Fußballer mit Migrationshintergrund Lichtsteiner und die "richtigen Schweizer"

Den Schweizer Fußball bewegt eine Debatte über die Abstammung seiner Nationalspieler. Auslöser war ein Interview von Juve-Verteidiger Stephan Lichtsteiner. Der 30-Jährige warnte davor, Identifikationsfiguren zu verlieren.

Schweizer Nationalspieler Lichtsteiner (l.): "Sie sind für die Nati wichtig"
AFP

Schweizer Nationalspieler Lichtsteiner (l.): "Sie sind für die Nati wichtig"


In der Schweiz ist man um Ruhe bemüht, lautstarke Eskalation gilt es zu vermeiden. Auch im Sport. So wundert es nicht, dass ein emotionales Thema, das vor Kurzem noch die Schlagzeilen bestimmte, von allen Beteiligten möglichst schnell kleingeredet wurde. "Jeder sollte seine Meinung haben", sagte der Schweizer Fußball-Nationaltrainer Vladimir Petkovic, "er hat sie aber womöglich im falschen Moment geäußert." Mit "er" meinte Petkovic den Nationalspieler Stephan Lichtsteiner.

Der 30-Jährige hatte vor dem Länderspiel der Schweizer gegen Estland (3:0) mehreren Schweizer Journalisten ein brisantes Interview gegeben, in dem er sich bei seinem Trainer über die Nicht-Nominierung von Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler beschwert hatte - und gleichzeitig darauf hinwies, dass die Nationalmannschaft auf ihre "sogenannten Identifikationsfiguren aufpassen" müsse, weil sie nicht mehr viele davon habe.

Mit Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Admir Mehmedi, Valon Behrami, Josip Drmic oder Haris Sferorvic spielen im Nationalteam etliche Fußballer, die ihre Wurzeln auf dem Balkan haben, Kapitän Gökhan Inler ist türkischer Abstammung. Und auch der in Sarajevo geborene Trainer Petkovic bezeichnet sich selbst als Schweizer und bosnischer Kroate zugleich.

"Das ist kein Votum gegen meine Mitspieler mit Migrationshintergrund, verstehen Sie mich nicht falsch, das sind alles tolle Jungs und Superfußballer, aber auch Spieler wie Barnetta und Schwegler, die über Jahre ihre Leistungen bringen, sind für die Nati wichtig. Ich hatte gehofft, dass es Platz hat im Aufgebot für sie", sagte der Verteidiger. Der Schweizer wolle sich mit seinem Nationalteam identifizieren können, man müsse laut Lichtsteiner die "richtige Balance und Mischung" finden: "Mir geht es nicht um 'richtige Schweizer' und die 'anderen Schweizer'", sondern darum, dass sich das Volk weiterhin mit dem Nationalteam identifizieren kann."

SFV spricht von "Phantom-Thema"

Lichtsteiner muss sich der Brisanz seiner Worte bewusst gewesen sein, er erklärte, dass er vor dem Interview Petkovic über sein Vorhaben informiert habe. Der Trainer bestätigte das, er sagte: "Man kann etwas nur lösen, wenn es auf den Tisch kommt." Dennoch stellten Schweizer Medien im Anschluss unter anderem die Frage, warum die Pressestelle des Schweizer Verbandes Lichtsteiners Aussagen durchgehen ließ. Womöglich habe sie deren Wirkung unterschätzt, hieß es, beim SFV sprach man von einem "Phantom-Thema".

Tatsächlich beschäftigte dieses Thema in den vergangenen Tagen nicht nur die Schweizer Fußballfans. Viele fragten sich nach den Zitaten Lichsteiners: Geht ein kultureller Bruch durchs Nationalteam? Wenn ja: Was sagt das über die Schweizer Gesellschaft aus?

Lichtsteiner hat sich für seine Aussagen mittlerweile entschuldigt. "Es tut mir leid für die Jungs. Ich war der Auslöser der Diskussion. Das wollte ich so nicht", sagte der Spieler von Juventus Turin. Er sagt, man habe seine Aussagen absichtlich falsch interpretiert.

psk



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