Schiedsrichter-Kommentar Laufen lassen!

Verglichen mit Partien in Europas Topligen wirken Bundesligaspiele langsam und zerrissen. Daran sind auch die Schiedsrichter schuld, sie pfeifen kleinlich. Mehr Freiraum wäre schön. Doch dazu müssten die Verbandsfunktionäre die Vorgaben an die Unparteiischen lockern.


Es kann kein Zufall sein: Am dramatischsten, am attraktivsten waren bei der jüngst zu Ende gegangenen WM die Spiele, bei denen die Schiedsrichter konsequent pfiffen. Konsequent, aber nicht kleinlich – ein Unterschied, der in der Bundesliga immer seltener gemacht wird. Die Probleme der Ersten Liga sind zuallererst hausgemacht. Für deren im internationalen Vergleich frappierende individuelle und taktische Defizite können die Schiedsrichter selbstverständlich nicht das Geringste.

Argentinischer Schiedsrichter Elizondo: Top nicht nur im WM-Finale
AFP

Argentinischer Schiedsrichter Elizondo: Top nicht nur im WM-Finale

Wenn ein Bundesligaspiel im Vergleich zu einem Match in der Premier League oder einer anderen Topliga so langsam und so zerrissen wirkt, liegt das dennoch auch an den zahlreichen Unterbrechungen durch übereifrige Referees. Besonders jüngere Schiedsrichter unterbinden zunehmend jedes Kopfballduell, das nicht völlig körperlos geführt wird, und jedes Gerangel im Mittelfeld, auch wenn sich der ballführende Spieler durchgesetzt hat.

Der Torwart mutiert gar zur Elfe, die zu berühren verboten ist. Während in England der Keeper nicht mal im Torraum gesondert geschützt wird – was falsch ist –, wird er hier zu Lande im gesamten Strafraum für unberührbar erklärt - was noch schlimmer ist. Ein deutscher Schiedsrichter unterbricht im Regelfall immer, wenn der Keeper einen hohen Ball fallen lässt – auch wenn ihn der Angreifer nur an einer Haarspitze berührt hat.

Das alles mag man "konsequent" nennen, wie es der DFB gerne tut. Doch Pfiffe im Sekundentakt nerven auch den gutwilligsten Stadionbesucher. Der möchte zwar kein unfaires Spiel sehen, aber auch kein "konsequent" geleitetes. Hin und wieder beobachtet man sogar Anhänger der begünstigten Mannschaft, wie sie vor Verzweiflung über einen Pfiff die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Eigentlich wollten sie doch Fußball sehen. Wieder einmal häufen sich die Stimmen, die fordern, nur noch ehemalige Profis sollten Schiedsrichter werden, da sie die Dramaturgie eines Spiels verinnerlicht hätten.

Auch Günter Netzer, dem bei der WM viele Entscheidungen zu kleinlich waren, fordert mehr Fingerspitzengefühl. Das ist in Ordnung, aber ein wenig wohlfeil. Denn genau den Ermessensspielraum, den Netzer meint, wenn er von Fingerspitzengefühl spricht, haben die Männer in Schwarz de facto nicht mehr. Wer im DFB-internen Ranking nicht herabgestuft werden will, muss mit tauben Fingerspitzen und streng nach Vorschrift pfeifen, sonst bekommt er vom Schiedsrichterbeobachter auf der Tribüne einen negativen Vermerk.

Routiniers wie Herbert Fandel oder Markus Merk kümmert das weniger, sie sind – zu Recht – unantastbar. Doch deren jüngere Kollegen ahnden aus Angst vor Sanktionen jeden noch so kleinen Rempler, jedes allzu ekstatische Jubeln mit einer Gelben Karte. Vielleicht wirkt ja auch hier die Weltmeisterschaft nach. Wer sich die beiden Halbfinalduelle, das Spiel um Platz drei und das Finale angeschaut hat, sah Spiele, die den Schiedsrichtern zu keiner Sekunde entglitten, obwohl diese dem Fußball seinen Lauf ließen. Alle vier zählten zu den attraktivsten und höchstklassigen Begegnungen der WM. Vor der nächsten Regeldiskussion sollte man sie beim DFB noch einmal in den Videorecorder legen.



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