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09. April 2010, 13:22 Uhr

Schiedsrichter-Affäre

Kempter darf wieder pfeifen, DFB beschließt Schiri-Reform

Der wichtigste Zeuge im Fall Amerell bekommt die Chance auf einen Neuanfang. Michael Kempter soll erstmals seit Monaten wieder als Referee eingesetzt werden - zunächst allerdings nur in der 3. Liga. Der DFB hat zudem die Reform des Schiedsrichterwesens abgesegnet.

Hamburg - 83 Tage nach seinem letzten Einsatz in der Fußball-Bundesliga wird Schiedsrichter Michael Kempter am Samstag sein Comeback geben. Der 27-Jährige wird das Drittligaspiel zwischen dem SV Sandhausen und Holstein Kiel leiten (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Das beschloss der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Freitag trotz der schwelenden Affäre um Kempter und den ehemaligen Schiedsrichterbeobachter Manfred Amerell.

"Das ist für uns absolute Normalität, denn es gibt derzeit keine Vorwürfe, die gegen eine Ansetzung von Michael Kempter sprechen. Es gibt keine Erkenntnisse, die ihn auf irgendeine Art belasten. Er hat gezeigt, dass er körperlich und mental fit ist", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger, nachdem Kempter am Mittwoch einen Leistungstest ohne Probleme bestanden hatte.

Zwanziger äußerte sich im Vorfeld des DFB-Bundestages, der sich am Freitagnachmittag mit der Neustrukturierung des Schiedsrichterwesens befasst hatte. Die Reform wurde dabei einstimmig gebilligt. Alle 252 anwesenden Delegierten stimmten am Freitag in Frankfurt am Main für die notwendige Satzungsänderung. Künftig sollen die Schiedsrichter professioneller betreut und die entscheidenden Stellen mit neutralem Personal besetzt werden. Zudem soll die Kommunikation innerhalb des Fußballs transparenter und offener werden. Die neue Regelung tritt am 21. Mai in Kraft.

Fandel wusste von nichts

Völlig überrascht von der Entwicklung in Sachen Kempter zeigte sich der designierte neue Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel, der sich zuletzt gegen eine schnelle Rückkehr des Referees ausgesprochen hatte. Fandel war offensichtlich noch nicht informiert worden. "Das habe ich nicht gewusst", sagte er.

Der DFB hatte zuvor Kempter bereits in anderer Sache entlastet. Seine private E-Mail an Amerell, in der er über den FC Bayern gelästert hatte, wird keinerlei disziplinarische Folgen für ihn haben.

Mit scharfer Kritik hat Ex-Funktionär Amerell auf die Comeback-Ankündigung Kempters reagiert. "Zwanziger versucht damit, seinen Kopf zu retten. Das ist die Not des Herrn Zwanziger, der sein Amt nicht verlieren will. Da er sein Schicksal mit Kempter verbunden hat, zaubert er ihn jetzt aus dem Hut", sagte Amerell.

Amerell wirft Zwanziger "Demagogie" vor

"Es war ein anderer Schiedsrichter vorgesehen. Diese Nummer wird nach hinten losgehen. Wenn Zwanziger Charakter hat, wird er sein Amt mit dem Untergang seines Kronzeugen Kempter verlieren", erklärte Amerell, der Zwanziger zudem "demagogische Aussagen" vorwarf: "Dafür kann er mir ruhig wieder seine Anwälte auf den Hals hetzen."

Kempter ließ am Nachmittag über den DFB ausrichten: "Ich habe mich in den vergangenen Wochen fit gehalten, fühle mich gut und freue mich sehr, endlich wieder auf den Platz zurückzukehren." Der Schiedsrichter hatte sein letztes Bundesliga-Spiel vor dem Bekanntwerden der Affäre beim 1:0 von Schalke 04 gegen den 1. FC Nürnberg am 17. Januar geleitet. Danach war er zunächst vom DFB aus dem Verkehr gezogen worden. Wann Kempter wieder in der Bundesliga pfeifen darf, ist offen.

Sandhausen, wo es sonst eher beschaulich zugeht, rüstet sich nun für einen Medienansturm. "Es sind einige Faxe, Mails und viele Akkreditierungswünsche angekommen, und der Tag ist ja noch lang", sagte Manager Tobias Gebert am Mittag. "Wir sind von der Infrastruktur dazu fähig, viele Journalisten aufzunehmen. Herr Kempter wird hier eine sehr gute Leistung bringen, denn er ist ein sehr guter Schiedsrichter."

aha/sid

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