Schweizer Bundesanwalt Lauber Der Mann, der den DFB-Prozess zur Farce werden lässt

Das Schweizer Bundesstrafgericht will eigentlich die Hintergründe der Sommermärchen-Affäre erhellen. Doch dass es dazu kommt, wird immer unwahrscheinlicher - auch weil der Bundesanwalt schwere Fehler gemacht hat.
Aus Bellinzona berichtet Peter Ahrens
Michael Lauber

Michael Lauber

Foto: RUBEN SPRICH/ REUTERS

Für einen Staatsanwalt müsste so ein Verfahren ein Triumph sein: Auf der Anklagebank sitzen als Beschuldigte ehemalige Topvertreter des Deutschen Fußball-Bundes, dazu der ehemalige Generalsekretär des Fifa-Weltverbandes, es wird zu Gericht gesessen über die Selbstbedienungsmentalität der Funktionäre, letztlich wird den Zuständen im Weltfußball der Prozess gemacht. Mit so einer Sache kann man als Chefankläger sein Lebenswerk krönen.

Aber die Verhandlung vor dem Bundesstrafgericht im schweizerischen Bellinzona gegen die früheren DFB-Chefs Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger, gegen den früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und dessen Fifa-Kollegen Urs Linsi droht stattdessen zum Desaster zu werden. Zum Desaster für die Sache und für den Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber.

Und wenn es dazu kommt, wenn der Prozess, der am Montag beginnt, eventuell sogar gar nicht zu Ende geführt wird, dann ist das nicht zuletzt Laubers Werk.

Snackgate belastet den Prozess schon vor dem Beginn

Der Bundesanwalt hatte die Ermittlungen rund um den Fifa-Komplex zur Chefsache erklärt. Jetzt wird wohl eher das Scheitern zur Chefsache. Dem 54-Jährigen werden seine Kontakte zu Fifa-Boss Gianni Infantino zum Verhängnis. Drei Mal hat sich Lauber mit seinem Landsmann zu informellen Treffen verabredet; was dort beredet wurde, darüber hat Lauber bisher nur sehr schmallippig Auskunft gegeben. Die Treffen wurden nie offiziell protokolliert, Lauber hat mittlerweile zwei dieser Gesprächstermine eingeräumt. Dass es ein drittes gab, hat er zunächst abgestritten, danach konnte er sich nur nicht mehr so genau daran erinnern. Lauber hatte sich danach aus den Fifa-Angelegenheiten zurückziehen müssen, ein Disziplinarverfahren gegen ihn war eingeleitet worden.

Genau dieses dritte Treffen könnte jetzt allerdings auch das Verfahren von Bellinzona zu Fall bringen. Eine Spesenrechnung von jenem Treffen am 16. Juni 2017 in Bern besagt den Verzehr von "fünf Snacks zu sechs Franken", minutiös aufgeführt im 48-seitigen Abschlussbericht des Disziplinarverfahrens. Bisher war nur von vier Teilnehmern des Gesprächs die Rede gewesen. Lauber, dessen Pressereferent, Infantino und ein befreundeter Oberstaatsanwalt.

Es muss allerdings noch eine fünfte Person teilgenommen haben, das besagt der Abschlussbericht. Der Name dieses Teilnehmers ist in dem Bericht allerdings geschwärzt - und nicht nur der Anwalt des Angeklagten Linsi mutmaßt, es könnte sich dabei um jemanden handeln, der in Zusammenhang mit dem Verfahren gegen die Beschuldigten von Bellinzona steht. Ein ermittelnder Staatsanwalt zum Beispiel. In einem solchen Falle wäre der Tatbestand der Befangenheit erfüllt, und der ganze Prozess drohte zu platzen. Linsi und sein Anwalt wollen das, so vermeldete die "Süddeutsche Zeitung", klären lassen.

Vom "Snackgate" ist jetzt schon in der Schweizer Presse die Rede, die Rücktrittsforderungen gegenüber Lauber häufen sich. Der Bundesanwalt hatte schon vorher nur noch wenige Freunde, das Fifa-Verfahren scheint ihn und seine Behörde völlig zu überfordern, Lauber hat immer wieder das Ausmaß der Datenmengen betont, die im Fifa-Komplex auszuwerten seien. Das hat auch dazu geführt, dass das Verfahren gegen Zwanziger, Niersbach und Co. so spät anberaumt wurde, dass die Verjährungsfrist fast erreicht wurde. Bis zum April muss das Bundestrafgericht ein Urteil fällen, sonst verjähren alle Anklagepunkte.

Es türmen sich die Atteste

Dabei ist das Verfahren auch ohne all diese Schwachstellen schon an den Rand einer Posse gerückt. Es türmen sich mittlerweile die ärztlichen Atteste der Beschuldigten, Franz Beckenbauer als Schlüsselfigur der ganzen Affäre ist schon im Vorjahr aus offiziell gesundheitlichen Gründen aus dem Verfahren herausgenommen worden. Zwanziger hat ebenfalls ein Attest vorgelegt und wird nicht in Bellinzona erscheinen.

Auch Niersbach und Schmidt haben Bedenken gegen ihr Erscheinen aus gesundheitlichen Erwägungen vorgebracht. Es droht eine fast leere Anklagebank, der Coronavirus im Risikogebiet Norditalien in der Nachbarschaft des Tessin spielt den Beschuldigten zudem in die Karten, wenn es um Gesundheitsargumente geht. Schmidt ist mittlerweile 78, Niersbach mit 69 dagegen geradezu ein Jungspund, zur Corona-Risikogruppe dürfen sich beide zählen.

Eigentlich sollte der Prozess die Hintergründe der Sommermärchen-Affäre um die Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland klären. Es wäre ein Winterwunder, wenn es dazu noch kommt.

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