Schneiders EM-Analyse Jetzt schlagen wir auch die Türkei

SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Bernd Schneider ist entzückt, das deutsche Team hat ihn verzaubert. Im Halbfinale gegen die Türkei wird es keine Probleme geben, der Endspielgegner ist dann ein alter Bekannter. Schneider selbst hat auch ein großes Ziel: die WM 2010.


Was soll ich sagen? Ich habe zwar die ganze Zeit schon angedeutet, dass ich an diese deutsche Mannschaft glaube und die Jungs im Verlauf des Turniers zu ihrer Bestform auflaufen werden, aber dass sie gleich so perfekt spielen, hätte selbst ich mich nicht getraut, vor diesem tollen Spiel gegen Portugal zu behaupten. Respekt! Für mich steht das Finale jetzt schon fest: Deutschland gegen Italien. Auch, wenn es noch ein langer Weg wird.

DFB-Asse Klose (l.) und Friedrich: Freudentanz de luxe
DDP

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Das Viertelfinalspiel gegen Portugal habe ich zu Hause im Fernsehen angeschaut, da ich zurzeit öfter zur ärztlichen Kontrolle muss, damit ich pünktlich zum Saisonauftakt wieder fit und einsatzfähig bin. Schon beim Einlaufen ins Stadion konnte ich in den Gesichtern und an den Gesten der Spieler erkennen, wie konzentriert sie waren. Da wusste ich, dass das Spiel nur erfolgreich für uns ausgehen kann.

Bevor ich mir aber die Leistung einzelner Spieler herauspicke, weise ich auf die größte Stärke meiner Mannschaft hin: ganz eindeutig die Teamleistung. Das ist mir deshalb so wichtig, weil genau diese in den Spielen zuvor noch gefehlt hat. Haben Sie gesehen, wie sich einer für den andern aufgeopfert hat? Da gab es nicht nur einen Spieler, der kilometerlang gerannt ist, wie es in den Spielen zuvor Michael Ballack getan hat. Gegen Portugal hat die gesamte Mannschaft einen Marathon hingelegt.

Darüber hinaus haben die Jungs nicht nur technisch sauber gespielt, sondern auch sehr clever. Natürlich war Portugal trotz der außergewöhnlichen Klasse ihrer einzelnen Spieler ein angenehmerer Gegner als Kroatien oder Österreich, weil sie nicht mit zehn Mann hinten drin standen. Aber auch gegen solche Gegner, die Raum zum Kontern lassen, weil sie offensiv nach vorne spielen, muss man erst mal in sein eigenes Spiel finden. Das haben wir - und wie!

Innerhalb der ersten 25 Minuten waren die Portugiesen so von unseren Kombinationen überrascht und anscheinend auch geschockt, dass sie sich bis zum Schlusspfiff nicht mehr erholten. Wir haben Portugal unser Spiel aufgezwungen, genau so, wie Joachim Löw es seit Jahren fordert.

Dass Simon Rolfes der Herausforderung gewachsen ist, das erste Mal in diesem Turnier gegen die am Boden kaum zu überwindenden Portugiesen aufzulaufen, daran habe ich nicht gezweifelt. Ich kenne ihn ja aus Leverkusen. Er ist in solchen Momenten ganz cool und souverän.

Wir sagen immer wieder zu den jungen Spielern, dass sie genauso wichtig sind wie alle anderen erfahrenen Kollegen. Egal wann und wie lange sie in einem Turnier zum Einsatz kommen, sie müssen genau zu diesem Zeitpunkt perfekt funktionieren. Das haben sie. Ohne die intelligenten Pässe von Rolfes und Thomas Hitzlsperger hätte auch Bastian Schweinsteiger nicht so auftrumpfen können. Er hat sich mittlerweile schon so gegen Portugal eingespielt, dass wir beantragen sollten, noch mal gegen sie antreten zu dürfen. Natürlich ist Bastian Schweinsteiger der Held des Spiels. Das hat er auch verdient, aber ich will noch mal die gute Abwehrleistung erwähnen. Erinnern Sie sich, wie bis zur EM und während der ganzen Vorrunde über die fehlende Spielpraxis und die fehlende Fitness Christoph Metzelders diskutiert wurde? Oder die Kritik an der Nominierung Jens Lehmanns? Beide sind da, jetzt, wo es um was geht. Sowohl im Spiel gegen Österreich, als auch gegen Portugal. Das ist es doch, was einen guten Spieler auszeichnet.

Einen guten Trainer zeichnet übrigens aus, dass er auch mal von seiner eigentlichen Philosophie abrückt und offen ist gegenüber Änderungsvorschlägen. Genau das ist Joachim Löw, er hört zu, wenn man ihm einen konstruktiven Vorschlag macht. Er hat die Systemänderung in Absprache mit dem Kapitän umgesetzt. Er war bereit, sein 4-4-2-System zu ändern, Michael Ballack nach vorne zu ziehen und ihm zur Absicherung zwei Sechser in den Rücken zu stellen. Eine klasse Entscheidung, die mindestens genauso viel Respekt verlangt, wie die Leistung der Spieler.

Der Bundestrainer hat schon nach dem Match angekündigt, dass das Trainerteam die nächsten Tage nutzen will, um Reizpunkte zu setzen.

Das heißt, dass Löw jetzt hauptsächlich mit hoher Intensität trainieren lassen wird. Das kann Sprungtraining sein, oder die Spieler trainieren mit Gewichten. Nicht ganz so lange wie bisher, dafür aber intensiver, so dass der Puls möglichst schnell ganz hoch geht. Oder die Trainer setzen Reize beim Sprintantritt der einzelnen Spieler, bei der Schnelligkeit also.

Eigentlich geht es darum, gezielt an den Schwächen jedes Einzelnen zu arbeiten und die Konzentration möglichst hoch zu halten bis zum Halbfinale am Mittwoch, das wir gegen die Türkei übrigens gewinnen werden.

Ich merke schon: Ich bin zum richtigen Fan meiner Jungs geworden. Dabei plane ich, wenn meine Gesundheit mitspielt, bei der WM 2010 noch mal selbst dabei zu sein.

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