der Bank sitzen soll. Egal, wer es wird: Die Entscheidung des HSV gegen Stevens war die richtige.

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Freifrau von Hase 03.10.2011
1.
Heynckes ist ein Auslaufmodell und trainiert Bayern zurzeit sehr erfolgreich. van Gaal war ein Auslaufmodell und auch sehr erfolgreich (am Ende scheiterte er menschlich, nicht fachlich) Tuchel ist ein ganz toller Konzepttrainer und spielt mit Mainz gegen den Abstieg. Kloppo ist auch ein toller Konzepttrainer, bekommt aber gerade in der CL die Grenzen aufgezeigt. Was also spricht gegen Stevens? Und dem Hamburger SV kann sowieso nur ein Mann helfen: Lothar Matthäus. Wenn die Hamburger das nicht endlich einsehen, dann sollen sie in Gottes Namen absteigen!
ambergris 03.10.2011
2. .
Seltsamer Artikel. Was soll der Satz "Die Entscheidung des HSV gegen Stevens war die richtige."? Der HSV hat sich nur wegen gekränktem Stolz gegen Stevens entschieden, sportliche Gründe hatten damit nichts zu tun gehabt. Warum muss es auch immer ein "Umbruch" sein? Gerade das hat den HSV doch auf den letzten Tabellenplatz geführt. Und wofür braucht man denn den Umbruch wenn man mit Routiniers wie Heynckes und Stevens national und international Erfolge feiert?
loncaros 03.10.2011
3. t
Schalen und Pokale interessiert es nicht, ob der Trainer jetzt "rückständig" oder "fortschrittlich" trainiert und spielen lässt.
shokaku 03.10.2011
4.
Der Stachel, dass Stevens nach Schalke statt zur Hamburger Trümmertruppe gegangen ist, scheint ja tief zu sitzen. Dummerweise gewinnt der Kerl dann auch noch im direkten Vergleich. Da muss man doch schnell die Niederlage in einen Sieg umdefinieren. Von SPON ist man in letzter Zeit ja viel Endsiegpropaganda bezüglich des Euros gewohnt, aber das scheint sich jetzt auch auf anderen Themengebiete auszuweiten. Allerdings ist die Entscheidung gegen Stevens schon richtg: So kommt er dem HSV bei dessen Vorstoss in rückwärtige Tabellengebiete nicht in die Quere.
Luc_Reguin, 03.10.2011
5. Auslaufmodell?
Stevens war überaus erfolgreich, da passt das Wort Auslaufmodell überhaupt nicht. Erfolg läuft nie aus und auch nicht das Konzept mit dem man erfolgreich ist. Bei Schalke Vizemeister, Pokal- und UefaCup-Sieger, Köln zum Aufstieg geführt, den HSV vorm Abstieg gerettet und in den Uefa-Cup geführt, RB Salzburg zur Meisterschaft. Diese Erfolge entstammen nicht alle der Mottenkiste. Der Artikel ist also total murks. Schaut man grad mal auf Alemannia Aachen kann man sehen wohin Hurra-Fußball führt, wenn man nicht das Personal oder das passende Konzept dafür hat. Oder man schaue auf Klinsmann wie grandios er mit diesem Konzept bei den Bayern gescheitert ist. Offensiv spielen lassen kann jeder Trainer, erfolgreich offensiv spielen lassen nur die Wenigsten. Das Gleiche gilt für eine defensive Spielweise. Beim HSV sollte es darum gehen da unten rauszukommen und wenn man das durch defensive Spielweise ála Stevens erreicht, dann ist das gut so. Außerdem ist Stevens keiner der Trainer, die mit ihrer Spielweise stehen bleiben. Man kann auch im höherem Alter noch dazu lernen und seine Spiel- und Trainigsweise optimieren - siehe Heyneckes. Außerdem was ist das für eine Einstellung, wenn man bei Führung defensive Spieler einwechselt und dafür kritisiert wird? Einem Verein ist eben insbesondere auch ein Wirtschaftsunternehmen und dabei geht es darum erfolgreich zu sein und nicht wie man spielt und welches Image der Erfolg hat, welcher damit einher geht. Daher kann ich nur sagen: Dieser Artikel ist vollkommener Quatsch.
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