Gruppe A - Die Schweiz Debatte um den Doppelpass

Ein Land, eine Nationalmannschaft - so leicht ist es in der Schweiz nicht. Um die Nati dreht sich eine Diskussion bezüglich Herkunft und Identifikation. Mittendrin: zwei ehemalige Bundesligastars.

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Es ist gerade einmal ein Jahr her, da gab der Schweizer Nationalspieler Stephan Lichtsteiner ein brisantes Interview, in dem es nicht um Steilpässe und Kopfbälle ging, sondern um Identifikationsfiguren und die Frage, wer eigentlich in der Nationalmannschaft spielen solle.

Lichtsteiner beklagte sich darüber, dass Trainer Vladimir Petkovic für das Länderspiel gegen Estland auf Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler verzichtet hatte und warnte: Die Nationalmannschaft müsse auf ihre "sogenannten Identifikationsfiguren" aufpassen, weil sie nicht mehr viele davon habe.

Lichtsteiner versuchte, sich so diplomatisch wie möglich auszudrücken. Seine Forderung sei kein "Votum gegen meine Mitspieler mit Migrationshintergrund", aber man müsse die "richtige Balance und Mischung" finden: "Mir geht es nicht um 'richtige Schweizer' und die 'anderen Schweizer', sondern darum, dass sich das Volk weiterhin mit dem Nationalteam identifizieren kann."

Xhaka und Shaqiri prägen heute die Nati

Die Aussagen des 32-Jährigen trafen auf Kritik und er entschuldigte sich später auch, sah sich in Teilen aber falsch interpretiert. Er habe lediglich einen Denkanstoß liefern wollen. Mit seinem Interview heizte Lichtsteiner eine Debatte an, die die Schweiz schon seit Jahren beschäftigt. Konkret geht es um die Rolle der Secondos, also der Bürger, die neben dem Schweizer Pass auch noch einen zweiten besitzen, wie etwa der in Basel geborene Ex-Gladbacher Granit Xhaka, dessen Familie aus dem Kosovo stammt.

Die Schweizer Bevölkerung setzt sich traditionell aus Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Geschichte der Fußballnationalmannschaft eine "Geschichte der Migrationsströme" ist, wie die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt. Waren es früher Spieler mit türkischem Hintergrund, wie die ebenfalls in Basel geborenen Yakin-Brüder Murat und Hakan, sind heute Xhaka oder Xherdan Shaqiri Anführer und Leistungsträger der Nati.

Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien wurde ermittelt, dass das Team der Schweiz das kosmopolitischste war. Die Nationalspieler hatten ihre Wurzeln in 21 Ländern. "Obwohl es kulturelle Unterschiede gibt und die Spieler unterschiedliche Herkünfte und verschiedene Alter haben, hält das Team zusammen", sagte der Präsident des Schweizer Fußballverbands, Peter Gilliéron, der "NZZ".

"Nicht immer einfach"

Auch Trainer Petkovic ist Doppelbürger, 2003 bekam der bosnische Kroate einen Schweizer Pass. Seine Verpflichtung wurde auch als gesellschaftliches Zeichen gesehen. "Ein Mann mit Einwanderer-Biografie für ein Team mit zahlreichen Fußballern mit Migrationshintergrund", schrieb die "NZZ". Petkovic ist von der Identifikationsdebatte genervt: "Man hat von einem Balkangraben geschrieben, der die Mannschaft trenne, dabei gibt es gar keinen. Das schadet der Atmosphäre und führt zu Polemiken."

Die Spieler beschwören vor der EM in Frankreich den Zusammenhalt: "Wir müssen als Einheit funktionieren. Wir haben keinen Messi. Wir können es nur zusammen schaffen", sagt HSV-Profi Johan Djourou. Und Torhüter Yann Sommer sagte jüngst der "Sport Bild": "Es ist natürlich nicht immer einfach, weil viele unterschiedliche Mentalitäten aufeinandertreffen. Es gibt in der Tat viele Gruppen, alleine aufgrund der verschiedenen Sprachen." Das sei jedoch "in vielen Klubs nicht anders und gar nicht schlimm. Innerhalb der Mannschaft gibt es überhaupt keine Probleme."

Jüngst gab es in der Debatte einen neuen Spin: Die Fifa nahm das Kosovo als Mitgliedsland auf. Brisant: Da es sich um eine Neugründung eines nationalen Fußballverbands handelt, sind die eigentlich verbotenen Verbandswechsel von Nationalspielern möglich.

Plötzlich wurde man im Schweizer Fußball unruhig: Würden die Schweizer Secondos nun wechseln? Verlöre die Nati ihre stärksten Spieler? Der Mittelfeldspieler Xhaka, dessen Bruder für Albanien spielt, betonte schnell: "Ich habe mich für die Schweiz entschieden und dabei bleibt es." Und Shaqiri scherzte in einem Videochat: "Am Samstag spiele ich für Kosovo, am Sonntag jeweils für die Schweiz."



insgesamt 2 Beiträge
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Bueckstueck 10.06.2016
1. Mentalitäten
Auch ohne Secondos gäbe es in einer rein "Bio-Schweizer"-Nati erhebliche Mentalitäts- und Sprachunterschiede. Die Schweiz ist nunmal ein drei- bzw. viersprachiges Land. Viele West-Schweizer sind von der Lebensart eher den Franzosen ähnlich, im Tessin geht es nicht nur der Sprache wegen italienisch zu und unter den Deutschschweizern neckt und beäugt man sich gegenseitig argwöhnisch von Kanton zu Kanton in vielen Dingen. Secondos oder Migrantenkinder sind nur eine weitere Facette in einem vielseitigen Land mit einer vielseitigen Nationalmannschaft. Schaut man sich die Entwicklung der Nati an, hat es gerade in den Jahren seit der EM 2008 Früchte getragen. Und abgesehen davon, ist es nur recht und billig wenn die Migranten - und derer gibt es ja viele - auch in der Mannschaft repräsentiert sind. Auch wenn das manchem Bünzli und Rechten nicht passt.
Danares 10.06.2016
2. Nachbarn unter sich
Zitat von BueckstueckAuch ohne Secondos gäbe es in einer rein "Bio-Schweizer"-Nati erhebliche Mentalitäts- und Sprachunterschiede. Die Schweiz ist nunmal ein drei- bzw. viersprachiges Land. Viele West-Schweizer sind von der Lebensart eher den Franzosen ähnlich, im Tessin geht es nicht nur der Sprache wegen italienisch zu und unter den Deutschschweizern neckt und beäugt man sich gegenseitig argwöhnisch von Kanton zu Kanton in vielen Dingen. Secondos oder Migrantenkinder sind nur eine weitere Facette in einem vielseitigen Land mit einer vielseitigen Nationalmannschaft. Schaut man sich die Entwicklung der Nati an, hat es gerade in den Jahren seit der EM 2008 Früchte getragen. Und abgesehen davon, ist es nur recht und billig wenn die Migranten - und derer gibt es ja viele - auch in der Mannschaft repräsentiert sind. Auch wenn das manchem Bünzli und Rechten nicht passt.
Tja, ganz wie bei den Nachbarn im "grossen Kanton", hm? Muss wohl an der Schriftsprache liegen...
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