Schweiz vs. Deutschland Fußball-Träume auf Almwiesen

Wie im Alltag, so auf dem Spielfeld: Die Schweizer ergeben sich den heranpolternden Deutschen - und genießen gerade deshalb ihre zivilisatorische Überlegenheit. Auch im Länderspiel am Mittwoch ist eine Niederlage eingeplant. Für den Sommer allerdings wird eine Sensation herbeigerechnet.
Von Christoph Höhtker

Rache ist süß! Nachdem in den Wochen der Liechtenstein-Affäre auch der Finanzplatz Schweiz ins Gerede gekommen war, holte jüngst ein altehrwürdiges eidgenössisches Geldinstitut zum Gegenschlag aus: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, so berechneten Analysten der Großbank UBS auf Grundlage der bisherigen Europameisterschaftsergebnisse sowie des Marktwertes der Spieler, werde bei der EM schon im Viertelfinale die Segel streichen. Und zwar, wie man genüsslich hinzufügte, nach einer Niederlage gegen die Schweizer "Nati"!

In Deutschland beunruhigt die Weissagung (Boulevardblatt "Blick": "Schweiz schlägt Deutschland!") aber höchstens vermögende Steuersünder. Wie sicher ist das Geld in einem Land, in dem die zuständigen Fachleute nicht einmal die Wahrscheinlichkeitsrechnung beherrschen? Denn kaum etwas ist im Fußball weniger wahrscheinlich als deutsche Niederlagen gegen die Schweiz. Bei 49 Begegnungen stehen nur acht von ihnen zu Buche, die letzte datiert aus den Zeiten Sepp Herbergers - ein 1:3 im November 1956 in Frankfurt am Main.

Ihrem erwartbaren Ausgang zum Trotz stoßen Spiele gegen den "großen Kanton" in der Alpenrepublik auf enormes Interesse. Selbst ein Testspiel wie das am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Basel dient als grundsätzliche fußballerische Standortbestimmung, oft genug auch als Gelegenheit zur nationalen Nabelschau. Andererseits rufen deutsche Nationalmannschaften, zumindest deren Titelbilanz, widerwillige Bewunderung hervor.

Am Ende kam es meist wie erwartet

Deutsche Erfolge werden dabei jedoch selten mit spielerischen Qualitäten erklärt, viel lieber verweist man auf das legendäre Glück oder zweifelhafte Charaktermerkmale. Nach Ansicht nicht weniger Schweizer zeichnen sich die Nachbarn im Allgemeinen durch grobschlächtiges, an Überheblichkeit grenzendes Selbstbewusstsein aus, gegen das man weder im Alltag noch auf dem Spielfeld ein probates Mittel findet.

Deutsche Nationalmannschaften, sogar auf internationalem Parkett zweitklassige Bundesliga-Teams, umgibt daher in der eidgenössischen Wahrnehmung eine Aura der Unschlagbarkeit, die sich bei direkten Begegnungen oft genug als selbsterfüllende Prophezeiung erweist. So war bei den jüngsten Uefa-Cup-Partien des FC Zürich gegen Bayer Leverkusen (0:5) und den Hamburger SV (1:3/0:0) zu spüren, dass keiner der Beteiligten, am wenigsten die auf Schweizer Seite, ernstlich an die Möglichkeit eines Zürcher Erfolgs glaubte. Das 1:1 des FC Basel beim HSV tröstete da auch wenig. Den Schweizern blieb einmal mehr der Hinweis auf die Provinzialität, ja die Bedeutungslosigkeit des helvetischen Fußballs.

Niederlagen gegen Deutschland erzeugen in der Schweiz jedoch nicht nur Missvergnügen. Im Gegenteil, etwas an ihnen erscheint produktiv, geradezu notwendig, um das über Jahrzehnte geformte Deutschen-Bild abzurunden: Im Fußball gewinnen Deutsche gegen Schweizer, genauso wie sie sich als Touristen durch Lautstärke und in der Arbeitswelt durch Ellenbogenmentalität hervortun. Das Schweizer Verhältnis zum Nachbarland ist durch einige - keineswegs realitätsferne - Klischees geprägt, jedoch nicht, wie oft angenommen, durch Minderwertigkeitskomplexe.

Niederlagen mit positivem Effekt für die Schweizer Psyche

Tief im Inneren eint viele Eidgenossen das Gefühl, gerade im Vergleich zu Deutschland die beste aller möglichen Welten zu bewohnen, und gerade die massenhafte Einwanderung aus dem Norden scheint jene Betrachtungsweise zu bestätigen. Die periodischen Niederlagen gegen deutsche Mannschaften haben in diesem Zusammenhang einen zweischneidigen, für die Schweizer Psyche insgesamt aber positiven Effekt. Zwar ärgert man sich zunächst über abermals erfolgreiche Deutsche, doch bereits im nächsten Moment weiß man sich mit der Gewissheit zu trösten, dass Fußball eben gerade in wirtschaftlich und zivilisatorisch unterentwickelten Gegenden gedeiht – und zu denen zählt man sich selbst gewiss nicht.

In Deutschland wird der komplexe Schweizer Gefühlshaushalt traditionell ignoriert. Die Schweiz, das ist nach wie vor dieses putzige Land, in dem Kühe auf Almwiesen träumen und diskrete Vermögensverwalter beim Geldverstecken helfen. Weder Schreckensberichte deutscher Auswanderer noch Kampagnen helvetischer Medien ("Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?", fragte der "Blick") und erst recht nicht raffgierige einheimische Finanzpolitiker konnten die naive Zuneigung zur Heimat Wilhelm Tells erschüttern.

Dies zu bewerkstelligen, glaubt man den Offenbarungen der UBS, bleibt der "Nati" vorbehalten. Nicht am Mittwoch, aber im Sommer, wenn Bilder von geknickten DFB-Kickern und tanzenden Eidgenossen deutsche Public-Viewing-Partys in Trauerveranstaltungen verwandeln, könnte etwas zerbrechen in den nachbarschaftlichen Beziehungen. Eine Sieg der Schweizer gegen Deutschland würde beide Länder in tiefe Verwirrung und möglicherweise eine Identitätskrise stürzen. Allerdings - und das mag letztlich nördlich und südlich des Rheins beruhigen – ist die Wahrscheinlichkeit gering.

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