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11. Juni 2008, 11:20 Uhr

Schneiders EM-Analyse

Wie Lukas & Co. Kroatien schlagen können

Die Kroaten sind stark, sehr stark - trotzdem muss die deutsche Elf vor dem Spiel am Donnerstag keine Angst haben. Mit mehr Konzentration und viel Tempo in der Offensive kann Löws Team siegen, glaubt SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Bernd Schneider.

Wenn es so weiterläuft, macht es richtig Spaß, das Auftreten der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft zu analysieren. Ich fasse mich heute mal kurz: Wir haben gut gespielt, sind souverän aufgetreten und haben jetzt das nötige Selbstbewusstsein, auch die nächsten Begegnungen zu gewinnen.

Stürmer Podolski: Gut überlegt
AFP

Stürmer Podolski: Gut überlegt

Muss ich mehr sagen?

Okay, 20 Minuten plätscherte unser Spiel in der zweiten Halbzeit ein bisschen fahrlässig dahin, aber das darf schon mal in der Aufregung des ersten Spiels in einem so großen Turnier passieren. In den nächsten Partien müssen wir uns noch ein wenig mehr konzentrieren, da gibt es keine Ausreden mehr.

Ich habe natürlich von Anfang an Clemens Fritz genauer beobachtet. Er hat mich ja sozusagen vertreten und ich muss ehrlich zugeben, dass ihm das gut gelungen ist. Er hat ein wahnsinnig großes Laufpensum hingelegt, auch ohne Ball, war immer bereit und hatte kreative Ideen.

Aber Lukas Podolski hat mir am besten gefallen. Nicht nur wegen der beiden Tore, die waren nur eine Art Gala. Für mich ist entscheidend, dass er auch in der Defensive gut mitgearbeitet hat, was für einen gelernten Stürmer ja nicht selbstverständlich ist. Er hat mich überzeugt, weil er überlegt, bevor er agiert und nicht einfach drauf los rennt. Lukas ist gewachsen in den letzten Jahren, er hat viel dazugelernt und ist von Natur aus außergewöhnlich talentiert. Schade, dass er bei den Bayern nicht mehr zum Einsatz kommt.

Ich kann mir vorstellen, dass sich viele gefragt haben, warum Miroslav Klose bei der ersten großen Chance für Deutschland nicht einfach selber aufs Tor geschossen hat. Ich glaube, es war die richtige Lösung in dieser Situation, den Ball an Mario Gomez abzugeben. Viele sagen, dass Miro mal ein bisschen egoistischer handeln soll. Aber Sie glauben gar nicht, wie wertvoll es sein kann, jemanden wie ihn in der Mannschaft zu haben. Sie können davon ausgehen, dass er genau weiß, in welcher Situation er welche Entscheidung fällen muss. Die Torvorlage zum 1:0 war die Bestätigung.

Wie schon angedeutet, ist das gegen Polen gewonnene Selbstbewusstsein der wichtigste Ertrag aus dem Auftaktspiel. Wenn wir jetzt gegen Kroatien punkten (Do. 18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), ist der Einzug ins Viertelfinale so gut wie gesichert. Das wird ein Schlüsselspiel. Die Kroaten sind verdammt stark. Ihr Können ist vergleichbar mit den Polen. Wir müssen besonders auf die Stürmer Ivica Olic und Mladen Petric sowie die Brüder Niko und Robert Kovac aufpassen. Die kennen wir alle aus der Bundesliga. Trotzdem - Joachim Löw und Hansi Flick werden die Mannschaft bis ins kleinste Detail über ihre Stärken informieren. Aber trotz des gewohnten Respekts müssen wir keine Angst haben.

Wenn ich ehrlich bin, mache ich mir aber keine Sorgen, dass wir das Spiel verlieren. Solange wir unsere Philosophie konzentriert durchziehen, also mit viel Tempo offensiv agieren, können wir jeden Gegner schlagen.

Um den Kopf am Donnerstagabend wieder frei zu haben, war es wichtig, dass Joachim Löw den Spielern gestern den größten Teil des Tages frei gegeben hat. Es ist wichtig während eines langen Turniers, dass man Zeit hat, sich bewusst über Siege zu freuen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, keiner soll überdrehen oder gar abheben. Aber genießen ist trotzdem erlaubt. Das ist sehr wichtig fürs Selbstvertrauen.

Heute werden die Spieler auf die Kroaten vorbereitet und die Konzentration wird wieder langsam aufgebaut.

Ich kann mir genau vorstellen, wie die Stimmung jetzt im EM-Quartier ist. Eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude. Dabei habe ich mir das Spiel ganz gemütlich zu Hause angeschaut. Trotzdem zittere ich mit der Mannschaft, als ob ich dabei bin. Komisch. Aber so kann ich auch mal die Fan-Perspektive genießen. Ganz Deutschland besteht schon jetzt aus einem Fahnenmeer.

Während der WM habe ich das bei den kurzen Heimatbesuchen am Rande mitbekommen, jetzt bin ich einer von vielen begeisterten Zuschauern. Bis Donnerstag, dann besuche ich, wie in meiner vorherigen Kolumne erwähnt, die Mannschaft. Ich bin mir sicher, dass sich der Abstecher lohnt und ich dann zusammen mit den Jungs Spaß haben werde.

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