Schlechte Einkäufe Bundesliga-Blues der Bayern

Wenn doch immer Champions League wäre. International läuft es für die Bayern, in der Bundesliga kommt der Meister oft aus dem Tritt. Eine Folge der WM ist dies nicht, wie die Bayern-Bosse immer betonen, sondern eher das Ergebnis einer fragwürdigen Transferpolitik.

Von Malte Oberschelp


Es war eine glorreiche Zeit. Um die Jahrtausendwende, in den ersten Jahren der Ära Ottmar Hitzfeld, musste der FC Bayern selbst seinen ärgsten Kritikern einen gewissen Respekt abnötigen. Die Mannschaft war klug verstärkt worden, und sie spielte einen jederzeit taktisch hoch stehenden, an manchen Tagen sogar hinreißenden Kombinationsfußball. Kurzum, der FC Bayern machte damals das beste aus seinen Möglichkeiten (2001 Gewinner von Champions League und Weltpokal).

Heute kann das nur ein eingefleischter Fan aus der Südkurve der Münchner Allianz-Arena mit anständigem Alkoholspiegel behaupten. Glanzlos haben die Bayern oft gespielt in ihrer Geschichte, aber dann wenigstens gewonnen. Aber diese Saison geben sie Punkte ab, als bekäme man sie am Saisonende gegen Vorlage der Abschlusstabelle wieder erstattet. Am Samstag gastiert der FC Energie Cottbus, und so wie die Heimspiele gegen Nürnberg (0:0), Hannover (0:1) und Mönchengladbach (1:1) gelaufen sind, wird die Eins in der Elferwette nicht unbedingt eine sichere Bank sein.

Bisher hat sich der Club, der am Dienstag immerhin als Gruppensieger das Achtelfinale der Champions Leagueerreichte, regelmäßig mit den Auswirkungen der WM herausgeredet. So häufig wie man diese Erklärung in der Liga hört, wird sie sicherlich auch noch in ein, zwei Jahren probates Mittel sein, um schlechte Leistungen zu begründen. Die Meisterschaft 2008 vergeigt? Tja, die WM war schuld. Seltsam auch, dass Nationalspieler anderer Vereine wie Schneider, Klose oder Frings schon längst wieder in Topform sind. Aber die Bayern waren ja schon immer etwas Besonderes.

Darüber hinaus könnte ein wohlmeinender Beobachter natürlich einwenden, die Münchener Mannschaft habe sich noch nicht gefunden. Doch das genau ist das Problem: Der FC Bayern hat noch gar keine Mannschaft - eine Folge der zuletzt wenig intelligenten Transferpolitik. Erst hat die Clubführung Michael Ballack mit ständigen Nörgeleien vergrault, dann wurde kein Ersatz geholt, weil Santa Cruz oder Schweinsteiger die Position ja genauso gut spielen können. Hieß es aus München.

Bayern-Profi Lucio (r.): Ungekannte Probleme
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Bayern-Profi Lucio (r.): Ungekannte Probleme

Die beiden Nachwuchsspieler durften sich ein paar Mal probieren, erfolglos, dann ließ Trainer Felix Magath mit drei Spitzen spielen, obwohl er keine Flügelstürmer im Kader hat. Irgendwann wurde in Gestalt von Mark van Bommel doch noch ein prominenter Neuer geholt. Heute sitzt Magath mit einem Haufen Spitzenspieler da und sucht nach der Struktur fürs Team.

In Bremen hat man es anders herum gemacht: Erst ein System definiert und dann gezielt Spieler für Positionen gekauft, die nicht optimal besetzt waren, etwa Diego oder Mertesacker. Die Bayern haben sich derweil wieder auf die simple Idee zurückgezogen, die besten Spieler der deutschen Konkurrenz abzuwerben und ab und zu jemanden aus Südamerika zu holen, dem teuersten Markt der Welt. Doch jedes Jahr den Top-Abwehrspieler der Bundesliga zu kaufen - erst Lúcio (2004), dann Ismaël (2005) und nun van Buyten (2006) - kann jeder, wenn er denn das Geld hat. Dafür braucht man auch kein ausgeklügeltes Scouting-System.

Kürzlich hat der FCB-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge einen 30-Millionen-Transfer zur nächsten Saison angekündigt, als wären damit alle Probleme gelöst. Wenn der neue Mann so präzise beobachtet wird wie Julio dos Santos, dann viel Spaß. Der Paraguayer, der seit dem 1. Januar 2006 bei den Bayern ist und zwei Millionen Euro Ablöse kostete, soll nach nur einer Handvoll Bundesliga-Einsätzen ausgeliehen werden.

Was den Bayern fehlt, sind überraschende Transfers, die Sinn machen. Verstärkungen, keine Namen. Einer wie Willy Sagnol zum Beispiel, der Franzose wurde 2000 geholt. Stattdessen kam dieses Jahr Lukas Podolski, denn natürlich musste das neue deutsche Sturmtalent einfach nach München. Auch wenn der Trainer vielleicht lieber einen anderen gehabt hätte. Doch ein Kießling war klüger und wechselte von Nürnberg nach Leverkusen. Der nächste Shooting-Star, Aachens Schlaudraff, wird genau registrieren, welche Einsatzzeiten Podolski bei den Bayern bekommen hat. Bisher war es ein Bundesligaspiel über 90 Minuten, zu Buche steht ein Tor, was nicht nur an der Verletzung des früheren Kölners liegt.

Der Herausforderung aus Bremen, der ernsthaftesten seit dem Dortmunder Größenwahn, haben die Bayern strategisch bisher wenig entgegen zu setzen. Das ist umso bedenklicher, weil der Fehdehandschuh aus dem Norden mit dem einher kommt, was Franz Beckenbauer in München Jahr um Jahr wieder einfordert: Spektakel. Doch die Führung der Bayern scheint selber nicht genau zu wissen, was sie will. Den Trainer behalten oder nicht? Das Gehaltsvolumen sprengen oder nicht? Sich abfinden mit den italienischen und spanischen Fernsehgeld oder nicht?

Die Misere hat auch ihr Gutes. Der FC Bayern ist dabei, eine Zeitlang zumindest, wieder ein halbwegs normaler Verein zu werden. Der Spiele gegen abstiegsbedrohte Gegner verliert, der Fehler macht, der Geld verschwendet wie ein Provinzclub, dem der überehrgeizige Autohausbesitzer die Schecks ausstellt. Es ist wieder einfacher geworden, der klassischen Bayern-Schadenfreude freien Lauf zu lassen, weil der Verein die bewundernswerte Professionalität früherer Jahre verloren hat. Doch zugleich gewinnt der FC Bayern München damit etwas Menschliches. Fast könnte man ein wenig Mitleid mit ihm haben.



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