Schiedsrichter-Affäre Kempter darf wieder pfeifen, DFB beschließt Schiri-Reform

Der wichtigste Zeuge im Fall Amerell bekommt die Chance auf einen Neuanfang. Michael Kempter soll erstmals seit Monaten wieder als Referee eingesetzt werden - zunächst allerdings nur in der 3. Liga. Der DFB hat zudem die Reform des Schiedsrichterwesens abgesegnet.

Schiedsrichter Kempter: Comeback in der Unterklasse
ddp

Schiedsrichter Kempter: Comeback in der Unterklasse


Hamburg - 83 Tage nach seinem letzten Einsatz in der Fußball-Bundesliga wird Schiedsrichter Michael Kempter am Samstag sein Comeback geben. Der 27-Jährige wird das Drittligaspiel zwischen dem SV Sandhausen und Holstein Kiel leiten (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Das beschloss der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Freitag trotz der schwelenden Affäre um Kempter und den ehemaligen Schiedsrichterbeobachter Manfred Amerell.

"Das ist für uns absolute Normalität, denn es gibt derzeit keine Vorwürfe, die gegen eine Ansetzung von Michael Kempter sprechen. Es gibt keine Erkenntnisse, die ihn auf irgendeine Art belasten. Er hat gezeigt, dass er körperlich und mental fit ist", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger, nachdem Kempter am Mittwoch einen Leistungstest ohne Probleme bestanden hatte.

Zwanziger äußerte sich im Vorfeld des DFB-Bundestages, der sich am Freitagnachmittag mit der Neustrukturierung des Schiedsrichterwesens befasst hatte. Die Reform wurde dabei einstimmig gebilligt. Alle 252 anwesenden Delegierten stimmten am Freitag in Frankfurt am Main für die notwendige Satzungsänderung. Künftig sollen die Schiedsrichter professioneller betreut und die entscheidenden Stellen mit neutralem Personal besetzt werden. Zudem soll die Kommunikation innerhalb des Fußballs transparenter und offener werden. Die neue Regelung tritt am 21. Mai in Kraft.

Fandel wusste von nichts

Völlig überrascht von der Entwicklung in Sachen Kempter zeigte sich der designierte neue Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel, der sich zuletzt gegen eine schnelle Rückkehr des Referees ausgesprochen hatte. Fandel war offensichtlich noch nicht informiert worden. "Das habe ich nicht gewusst", sagte er.

Der DFB hatte zuvor Kempter bereits in anderer Sache entlastet. Seine private E-Mail an Amerell, in der er über den FC Bayern gelästert hatte, wird keinerlei disziplinarische Folgen für ihn haben.

Mit scharfer Kritik hat Ex-Funktionär Amerell auf die Comeback-Ankündigung Kempters reagiert. "Zwanziger versucht damit, seinen Kopf zu retten. Das ist die Not des Herrn Zwanziger, der sein Amt nicht verlieren will. Da er sein Schicksal mit Kempter verbunden hat, zaubert er ihn jetzt aus dem Hut", sagte Amerell.

Amerell wirft Zwanziger "Demagogie" vor

"Es war ein anderer Schiedsrichter vorgesehen. Diese Nummer wird nach hinten losgehen. Wenn Zwanziger Charakter hat, wird er sein Amt mit dem Untergang seines Kronzeugen Kempter verlieren", erklärte Amerell, der Zwanziger zudem "demagogische Aussagen" vorwarf: "Dafür kann er mir ruhig wieder seine Anwälte auf den Hals hetzen."

Kempter ließ am Nachmittag über den DFB ausrichten: "Ich habe mich in den vergangenen Wochen fit gehalten, fühle mich gut und freue mich sehr, endlich wieder auf den Platz zurückzukehren." Der Schiedsrichter hatte sein letztes Bundesliga-Spiel vor dem Bekanntwerden der Affäre beim 1:0 von Schalke 04 gegen den 1. FC Nürnberg am 17. Januar geleitet. Danach war er zunächst vom DFB aus dem Verkehr gezogen worden. Wann Kempter wieder in der Bundesliga pfeifen darf, ist offen.

