Schauspieler Król "Die Torschreie waren kilometerweit zu hören"

Der Club ist nur noch fünftklassig, doch Joachim Król hält weiterhin zu Westfalia Herne. Im Interview mit dem Magazin "11 FREUNDE" spricht der fußballverrückte Schauspieler über lautstarke Fans, Stadionbesuche an der Hand des Vaters und den Niedergang seines SCW.


Frage: Herr Król, Sie sind jahrelang mit ihrem Vater zu den Heimspielen von Westfalia Herne gegangen. Wie hat das die Beziehung zwischen Ihnen beeinflusst?

Mime Król: "Großartiger Rasen"
DPA

Mime Król: "Großartiger Rasen"

Król: Für mich war der Gang zum Stadion alle 14 Tage eine ganz wichtige Verbindung zu meinem Vater, eine Gemeinsamkeit, die wir geteilt haben.

Frage: Was war das Besondere?

Król: Wir haben die Zeit genutzt, um uns auszutauschen, um über unsere alltäglichen Sorgen zu reden. Für solche Gespräche blieb in der Woche ja so gut wie keine Zeit. Im Stadion standen wir immer am selben Platz, haben uns immer mit den gleichen Leuten umgeben. Das war unser festes Ritual.

Frage: Welche Erinnerungen in dieser Zeit waren besonders prägend?

Król: Am besten kann ich mich an den Fußweg zum Stadion erinnern. Wir hatten kein Auto und mussten von unserem Stadtteil mindestens eine Dreiviertelstunde Fußweg in Kauf nehmen.

Frage: Waren da viele andere Fans unterwegs?

Król: Ja, zu dieser Zeit hatte die Westfalia noch fünfstellige Zuschauerzahlen. Der Strom der Menschen in Richtung Stadion wurde ab einer gewissen Stelle immer dichter. Das war für mich als Kind schon sehr beeindruckend. An den ersten Gegner kann ich mich nicht mehr erinnern. Das ist schon zu lange her. Ich muss gerade fünf Jahre alt gewesen sein.

Frage: Was zeichnet für Sie das Stadion am Schloss Strünkede aus?

Król: Zunächst einmal, dass es das Stadion meiner Kindheit und Jugend ist. Damals gab es, nicht nur in Herne, in den Stadien noch viel mehr Stehplätze. Das hat die Atmosphäre unheimlich geprägt.

Frage: Sie geraten ja richtig ins Schwärmen.

Król: Selbst wenn ich mal nicht beim Spiel war, habe ich eigentlich nichts verpasst. Man konnte die Torschreie schließlich bis ins Elternhaus hören, einige Kilometer weit, wenn der Wind richtig stand. Besonders macht es auch die Lage, der Platz ist in die wunderbare Parkanlage des Schlosses eingebettet.

Frage: Wann waren Sie zuletzt dort?

Król: Vor einem halben Jahr, als man mir die Ehrenmitgliedschaft des Vereins verliehen hat. Vorher habe ich mir im September 2006 die erste Runde des DFB-Pokals gegen Aue dort angesehen. Mehrere tausend Zuschauer haben bei mir Erinnerungen an früher wieder aufleben lassen. Ein Glück, dass ich dabei sein konnte. Leider hat die Westfalia 1:2 verloren.

Frage: Mit welchen Gefühlen kommen Sie heute zurück?

Król: Natürlich wird man ein wenig nostalgisch. Als ich mit meinem Sohn zum ersten Mal da war, kamen alte Erinnerungen an die Zeit mit meinem Vater hoch.

Frage: Derzeit steht es nicht so gut um den Club. Herne ist nur noch fünftklassig.

Król: Ich finde es toll, dass sich in Herne Leute gefunden haben, die das Stadion nicht nur erhalten, sondern auch wieder auf Vordermann bringen wollen. Die Stadt ist finanziell ja nicht auf Rosen gebettet. Bis auf den Rasen, der absolut großartig ist, gibt es viele marode Ecken. Aber das ist leider so, wenn kein Geld da ist. Westfalia Herne ist trotzdem ein feiner Verein, immer noch.

Frage: Warum hat man in Herne den Anschluss an den großen Fußball verloren?

Król: Das hat Karl-Heinz Feldkamp in einem Interview mal sehr treffend analysiert. Er hat zu guten Wattenscheider Zeiten mal gesagt, ohne ihren Sponsor wären die Wattenscheider da, wo Westfalia Herne jetzt ist. Irgendwann hat dem Verein einfach das Geld gefehlt. Im Prinzip war die Nichtberücksichtigung für die Bundesliga 1963 der Anfang vom Ende.

Frage: Das Stadion hat sich seit fast 50 Jahren kaum verändert?

Król: Das ist doch das Schöne. Es gab damals, als noch ein bisschen Geld vorhanden war, den Plan, eine Kurve auszubauen. Aber dazu ist es nie gekommen. So sieht es dort noch genauso aus wie vor 45 Jahren.

Frage: Finden Sie heute noch Zeit, um zu Heimspielen zu gehen?

Król: Leider kaum noch. Wie gesagt, als das Pokalspiel gegen Aue war, habe ich mir einen Besuch nicht nehmen lassen. Ansonsten verfolge ich über das Internet, wie es dem Verein geht.

Glaubensbekenntnis
AP
Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Frage: In der Saison 1975/1976 trug der VfL Bochum einige Heimspiele in Herne aus. Waren Sie im Stadion?

Król: Um Bochum zu sehen? Sicher nicht.

Frage: Haben Sie einige Westfalia-Idole persönlich kennengelernt?

Król: Ich habe 2004 beim 100-jährigen Vereinsjubiläum Jochen Abel getroffen. Ein ganz Großer, eine Identifikationsfigur. In Dortmund treffe ich mich gern mit Hans Tilkowski, den ich altersbedingt selbst nicht mehr habe spielen sehen. Er wundert sich immer, dass ich so viele Geschichten aus seiner Zeit erzählen kann. Dafür ist mein Vater verantwortlich. Der hat diese Geschichten so oft erzählt, dass sie irgendwann zu meinen eigenen geworden sind.

Die Fragen stellte Gereon Detmer



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.