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Schiedsrichter-Affäre Fahrstuhl zwischen Wahrheit und Lüge

Ein Zungenkuss im Fahrstuhl, die Hand im Genitalbereich: In der Affäre um den ehemaligen Schiedsrichter-Beobachter Manfred Amerell und Referee Michael Kempter kamen vor dem Landgericht Hechingen pikante Details zur Sprache. Doch die wichtigsten Fragen sind nach wie vor ungeklärt.

Juristen sind offenbar abgebrühte Leute. Kurz nachdem Richter Alexander Meinhoff den Verhandlungstag in der Schiedsrichter-Affäre vor dem Landgericht Hechingen beendet hatte, wandten sich die Anwälte der beiden Kontrahenten mit recht gleichlautenden Stellungnahmen an die Medienvertreter. "Letztlich ist es nicht zu der befürchteten Schlammschlacht gekommen", sagte Jürgen Langer, Anwalt des ehemaligen Schiedsrichterbeobachters Manfred Amerell. Und war sich zumindest in diesem Punkt mit Christoph Schickhardt einig, der es als Rechtsbeistand von DFB-Schiedsrichter Michael Kempter ähnlich formulierte.

Nach dem Geschmack der zumeist älteren Zuhörer wurden am Donnerstag allerdings genügend Details präsentiert, die in den meisten zwischenmenschlichen Beziehungen aus gutem Grund nicht öffentlich erörtert werden. Doch genau das ist der Kern des Konflikts zwischen Manfred Amerell (63 Jahre alt) und dem 28-jährigen Kempter, der seit April vergangenen Jahres kein Pflichtspiel mehr gepfiffen hat: Während Amerell das Verhältnis, das zwischen beiden jahrelang bestand, als einvernehmlich schildert, will Kempter es gänzlich anders erlebt haben. Mit teils brüchiger Stimme schilderte er, wie Amerell ihm bei gemeinsamen Autofahrten die Hand auf den Oberschenkel gelegt habe und sich seinem Genitalbereich genähert habe.

Erstmals behauptet Kempter zudem öffentlich, dass Amerell sich bereits im Juli 2001 bei einem Lehrgang im niedersächsischen Barsinghausen genähert habe. Kempter war damals 18 Jahre alt. Er sei völlig verdattert gewesen, als ihn Amerell mit Zärtlichkeiten ("kurz umarmt, Kuss auf den Mund") empfangen habe und ihm die Hand auf den Oberschenkel gelegt habe. "Ich habe mir da anfangs nichts Schlimmes bei gedacht, ich wusste ja, dass Herr Amerell verheiratet ist." Amerell indes bestritt, dass es vor Mitte 2008 überhaupt zu Zärtlichkeiten gekommen sei.

"Die psychologische Hilfe hat ihm sehr geholfen"

Kempter, der bis dato weder in einem seiner Interviews noch bei der staatsanwaltlichen Vernehmung sexuelle Übergriffe Amerells zu einem solche frühen Zeitpunkt erwähnt hatte, erklärt das mit einer "Traumatisierung", die sich bei ihm erst nach therapeutischer Behandlung gelöst habe. "Die psychologische Hilfe hat ihm sehr geholfen", sagt sein Anwalt Christoph Schickhardt.

In Amerells Erinnerung stellt sich das Verhältnis der beiden Männer hingegen als intensive Freundschaft dar, die im Laufe der Jahre an Intensität zugenommen habe, ehe es Mitte 2008 erstmals zu einem sexuellen Kontakt gekommen sei. Den Einwurf des nicht eben zurückhaltenden Schickhardt, Amerell habe sich ja offenbar mehreren jungen Schiedsrichtern genähert, wies dieser empört von sich.

Im Mai 2008 kam es im Lift eines Kölner Hotels zu einem Zungenkuss. Das immerhin ist unstrittig. Alles andere nicht. "Er hat mir seine ekelhafte Zunge in den Mund gesteckt", sagte Kempter und sah sich fortan noch detaillierteren Nachfragen von Amerells Verteidiger ausgesetzt. Als Kempter schilderte, wie sich ihm Amerell über all die Jahre hinweg immer wieder besonders in engen Räumen genähert habe, schien es, als hätten die meist älteren Zuhörer Sympathien für den jungen Referee.

Kurz darauf legten sie aber wieder die Stirn in Falten, als Amerells Anwalt Langer aus einer E-Mail zitierte, die Kempter zwei Tage nach den Ereignissen im Kölner Hotel an Amerell schrieb: "Hi, Manni, die wahre Liebe gehört uns", heißt es dort. Kempters Erklärung: der zudringliche Amerell habe immer wieder "gut gestimmt" werden müssen.

Nach gut dreieinhalb Stunden zog sich Richter Alexander Meinhoff schließlich mit seinen Beisitzern zu einer längeren Beratung zurück, zu der schließlich auch die Prozessbeteiligten hinzugebeten wurden. Das Verfahren wird nun schriflich fortgesetzt. Wie eine Einigung aussehen könnte, bleibt angesichts der komplett unterschiedlichen Darstellungen, schwer vorstellbar. Kempter-Anwalt Jürgen Langer wollte immerhin so viel andeuten: "Als Fazit kann man sagen: es geht nicht ums Geld."

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