Sandhausen, wo es sonst eher beschaulich zugeht, rüstet sich nun für einen Medienansturm. "Es sind einige Faxe, Mails und viele Akkreditierungswünsche angekommen, und der Tag ist ja noch lang", sagte Manager Tobias Gebert am Mittag. "Wir sind von der Infrastruktur dazu fähig, viele Journalisten aufzunehmen. Herr Kempter wird hier eine sehr gute Leistung bringen, denn er ist ein sehr guter Schiedsrichter."

aha/sid



insgesamt 366 Beiträge
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Knütterer, 04.03.2010
1. Zwanziger hat....
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
.. sich hier nach meiner Einschätzung völlig falsch und grottenschlecht gezeigt! Solch eine Aktion schadet ihm auf dem Zenit seiner Karriere deutlich!
Justitia 04.03.2010
2.
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
Zwanziger hat mit Amerell eine aussergerichtliche Einigung erzielt, die einem Sieg im nun abgeblasenen Rechtsstreit mit Amerell nahezu gleich kommt. Damit Punkt für Zwanziger. In der Sache Löw/Bierhoff hat er den beiden gezeigt, daß sie die Angestellten sind und er die Arbeitgeberseite vertritt und dementsprechend die Rollenverteilung auch bleibt. Da eine Fortführung des Vertrags mit Löw bei einem peinlichen Verlauf der WM für die NM eh nicht sinnvoll wäre, hat auch hier Zwanziger richtig gehandelt. Damit ein weiterer Punkt für Zwanziger. Meiner Meinung nach kann man Zwanziger lediglich vorwerfen, daß er zu einem früheren Zeitpunkt Löw bereits eine Verlängerung des Vertrags angeboten hatte. Dies fand ich eher ungeschickt, den Verlauf der WM hätte er abwarten sollen.
paretooptimal 04.03.2010
3. DFB sollte Konkurrenz bekommen
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
Der DFB hat sich seit Jahrzehnten zu einer Hydra entwickelt, wo jeder Funktionär sein eigenes Süppchen kochen will. Wichtig sind die aktiven Fußballer und nicht der übermächtige Verband. Man sollte über einen neu zu schaffenden konkurrierenden Verband nachdenken, der dem DFB Paroli bieten kann.
simonleipzig 04.03.2010
4. Sieg für Zwanziger im Fall Amerell
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
Zwanziger hat im Fall Amerell (wie auch in vielen anderen schwierigen Fällen) mit Augenmaß aber auch einer klaren Linie gehandelt. Das spricht eindeutig für ihn und für ein Ende des Unter-die-Decke-kehrens von MV (der das ja jetzt in der Presse erst wieder gefordert hat). Zwanziger konnte sich mit den eidesstattlichen Erklärungen von vier jungen Schiedsrichterkollegen sicher sein, dass die Vorwürfe von Michael Kempter in Sachsen sexueller Belästigung der Wahrheit entsprechen. Amerell hatte damit keine Wahl: Er musste seine Klage zurückziehen, nun darf jeder die entsprechenden Vorwürfe wiederholen. Ich bin sehr gespannt, wie er sich da heute abend bei Kerner in SAT 1 aus der Affäre ziehen will. Übrigens hat das Ganze überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob Michael Kempter schwul ist oder nicht. In jedem Fall verbietet sich bei einem solchen Abhängigkeitsverhältnis Amerell-Kempter jeglicher Annäherungsversuch - in welcher Form und Art auch immer. Ein Schiedsrichterbeobachter kann und darf schwul sein, ebenso wie ein junger Schiedsrichter (allerdings wohl ohne es öffentlich zu machen, so weit sind die Fußballfans noch nicht). Aber er darf Privates eben nicht mit seiner Arbeit vermischen. Das hat auch Theo Zwanziger immer wieder betont. Danke für diesen offenen und klaren Umgang mit einem (leider) immer noch schwierigen Thema.
woscho 04.03.2010
5. Das Krisenmanagement von Herrn Zwanziger
ist merkwürdig. Ausschnitt: "Der DFB zeigte sich in einer Pressemitteilung zufrieden mit der Einigung: "Der Zivilprozess ist damit für uns in jeder Hinsicht erfolgreich abgeschlossen", sagte Rechtsanwalt Christian Schertz, der den DFB vertrat". >Zwanziger hatte vor der Verhandlung seine Demission angekündigt, sollte der DFB den Prozess gegen Amerell verlieren. "Dann muss ich selbstverständlich sofort von meinem Amt zurücktreten", so der 64-jährige Jurist im Magazin "Kicker".< Hier klingt Herr Zwanziger mit einer Rücktrittsdrohung wie der zurückgetretene Kanzler Schröder und seine Misstrauensfrage von 2005. Weiß der Geier, die Anschuldigungen dieser Schiedsrichter gegen Manfred Amerell gehören bekannt gemacht, ansonsten bleibt ein Mauschelgeschmack. Das seltsame Rechtsempfinden beim DFB.
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