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14. Juni 2008, 14:38 Uhr

Schneiders EM-Analyse

Abhaken und nach vorne schauen!

Bloß keine Panik: Vor dem Entscheidungsspiel gegen Österreich darf nicht die gesamte Arbeit der DFB-Elf in Frage gestellt werden, fordert SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Bernd Schneider. Denn die schlechteste Partie hat die Mannschaft bereits hinter sich - jetzt müssen die Anführer ihrer Rolle gerecht werden.

Es scheint, als ob ich nicht wirklich zum Glücksbringer geboren bin. Da komme ich extra nach Klagenfurt, um ganz nahe bei den Jungs zu sein und dann passiert so etwas. Sorry! Sogar für mich, als Teil dieser Mannschaft, ist dieser Leistungsabsturz schwer zu erklären. Es bringt jetzt nichts, das Spiel gegen die Kroaten schönzureden, es hat einfach nicht viel im deutschen Team gepasst. Die Kroaten haben uns vorgeführt. Ich weiß, dieser Satz wurde schon tausend Mal gesagt, aber da ist was Wahres dran: Solche Tage gehören einfach zum Fußball dazu. Das macht's zumindest ganz schön spannend, oder?

DFB-Kicker Ballack (l.), Frings: Die jungen Spieler aufmuntern
Getty Images

DFB-Kicker Ballack (l.), Frings: Die jungen Spieler aufmuntern

Wir waren in der Partie zu häufig einen Schritt zu spät am Ball und hatten viele, unnötige Ballverluste, weil wir teilweise zu schnell und hektisch abgespielt haben. Dadurch sind zu viele unnötige Fehler passiert. Wenn man das zu Beginn des Spiels nicht in den Griff bekommt, kann sich daraus sehr schnell eine Eigendynamik entwickeln, aus der man sich nur schwer wieder befreien kann. Das haben wir nicht geschafft.

Ich möchte jetzt keine einzelnen Spieler herauspicken und dafür verantwortlich machen. Entscheidend ist doch, dass die Mannschaft sich durch Teamwork aus so einer Dynamik wieder herausspielt. Das zeichnet eine gute Mannschaft aus. Und dazu sind wir auch in der Lage. Wir dürfen uns den Glauben an uns nicht nehmen lassen. Ich muss zugeben, dass ich die Kroaten ein bisschen unterschätzt habe, sie haben super intelligent kombiniert, ein wirklich gutes Spiel gemacht. Hellwach und topfit. Und sie haben taktisch hervorragend gespielt.

Es ist jetzt ganz wichtig, dass nicht alles, was während der letzten beiden Jahre mühsam aufgebaut wurde, hinterfragt wird. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte und das hat die Mannschaft samt Trainerstab nicht verdient. Vor allem bringt es uns in dieser Situation keinen Schritt weiter.

Dieses Gerede von mangelndem Willen einzelner Spieler ist Unsinn. Wir sind bei der Europameisterschaft. Da will jeder Spieler einfach nur gewinnen. An mangelndem Siegeswillen lag die Niederlage auf keinen Fall. Und auch nicht daran, dass ich nicht dabei war. Ich weiß doch, wie das läuft. Nach dem ersten Spiel haben alle berichtet, dass es auch ohne den Schneider geht; jetzt bekommen wir zum ersten Mal Gegenwind, und manche Kritiker glauben, dass es mit mir besser funktioniert hätte. Das sind überflüssige Hirngespinste. Ich bin nun mal leider außen vor und daran kann ich auch nichts mehr ändern.

Ich habe gehört, dass Joachim Löw den gestrigen Tag genutzt hat, um das verlorene Match zu analysieren und die Fehler mit der Mannschaft zu besprechen. Das gehört dazu. Auch wenn man am liebsten nicht noch einmal mitansehen möchte, was alles in die Hose gegangen ist.

Aber dann reicht es auch mit dem Auseinandersetzen. Ich bin kein Fan von elend langatmigen Einzelgesprächen. Klar, das Trainerteam wird die eine oder andere Unterhaltung mit den Spielern suchen, aber man sollte es nicht übertreiben. Ich meine, man sollte sich nicht in eine Negativstimmung hineinsteigern. Auseinandersetzen schön und gut, aber noch besser ist abhaken und nach vorne schauen. Es ist nun mal passiert. Ab heute muss sich die Konzentration der Spieler zu hundert Prozent dem nächsten Spiel widmen. Die Aufgabe wird schwer genug gegen Gastgeber Österreich.

Jetzt sind die Anführer der Mannschaft gefordert, den jüngeren Kollegen dabei zu helfen, ihr Selbstvertrauen wiederzugewinnen. Am besten funktioniert das während der Trainingseinheiten. Da müssen sich die erfahrenen Spieler wie Michael Ballack, Torsten Frings oder Christoph Metzelder mal die jungen Mitspieler bei einer gelungenen Aktion zur Seite nehmen und sie loben. Das klingt vielleicht zu einfach, aber es hilft und motiviert. Die Zeit ist sehr knapp, da gewinnt man durch jeden aufmunternden Spruch.

Übrigens glaube ich nicht, dass die lange An- und Abreise aus Ascona zu den Partien die Spieler zu sehr belastet. Erstens spielen sie alle in der Bundesliga und sind den internationalen Rhythmus gewöhnt, zweitens dauert das ja keine fünf, sechs Stunden. Das Reisen ist für uns Fußballer Routine, wir wissen genau, wie wir dabei bewusst abschalten und die Zeit zur Konzentration nutzen können.

Ich bin überzeugt, dass wir in diesem Turnier bereits unsere schlechteste Partie gespielt haben. Das Spiel gegen Österreich wird nicht einfach - aber ich weiß, dass Joachim Löw die richtigen Worte finden wird, um die Mannschaft fachlich aufzubauen. Wir haben schon oft bewiesen, dass wir uns zurückkämpfen können. Ich glaube an diese Mannschaft. Die Jungs brauchen unsere Unterstützung.

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