Schweiz-Coach Kuhn Köbi Rational

Von der Ikone zum Auslaufmodell – der Abstieg des Schweizer Nationaltrainers Jakob "Köbi" Kuhn war ebenso schnell wie tief. Doch während man sich beim EM-Gastgeber noch in der fußballerischen Krise wähnt, plant der schlitzohrige Coach längst den ganz großen Coup.

Von Christoph Höhtker, Genf


Wieder die Türkei! Ein Raunen ging durch das Luzerner Kongresszentrum und wahrscheinlich auch durch das ganze Land, als der griechische Europameister Theodoros Zagorakis den Zettel aus Lostopf vier in die Höhe hielt. In der Vorrunde der Euro 2008 wird die Schweiz erneut auf jene Mannschaft treffen, gegen die einer der größten Erfolge der jüngeren Fußballhistorie gelang.

Damals, nach einer denkwürdigen Partie am Bosporus, nach Tritten auf dem Feld und Faustschlägen im Kabinengang, hatte die "Nati" einen Startplatz bei der WM in Deutschland, vor allem aber die Herzen der Eidgenossen erobert. Die Mannschaft von Trainer Jakob "Köbi" Kuhn löste eine Welle der Begeisterung aus, Kuhn selber erlangte als "Köbi National" beispiellose Popularität. Zeitungen erkoren den pressescheuen Übungsleiter zum gefühlten König Helvetiens, nach Heidi und Wilhelm Tell schien die traditionell zersplitterte Nation endlich eine neue Identifikationsfigur gefunden zu haben.

Ein halbes Jahr vor Beginn der Europameisterschaft ist die Stimmung jener rauschhaften Tage verflogen. Beim Gastgeber herrscht Tristesse statt Euphorie. Die "Nati" versagt gegen zweitklassige Testgegner, die Presse krittelt, die Fans maulen. Kurzum, der eidgenössische Fußball ist wieder dort, wo er sich auskennt: im Jammertal. Vergessen sind die Oden an König Köbi, vergessen die Glücksgefühle, die der kluge Stratege der Schweiz bescherte.

Die Umfragewerte des Nationaltrainers sinken auf Tiefststände, Kritiker fordern bereits die Abdankung. Kuhns Charakterzüge, in denen sich die Schweiz vorher so gerne wieder erkannte, sind jetzt Anlass beißenden Spotts. Sein bescheidenes Auftreten und seine verschmitzte Sturheit erscheinen plötzlich als Sinnbild des gemütlich-provinziellen Eidgenossen, der es vorzieht, die Welt jenseits der Landesgrenzen bei Fondue oder Zürcher Geschnetzeltem zu ignorieren. Einige desaströse Auftritte seines Teams reichten aus, um eine Ikone in eine Projektionsfläche für nationale Komplexe zu verwandeln.

Kuhn selbst reagiert auf die immer schärfer werdenden Attacken erstaunlich gelassen. "Damit habe ich kein Problem, da bleibt nichts hängen", sagt er, und insgeheim mag ihm die Entwicklung sogar ins Konzept passen. Dem gewieften Taktiker scheint jedes Mittel, selbst die eigene Demontage recht, um Druck von seinem Team zu nehmen. Ist die Krise des schweizerischen Fußballs, sind trostlose Niederlagen gegen lustlose Nigerianer (0:1) oder demoralisierend knappe Siege gegen jamaikanische Hobbyfußballer (2:0) schlicht Ergebnis subtilen Kalküls? Hat sich "Köbi National", wie die Wochenzeitschrift "Das Magazin" zu wissen glaubte, tatsächlich in "Köbi Rational" verwandelt? Welche Überraschungen hält der Trainerfuchs für die verzagte Nation noch bereit? Taumelt die "Nati" letztlich nach Klinsmannschem Vorbild durch eine katastrophale Vorbereitung Richtung Sommermärchen?

Wirre Spekulationen

Jakob Kuhn hat seinen Rücktritt für das Ende der Europameisterschaft angekündigt. Über seine Pläne für die Zeit danach kursieren lediglich Vermutungen. Aufschluss könnte jene geheimnisvolle Begegnung in der Älggialp geben, die sich im letzten Sommer zutrug. Im idyllischen Flüele-Ranft traf Kuhn erstmalig auf den brachialpatriotischen Politmilliardär Christoph Blocher. Man aß zu Abend, genoss die malerische Bergkulisse und unterhielt sich zwanglos.

Seither schießen die Spekulationen ins Kraut, werden dem Zürcher Kuhn allerlei Ambitionen angedichtet. Verschwörungstheoretiker glauben gar, der "Schweizer des Jahres 2006" plane für den Sommer 2008 den Doppelschlag: Zunächst den Endspielsieg im Wiener Prater, also den totalen Triumph Helvetiens über Resteuropa, und gleich anschließend – mit Blochers Hilfe – die eigene Inthronisierung zum Herrscher über alle Eidgenossen.

Zu solchen wirren Spekulationen schweigt der weise Fußballlehrer. Stattdessen verkündet 64-jährige verstörend vergnügt, er freue sich riesig auf das Turnier. Köbis Konzentration, beruhigen Beobachter, gelte unvermindert und allein der Landesauswahl. Diese trainiert derweil und verliert. Noch.



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