Nach Handspiel-Chaos DFB-Schiedsrichterboss macht Druck auf die Referees

"Wir sind irritiert und enttäuscht": DFB-Schiedsrichterchef Lutz-Michael Fröhlich hat die Handspiel-Entscheidungen seiner Kollegen vom Wochenende deutlich kritisiert. Es seien ärgerliche Fehler passiert.

Wirklich Hand? Jérome Boateng diskutiert mit Schiedsrichter Christian Dingert
Angelika Warmuth DPA

Wirklich Hand? Jérome Boateng diskutiert mit Schiedsrichter Christian Dingert


Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich rückt von seiner Verteidigungslinie ab und erhöht in der Debatte über die Handspielauslegung den Druck. "Wir sind irritiert und auch etwas enttäuscht über die unterschiedlichen Entscheidungen in vergleichbaren Situationen", sagte Fröhlich in der "Welt". In den Schiedsrichterseminaren sei das Handspiel "ohne Graubereiche" intensiv besprochen worden: "Es wurde ganz klar gesagt, was strafbar ist und was nicht."

Als Konsequenz will Fröhlich sich seine Referees zur Brust nehmen: "Wir müssen zielgerichteter an die Schiedsrichter ran, die das Handspiel falsch auslegen und somit negative Referenzfälle liefern, sodass das ganze System in der Öffentlichkeit immer wieder infrage gestellt wird." Beispielsweise sei der Elfmeterpfiff nach einem vermeintlichen Handspiel von Jérome Boateng im Spiel gegen Hannover 96 falsch gewesen. "Das ist kein strafbares Handspiel", sagte Fröhlich.

Das Wochenende hatte reichlich Anlass zur Kritik gegeben. Karim Rekik hatte den Ball im Spiel von Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart (3:1) klar mit der Hand gespielt. Videoassistent Günter Perl griff zum Entsetzen der Gäste jedoch nicht ein, weil er die Szene übersehen hatte. Auch Fortuna Düsseldorf blieb ein klarer Handelfmeter gegen den SC Freiburg (1:1) verwehrt.

Am 29. April hatte Fröhlich sich noch sehr positiv geäußert. Im Interview mit dfb.de erklärte er, die Referees setzten die vorgegebene Linie "insgesamt sehr konsequent und berechenbar" um: "Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn von wirrer Regelauslegung gesprochen wird oder auch davon, dass keiner mehr weiß, was Handspiel ist."

aha/sid



insgesamt 43 Beiträge
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nilslofgren 06.05.2019
1. Früher....
hat es offenbar gar keine Regel für Handpiel gegeben. Ich hab jedenfalls in den 40 Jahren zuvor nie über eine "Auslegung" gelesen.
radbodserbe 06.05.2019
2. Fußball wird immer mehr zum Riverdance,
wobei ich Riverdance mag, nur halt nicht beim Fußballspielen. Momentan sind eigentlich alle Protagonisten inklusive Fans völlig genervt, von der Lotterie der Entscheidungen und den vielen Handelfmetern. Bald wird kein Stürmer mehr aufs Tor schießen, sondern lieber dem Gegenspieler gegen den Arm. Das Problem ist wohl, das es keine für alle klare Regelauslegung gibt, auch wenn dies gerne behauptet wird, denn die Schiris können ja nicht alle völlig ihre Kenntnisse und das Gespür verloren haben. Im Nachhinein seine Mitarbeiter in die Pfanne zu hauen, wirkt dann eher als unprofessionelles Weiterschieben des schwarzen Peters für ein sicherlich nicht unbedingt einfaches Problem. Wie definiere ich "Absicht", "Oberflächenvergrößerung" und "unnatürliche Bewegung" ? Manches ist jedoch wohl sicher, es gibt viel zu viele Handelfmeter und es muss dringend Klarheit bei den Regeln geschaffen werden und zwar von "oben" und nicht die Schiris auf dem Platz im Regen stehen gelassen werden.
K:F 06.05.2019
3. Schiris zur Brust nehmen?
Schiris an den Pranger stellen! So sieht kompetente Führung aus. Dabei sollten die Regeln klar und deutlich sein. Und das scheinen sie bei Hand aber nicht. Selbst erfahrene Ex Fußballer sind sich nie sicher.
skeptikerjörg 06.05.2019
4. Regel 12
Ein wesentlicher Schritt zur Vereinfachung und zur Einheitlichkeit wäre, wenn man sich wieder auf die Handspielregel an sich konzentrieren und nicht immer neue Interpretationen erfinden würde. [https://www.dfb.de/fileadmin/_dfbdam/179710-AU1801301_Fussballregeln_2018_LowRes.pdf] Handspiel Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt. Folgendes ist zu berücksichtigen: • die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand), • die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball), • die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen) Heißt ausdrücklich, das Handspiel muss aktiv (Hand zum Ball) erfolgen. Ist durch Schiedsrichter, vor allem aber durch VA relativ einfach und eindeutig zu klären. Und kann gar nicht der Fall sein, wenn sich ein Spieler vom Ball wegdreht. Und wenn die Entfernung zu berücksichtigen ist, dann kann Ball zur Hand aus einem Meter Entfernung oder weniger kein strafbares Handspiel sein, da unterhalb der Reaktionszeit eines Menschen. Von "Vergrößerung der Körperfläche" oder ähnlich steht übrigens in der Regel nichts. Würde man sich an die Regel halten, wären 90% der Diskussionen überflüssig. Die restlichen 10% sind hinnehmbar, Fehler in der Wahrnehmung gab es vor Einführung des Videoassists und wird es auch weiterhin geben, da Menschen agieren und Fehler machen. Diese Restfehlerquote ist aber bedeutend weniger schädlich für den Gesamteindruck, als das Auslegungschaos, das derzeit dabei ist, den Fußball zu zerstören.
pr8kerl 06.05.2019
5. Lauter Pfeifen...
Wenn die Hand zum Ball geht (wie bei Rekik), wenn mit der Hand oder dem Arm die Körperfläche vergrößert wird (wie nicht bei Boateng, der hat sich weggedreht und der Arm lag an), wenn damit eine Torchance im Strafraum vereitelt wird, dann hat der Schiedsrichter Elfmeter zu pfeifen. Sonst nicht. Automatisches, reflexartiges "Hand-Geschrei" muss ein Ende haben. Liebe Leute von Spiegel Online, schaut im Regelwerk nach, zitiert, was da steht, zeigt uns Beispiele. Danke.
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