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03. März 2011, 21:30 Uhr

Schweinsteiger in der Krise

Führungsspieler außer Dienst

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Bastian Schweinsteiger verkörpert derzeit die Probleme des FC Bayern. Der Nationalspieler, der über Monate überragend spielte, wirkt plötzlich hektisch, leistet sich dumme Fehler und rüde Fouls. Der 26-Jährige kommt mit dem Abgang seines Nebenmannes Mark van Bommel nicht zurecht.

Den Samstag kann Bastian Schweinsteiger zum Nachdenken nutzen. Während seine Kollegen zu dem Match bei Hannover 96 (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) antreten, das die Münchner Medien zum "Schicksalsspiel" erkoren haben, ist der Nationalspieler wegen einer Gelbsperre zum Zuschauen verurteilt. Dem 26-Jährigen dürfte die Pause allerdings denkbar gut tun. Wenn es tatsächlich so etwas wie eine Bayern-Krise gibt, dann ist Schweinsteiger ihr Gesicht.

Der Mittelfeldspieler kann auf ein überragendes Jahr zurückblicken. Als einer der Besten der Welt ist er im Vorjahr nach der Weltmeisterschaft in Südafrika geadelt worden. Schweinsteiger hat aus seiner defensiven Sechser-Position heraus das Spiel vor sich her getrieben, seiner Stärke bewusst, fast berstend vor Selbstvertrauen. Er strahlte eine Dominanz aus, die schon unheimlich wirkte, als er vor dem WM-Viertelfinale gegen Argentinien den Gegner mit markigen Worten provozierte. Die Nationalmannschaft und der FC Bayern München hatten wieder einen echten Führungsspieler. Einer, der von vielen Außenstehenden als der wahre Mannschaftskapitän angesehen wurde, auch wenn Philipp Lahm sowohl beim DFB als auch im Verein die Binde trug. Bei den Bayern stellte er sich in eine Reihe mit Führungsfiguren wie Stefan Effenberg und Mark van Bommel.

Wobei das Stichwort für den Leistungsabfall Schweinsteigers schon genannt ist: Mark van Bommel. Seit der Niederländer in der Winterpause das Team verlassen hat, fühlt sich Schweinsteiger bemüßigt, auch dessen Rolle mitzuübernehmen. Ein Luiz Gustavo, erst zur Rückrunde zu den Bayern gestoßen, ist noch zu frisch und zu jung, um den van-Bommel-Part zu spielen. Ein Daniel Pranjic hat nicht das Format, Toni Kroos, dem das noch am ehesten zuzutrauen ist, war lange angeschlagen und strahlt auch nicht das Selbstbewusstsein aus, das dem Niederländer zu eigen war.

Ihm fehlt ein Nebenmann wie Sami Khedira

Anders als in der Nationalelf, wo Sami Khedira dem Münchner den Rücken freihält, fehlt Schweinsteiger im Verein derzeit der kongeniale Nebenmann. Das hat den Nationalspieler hektisch werden lassen. Im Ergebnis unterliefen ihm Abspielfehler in der eigenen Hälfte, die man so ungefähr seit seiner A-Jugendzeit nicht mehr bei ihm gesehen hatte. Als Borussia Dortmund beim Sieg in München in der Vorwoche seine überfallartigen Attacken startete, half Schweinsteiger mit simplen Ballverlusten und unerklärlichen Fehlpässen.

Gegen den VfL Wolfsburg zum Rückrundenauftakt hat er den späten Gegentreffer zum 1:1-Ausgleich verschuldet, bei der Pokalniederlage gegen den FC Schalkezählte er zu den Unsicherheitsfaktoren im Team. Ausgerechnet Schweinsteiger, auf den man sich in den vergangenen zwei, drei Jahren bei den Bayern immer verlassen konnte.

Der Münchner wirkt überfordert damit, das Spiel der Bayern nach vorne aufzufächern und gleichzeitig die Angriffe der gegnerischen Teams frühzeitig abzufangen. In den vergangenen Partien hat er mit teilweise rüden Fouls versucht, dagegen anzugehen. Aber damit wirkte er lediglich wie ein van-Bommel-Plagiat.

Umstellungen haben ihn verunsichert

Schweinsteiger sucht seine neue Rolle im Mittelfeld, und man kann nicht behaupten, dass ihm sein Trainer zuletzt dabei besonders geholfen hat. Dass Louis van Gaal seinen Schlüsselspieler wochenlang von dessen Lieblingsposition abzog und ihn offensiver agieren ließ, hat Schweinsteigers Sicherheit nicht unbedingt gefördert. "Er ist erfahren genug, um sich auf so etwas einzustellen", hat ihm Kapitän Lahm zwar attestiert. Aber das Hin und Her im Mittelfeld hat Lahms Stellvertreter sichtlich verunsichert. Er ist derzeit ein Führungsspieler, der nicht führen kann. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat ihn einen "Taktgeber mit Rhythmusstörungen" genannt.

Dabei wäre ein starker Schweinsteiger gerade derzeit so wichtig, wo sich die Gegner auf die Flügelzange Arjen Robben und Franck Ribéry begonnen haben, einzustellen. Die beiden Außenspieler werden mit zwei oder drei Defensivleuten zugestellt und somit aus der Partie genommen. Dortmund hat das so gemacht, Schalke auch. Allerdings binden der Niederländer und der Franzose damit Personal. In der Mitte täten sich Lücken für die Bayern-Offensive auf. Lücken, in die ein Bastian Schweinsteiger in Normalfall stoßen würde. Aber die Zentrale des Bayern-Mittelfeldes wirkt derzeit komplett verwaist.

Vor nicht einmal zehn Tagen, nach dem 1:0-Sieg der Bayern bei Inter Mailand in der Champions League, schwärmte die Fachwelt von den Münchnern. Zwei Spiele weiter ist man tief in der Krise angekommen. Leistungs- und Stimmungsschwankungen ist man beim Deutschen Meister gewohnt. Bei Schweinsteiger aber nicht. Selbst wenn der FC Bayern verloren hatte, war der Mittelfeldspieler noch immer einer der Besten gewesen. Die Situation, dass die Mitspieler ihren Mittelfeld-Leader durchschleppen müssen, ist für den Bayern-Profi etwas neues. Und man spürt, dass er noch keine Ahnung hat, wie er damit umgehen soll. Nach den schmerzlichen Heimpleiten gegen den BVB und Schalke tauchte er ab, war nicht zu sprechen, stellte sich nicht dem Interview.

Das musste für ihn Philipp Lahm erledigen.

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