Zum Inhalt springen

Schiedsrichter-Skandal DFB verschärft Vorwürfe gegen Amerell

Im Fall Amerell hat der Anwalt des Beschuldigten dem Deutschen Fußball-Bund Behinderung vorgeworfen. Der DFB kontert: Amerell habe sich nicht nur einmal der sexuellen Belästigung schuldig gemacht. Der Verband will das Schiedsrichterwesen jetzt neu strukturieren.
DFB-Boss Zwanziger: Amerells Rücktritt "absolut notwendig"

DFB-Boss Zwanziger: Amerells Rücktritt "absolut notwendig"

Foto: Alexander Heimann/ Bongarts/Getty Images

Hamburg - Mit schweren Vorwürfen gegen den Deutschen Fußball-Bund hat Manfred Amerells Anwalt auf die jüngsten Aussagen von DFB-Präsident Theo Zwanziger reagiert. "Zur Stunde ist weder meinem Mandanten noch mir der konkrete Inhalt der Beschuldigungen bekannt", sagte Anwalt Jürgen Langer am Dienstag und forderte den DFB nachdrücklich auf, Einsicht in die Ermittlungsakten zu gewähren. Dem ehemaligen Bundesliga-Referee Amerell wird vorgeworfen, mindestens einen Schiedsrichter sexuell belästigt zu haben. Der 62-Jährige war von allen DFB-Ämtern zurückgetreten, er bestreitet die Vorwürfe.

Der DFB sieht dagegen Amerell als überführt an. "Unabhängig voneinander haben mehrere Personen zu Protokoll gegeben, von Herrn Amerell in der Vergangenheit bedrängt und/oder belästigt worden zu sein", heißt es in einer Presseerklärung des Verbandes. Es handele sich bei den Vorwürfen demnach nicht mehr um einen Einzelfall.

In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung hatte Zwanziger den Rücktritt Amerells zuvor als "absolut notwendig" bezeichnet. "Amerell wird stark und intensiv belastet", sagte der DFB-Boss. Auf die Frage, ob der Verband die Staatsanwaltschaft einschalten werde, sagte Zwanziger: "Das ist nicht ausgeschlossen. Wir müssen die Prüfung unserer Juristen abwarten." Die internen Untersuchungen von DFB-Justiziar Jörg Englisch waren am Montag abgeschlossen worden. Neben dem betroffenen Schiedsrichter, der die vermeintliche Belästigung dem DFB gemeldet hatte, waren weitere Zeugen im Schnellverfahren angehört worden, darunter auch Schiedsrichter.

Der Verband will aus dem Fall Konsequenzen ziehen. So werde man die gesamten Strukturen im Schiedsrichterwesen "einer kritischen Prüfung unterziehen". Dazu hat der DFB eine Kommission gebildet, der unter anderem Fifa-Schiedsrichter Herbert Fandel und die ehemaligen Bundesligaschiedsrichter Hellmut Krug und Lutz Michael Fröhlich angehören. So solle vor allem das Beobachtungssystem geändert werden, "um Abhängigkeitsverhältnissen vorzubeugen".

"Zeit der Männergesellschaft ist vorbei"

Amerell-Anwalt Langer warf dem DFB die Missachtung juristischer Grundsätze vor. In der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main sei ihm am vergangenen Mittwoch "jegliche Auskunft verwehrt" worden. Tags darauf sei ein Anruf "ohne Erwiderung" geblieben. Am Montag hätten ihm DFB-Direktor Stefan Hans und Englisch mitgeteilt, dass "der interne Vorgang beim DFB abgeschlossen sei und eine Gewährung von Akteneinsicht nicht erfolgen werde", schrieb Langer in einer Stellungnahme der Kanzlei.

Jetzt habe er das DFB-Sportgericht angerufen, "um die Rechtmäßigkeit der Ablehnung der Akteneinsicht überprüfen zu lassen". Der DFB-Kontrollausschuss sei gebeten worden, "Ermittlungen einzuleiten, ob das Recht auf Akteneinsicht in die beim DFB geführten Verwaltungsakten zu Recht verweigert wurde", hieß es weiter.

Als Konsequenz aus der Affäre sprach sich neben Liga-Chef Reinhard Rauball auch DFB-Präsident Zwanziger für eine Reform des Schiedsrichterwesens in Deutschland aus. "Die Zeit der klassischen Männergesellschaft, die alles unter sich regeln will, sollte vorbei sein", sagte er in dem "Bild"-Interview. In Zukunft sollten die aktiven Unparteiischen "mehr Mitspracherecht" bekommen, sagte Zwanziger.

aha/dpa