Schweizer Sieg gegen Albanien Überhebliche Traumstarter

Granit Xhaka jubelte über den knappen Sieg gegen Albanien, sein Trainer fand die Leistung über 70 Minuten dagegen ungenügend. War das schon alles, was die Schweizer können?

AP

Aus Lens berichtet


Die Sache mit dem Bruderduell war schnell abgehandelt im Nachgang der Partie zwischen der Schweiz und dem EM-Neuling Albanien. "Wir haben uns nichts geschenkt auf dem Platz, und wir haben auch nicht geredet", berichtete Taulant Xhaka, dessen Team 0:1 (0:1) verloren hatte. Beim Gegner spielt sein Bruder Granit, und der war sehr erleichtert, dass die unendliche Geschichte um die familiären Verstrickungen nun ein Abschlusskapitel gefunden hat. Ein erfolgreiches noch dazu.

Noch bevor er seine Zufriedenheit über den erfolgreichen Start in das Turnier artikulierte, erklärte der Mittelfeldspieler, wie "glücklich" er sei, "dass dieses Spiel endlich vorbei ist, es ist ja so viel geschrieben und geredet worden". Die zehn albanischen Spieler, die in der Schweiz aufwuchsen, die sechs Schweizer EM-Profis mit albanischen Wurzeln und die Brüder Granit und Taulant, stehen seit Wochen im Mittelpunkt des Interesses.

Jetzt ist die Schweiz also im Turnier angekommen, darüber freuen sie sich, allerdings ist dieser neue Alltag keineswegs so sonnenhell wie Granits Laune, der diesen mühsamen Sieg als "Traumstart" feierte. Denn im Spiel seiner Mannschaft zeigten sich viele Schwächen.

Deutliche Kritik vom Trainer

Gerade einmal 20 Minuten habe seine Mannschaft so gespielt, wie er sich das vorstelle, sagte Trainer Vladimir Petkovic, "danach nicht mehr". Albanien ist ja eine Mannschaft ohne international bekannte Stars, und dieser Mangel an Qualität und Reife war auch an diesem Tag nicht zu übersehen. Aber sie kämpften tapfer, während Petkovic seine eigene Mannschaft phasenweise "überheblich" fand.

Früh war der Favorit nach einer Ecke in Führung gegangen, Fabian Schär hatte bei seinem Kopfballtreffer davon profitiert, dass der albanische Torhüter Etrit Barisha sich verschätzt hatte und Innenverteidiger Mergim Mavraj ausgerutscht war (5.). Dieser Gegentreffer war eigentlich Gift für die albanische Konterstrategie, der EM-Neuling hätte geschockt sein müssen, fand Petkovic. "Aber es war fast umgekehrt".

Das Team, das immer unsicherer wirkte, war die Schweiz, und als der albanische Kapitän Lorik Cana kurz vor der Halbzeit nach einem Handspiel die Gelb-Rote Karte sah (37.), spielten die Eidgenossen sogar lange in Überzahl. Dennoch habe man "den Gegner dazu eingeladen, gefährlich zu sein", sagte Petkovic.

Bestätigung für die Skeptiker

Tatsächlich mussten die Albaner nicht einmal viel riskieren, um Angst und Schrecken rund um den Schweizer Strafraum zu verbreiten, und in der 87. Minute hatten sie eine wunderbare Gelegenheit, das mehrheitlich von Albanern besetzte Stadion zur Explosion zu bringen. Nach einem klugen Pass des Freiburgers Amir Abrashi stand Shkelzen Gashi plötzlich ganz frei vor dem Tor, sein Abschluss war stark, noch besser war aber der Reflex von Torhüter Yann Sommer.

Es wäre ein Treffer gewesen, der ähnliche Emotionen hätte freisetzen können wie der Siegtreffer der Franzosen gegen Rumänien am Freitagabend, "Gott sei Dank war Yann da", sagte Granit Xhaka später. Auch wegen dieser Großtat feierte die Ecke mit den Schweizer Anhängern am Ende vor allem den Torhüter.

Viele andere Eindrücke dieser Partie taugen hingegen als Argument für die vielen Skeptiker, die traditionell die Stimmung in der kleinen Fußballnation prägen. Die Innenverteidigung mit den Bundesligaspielern Fabian Schär (1899 Hoffenheim) und Johan Djourou (Hamburger SV) neigt zu kleinen und großen Fehlern, und einen richtig guten Angreifer haben sie auch nicht, wie wieder einmal zu sehen war. Allein der Frankfurter Haris Seferovic hätte diese Partie schon früh entscheiden können, dreimal schloss er zu ungenau ab (15., 53., 66.), und Admir Mehmedi blieb ähnlich blass wie Xherdan Shaqiri.

Manche Experten sagen ja von der Schweiz, dass dort eine Art goldene Generation herangewachsen sei, begabt, bestens ausgebildet und mittlerweile auch reif für den ganz großen Coup. Bei der WM vor zwei Jahren war das Team noch unglücklich im Achtelfinale durch einen sehr späten Gegentreffer in der Verlängerung am späteren Finalisten Argentinien gescheitert. Nun wollen sie mehr, doch dieser Tag von Lens nährte nun eher die Zweifel an dieser Mannschaft. Aber vielleicht waren es ja tatsächlich die seltsamen familiären Verstrickungen mit der gegnerischen Nation, die das wahre Gesicht dieses Schweizer Teams verhüllt haben.

insgesamt 17 Beiträge
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Bueckstueck 11.06.2016
1. Hätte man sich verkneifen sollen
Was ich von dem Artikelchen halten soll, erkenne ich an der kompletten Unterschlagung der Grosschancen der Schweizer. Da waren schliesslich Alutreffer dabei. Die Schweizer hätten höher gewinnen *müssen* auch wenn sie sich zweifelsohne selbst vorwerfen müssen den Gegner phasenweise stark gespielt zu haben. Aber eben nur phasenweise. Das Problem war hier die eigene Linie durchzuziehen. Das ist ein Problem, was die Schweizer immer wieder haben, in der Vergangenheit war das aber eher in durchaus engen Spielen gegen starke Gegner der Fall, etwa bei der letzten WM.
gandhiforever 11.06.2016
2. Bei einem Turnier
Bei einem Turnier zaehlt nur der Sieg. Wie hoch oder wie verdient, danach fragt spaeter niemand mehr. Sieg ist Sieg. Und im Gegensatz zu England haben die Eidgenossen einen Sieg schon auf dem Konto.
caronaborealis 11.06.2016
3. Das war ungenügend
Klar war das für die Schweiz ein aussergewöhnliches Spiel: Bruder gegen Bruder, Freund gegen Freund und trotzdem, die Schweizer haben Potential das sie aber in diesem Spiel nicht abrufen konnten. Wenn sie weiterhin dabei sein wollen ist eine Steigerung unbedingt nötig.
kaiservondeutschland 11.06.2016
4. Nati
Mein Herz schlägt mit der Nati.
Somones 11.06.2016
5. Welche Schweizer?
"War das schon alles, was die Schweizer können?" Noch 3 Spieler hatten Schweizer Namen. So was kann man doch nicht bei einer Europameisterschaft als Nationalmannschft aufmarschieren lassen. Sondern nur als Mannschaft der UBS Group AG oder von Gazprom oder von einem Ölscheich.
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