Schneiders Final-Prognose Warum Löws Spieler über sich hinauswachsen werden

Elf Philipp Lahms sollt Ihr am Sonntag sein! Das rät Bernd Schneider der deutschen Mannschaft. Wie immer das Finale gegen Spanien ausgehen wird - der deutsche Fußball habe schon jetzt gewonnen und noch viel Entwicklungspotential, analysiert der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist.

Wir haben es tatsächlich geschafft. Seien Sie ehrlich, haben Sie wirklich daran geglaubt, dass wir das Finale erreichen? Ich schon. Das ist ein solcher Traum für jeden Fußballer, dass es mir schon ein bisschen weh tut, gegen die Spanier nicht spielen zu können. Aber die Mannschaft hat mich ins Stadion eingeladen, sie haben gesagt, da ich ich einen großen Anteil am Erfolg hätte, wäre das selbstverständlich. Es hat gut getan, das zu hören. Ich fiebere dem Sonntagabend wirklich schon entgegen.

Jubelnde Nationalspieler Lahm (l.), Hitzlsperger: Keiner quält sich, um im entscheidenden Moment zu schwächeln

Jubelnde Nationalspieler Lahm (l.), Hitzlsperger: Keiner quält sich, um im entscheidenden Moment zu schwächeln

Foto: REUTERS

Dass wir gegen Spanien anders auftreten müssen, als wir das im Halbfinale gegen die Türkei getan haben, muss ich Ihnen ja nicht sagen. Wir haben wirklich nicht gut gespielt. Vor allem während der ersten Halbzeit. Miroslav Klose hatte vollkommen Recht, als er nach dem Spiel davon sprach, dass weder Pressing noch Forechecking stattgefunden haben. Insgesamt war das Pass-Spiel nicht befriedigend. Und die Innenverteidigung hat mächtig gewackelt.

Aber wissen Sie, es sind doch immer solche Spiele, mit denen man Trophäen gewinnt. Ich darf Sie nur daran erinnern, mit welchen Auftritten sich die Italiener teilweise zu Titeln gerumpelt haben. Hat man erstmal gewonnen, fragt niemand mehr danach.

Ich habe lange überlegt, womit es wohl zusammenhängt, dass wir gegen Portugal so wahnsinnig souverän auftraten und selbst Philipp Lahm gegen die Türken anfangs kein Rezept fand. Natürlich lag es auch am Auftreten der türkischen Nationalspieler, die meinen vollsten Respekt verdient haben, weil sie mich wirklich mit ihrem unbändigen Willen und ihrer spielerischen Klasse überrascht haben. Allen voran Hamit Altintop, der eine grandiose Performance während des gesamten Turniers hingelegt hat. Auch wenn ich glücklich bin, dass wir gewonnen haben, hätten die Türken es auch verdient gehabt.

Der deutsche Durchhänger hatte nichts mit Überheblichkeit gegenüber den Türken zu tun. Es lag auch nicht an grundlegenden, individuellen Schwächen einzelner Spieler. Aus meiner Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass es vielmehr ein mentales Problem war. Der letzte Funke an Konzentration hat eigentlich bei allen Spielern gefehlt. Wenn Sie als Fußballer nicht hundertprozentig konzentriert sind, werden Sie prompt bestraft, weil Sie bei jeder Aktion eine halbe Sekunde zu spät dran sind. Deshalb konnten wir weder Zweikämpfe annehmen, noch exakte Pässe nach vorne schießen. Die Türken waren leichtfüßiger und im Team spritziger. Wenn man immer einen Tick zu spät dran ist, ist es unmöglich, Druck aufzubauen.

Klar können Sie jetzt sagen, dass im Halbfinale einer Europameisterschaft höchste Konzentration für alle Pflicht ist. Aber glauben Sie mir, das ist einfacher gesagt als getan. Vielleicht war die Pause zwischen den Spielen wirklich zu lang für manche Spieler. So was klingt immer wie eine Ausrede, ich weiß, aber zumindest war die Unterbrechung so lang, dass sie die Konzentration bewusst runterfahren und wieder aufbauen mussten. Dabei ist der eine oder andere in so eine Art Lethargie verfallen und wirkte ein bisschen träge.

Ich bin mir ganz sicher, dass uns das am Sonntag nicht passieren wird. Natürlich wird es verdammt hart gegen die Spanier. Egal für welches System sich Joachim Löw entscheiden wird, wir müssen uns hauptsächlich auf uns konzentrieren. Nur wenn wir als Mannschaft funktionieren, hat der Gegner keine Chance. Das steht fest. Außerdem wächst beim Finale jeder Spieler über sich hinaus, weil alle genau wissen, dass sie eine solche Chance vielleicht nie wieder bekommen. Keiner will sich durch diese elend lange Vorbereitung gequält haben, mit Qualifikation, Trainingslager und Vorrunde, um im entscheidenden Moment zu schwächeln. Ich verspreche Ihnen, Sie werden einige Spieler nicht wiedererkennen.

Wissen Sie, welche Szene aus dem Halbfinale meine Aufregung vor dem Spiel am Sonntag lindert? Die, in der Philipp Lahm vor dem 2:2 von den Türken überraschend einfach verladen wurde, den Fehler aber sofort abhakte und binnen Sekunden den Kopf so frei hatte, dass er mit einer solchen Leidenschaft nach vorne spielte und wenige Sekunden später den Torhüter verlud. Am Sonntag müssen wir elf Phillipp Lahms sein. Der Junge hat den Willen, der uns gegen Spanien zum ganz großen Titel führen wird.

Aber egal wie das Spiel ausgeht, ich bin der Überzeugung, dass der deutsche Fußball durch dieses Turnier schon jetzt viel gewonnen hat. Auch wenn die eine oder andere Zitterpartei dabei war, die konsequente Linie von Joachim Löw hat sich ausgezahlt. Wir wissen jetzt, dass wir die richtige Grundidee befolgen. Natürlich muss das eine oder andere noch überdacht oder weiterentwickelt werden. Das ist doch ganz normal. Aber nichts wäre schlimmer gewesen, als aufgrund eines vielleicht unglücklichen und frühen Ausscheidens das gesamte Konzept in Frage zu stellen!

So, sehr geehrte SPIEGEL-ONLINE-Leser, leider ist meine Arbeit als EM-Kolumnist mit dieser Analyse schon zu Ende. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, Ihnen die Gefühle und Gedanken meiner Jungs ein bisschen näher zu bringen. Ich hoffe, Sie haben sich dadurch als Teil unserer Mannschaft gefühlt,

bis zum nächsten Mal

Ihr Bernd Schneider

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.