Schiedsrichterskandal Juventus Turin droht Zwangsabstieg

Auflösungserscheinungen bei Juventus Turin: Der Vorstand des Rekordmeisters ist im Zuge des Schiedsrichterskandals geschlossen zurückgetreten, der Liga-Präsident begrüßte diesen Schritt. Sollte Juventus eine Verwicklung in die Affäre nachgewiesen werden, droht sogar der Zwangsabstieg.


Turin - Kurz vor dem erneuten Titelgewinn gerät der Traditionsverein weiter unter Druck. Die Staatsanwaltschaft Neapel hat die Turiner sowie acht weitere Erst- und Zweitligisten ins Visier genommen. Dabei soll es sich laut "Gazetto dello Sport" um die Erstligisten AC Florenz, Lazio Rom, Udinese Calcio, FC Messina und AC Siena sowie die Zweitligisten AC Arezzo, FC Crotone und US Avellino handeln.

Juve-Star Nedved (M.): "Begrüße diesen Schritt"
AFP

Juve-Star Nedved (M.): "Begrüße diesen Schritt"

Drei Clubs - darunter angeblich auch Juve - droht eine Anklage wegen Sportbetrugs und damit auch der Zwangsabstieg, berichtetet die Sportzeitung. Der Skandal flog durch von der Staatsanwaltschaft abgehörte Telefonate auf. Insgesamt ermittelten die Behörden gegen 52 Personen. Die Vorwürfe sind in einem 1400-seitigen Dossier der Staatsanwaltschaft enthalten.

Sollte Juve-Manager Luciano Moggi tatsächlich mit Hilfe von korrupten Schiedsrichtern und Verbandsfunktionären in der Saison 2004/2005 Serie-A-Spiele manipuliert haben, droht auch Italiens berühmtestem Fußball-Club laut der "Gazzetta dello Sport" der Zwangsabstieg. Pikant: Gestern ist der komplette Vorstand des italienischen Fußball-Rekordmeisters zurückgetreten. Geschäftsführer Antonio Giraudo, Vizepräsident Roberto Bettega, Manager Moggi und weitere acht Mitglieder des Aufsichtsrats hätten ihren Rücktritt eingereicht, hieß es in einer Pressemitteilung.

Am vergangenen Montag war bereits Liga-Präsident Franco Carroro von seinem Amt zurückgetreten. "Ich begrüße diesen Schritt", sagte Liga-Vizepräsident Maurizio Zamparini, der auch weitere Konsequenzen in den Reihen der eigenen Organisation anregt und damit eine Rücktrittswelle einleiten könnte: "Die komplette Ligaspitze sollte zurücktreten, um ein Signal der Erneuerung zu geben."

Die Vorfreude auf das Saisonfinale am Sonntag ist damit erheblich getrübt. Dabei würde Juve (88) bei Reggina Calcio schon ein Punkt reichen, um Verfolger AC Mailand (85/daheim gegen AS Rom) endgültig auf Rang zwei zu verweisen. Verliert Juve, wäre Milan mit einem Heimsieg aufgrund des direkten Vergleichs Meister. Seit Wochen befindet sich Juventus (28 Titel in der Serie A) Mal im Presseboykott. Kein Wort dringt heraus, das Chaos aber ist auch mit bloßem Auge erkennbar: Kapitän Alessandro Del Piero verließ nach einem Streit mit Trainer Fabio Capello das Training. Der Coach soll ein Angebot von Inter Mailand haben.

Das Team zerfällt, die Führungsriege steht unter Beschuss und kurz vor der Abberufung durch die entsetzte Besitzerfamilie der Agnellis. Nun wurde auch noch bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Turin schon seit Monaten gegen Juve-Geschäftsführer Antonio Giraudo wegen Bilanzfälschung ermittelt. Täglich neue Enthüllungen stürzen Juventus immer tiefer in die Krise und reißen den halben italienischen Fußball mit sich: Nach dem Präsidenten des Fußballverbands FIGC, Franco Carraro, ist nun auch dessen Stellvertreter Innocenzo Mazzini zurückgetreten. Knapp einen Monat vor dem Start der Weltmeisterschaft in Deutschland ist Italiens Fußballverband führungslos.

mig/sid/dpa



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