Sebastian Deisler "Ich habe Krieg geführt gegen mich"

Sebastian Deisler bricht sein Schweigen: Acht Monate nach seinem Karriereende geht der ehemalige Nationalspieler in einem Interview mit dem Profi-Fußball hart ins Gericht. Doch der 27-Jährige gesteht auch eigene Fehler ein.


Hamburg - "Es geht im Fußball sehr viel um Status, um Titel, um Ego, um Macht", sagte Deisler im Gespräch mit dem "Tagesspiegel am Sonntag": "Das Geschäft hat zu schnell Besitz ergriffen von mir. Ich habe nie die Zeit gehabt zum Wachsen, nie die Zeit, erwachsen zu werden, ich hatte nicht mal die Zeit, Fehler zu machen."

Er sei zur Erkenntnis gelangt, nicht für das Geschäft geschaffen zu sein, so Deisler: "Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht", sagte der 36-malige Nationalspieler: "Ich habe so lange gekämpft gegen mich, ich habe Krieg geführt gegen mich, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe. Deswegen habe ich einen Schlussstrich gezogen."

Lange Zeit ging es ihm nur darum, den Schein zu wahren. "Ich trug eine Maske, innerlich habe ich dagegen rebelliert." Es habe auch Phasen gegeben, in denen er versucht habe, sich über Äußerlichkeiten zu definieren. Deisler: "Aber ich kam mir so lächerlich vor. In Berlin habe ich in meiner Wohnung gesessen, ich war bekannt in ganz Deutschland, ich war oben angekommen, und vor der Tür stand ein Mercedes. Aber das alles hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe mich gefragt, war's das jetzt? Ich war todunglücklich."

Beim FC Bayern habe er versucht, in die Mitte des Spiels zu kommen, "um einen neuen Geist hereinzubringen, mehr Freude am Spiel, mehr miteinander und nicht dieses Egobetonte". Deisler sagte, man stumpfe ab im Fußballgeschäft. "Ich kann das aber nicht. Ich lebe als Fußballer und Mensch von meiner Intuition, von meinem Gefühl." Er sei kein Mitläufertyp. "Aber ich bin auch kein Effenberg. Ich habe lange versucht, im Fußball zu überleben, wollte hart und kühl sein. Ich habe mich selbst verletzt. Ich hätte früher versuchen sollen, mich zu öffnen. Aber ich hatte Angst davor."

Deisler galt einst als größtes deutsches Fußball-Talent. Er feierte 1998 bei Borussia Mönchengladbach sein Bundesliga-Debüt, es folgten die Stationen Hertha BSC Berlin und FC Bayern. Für 9,5 Millionen Euro war er 2002 von Berlin nach München gewechselt. Auf Grund starker Depressionen befand sich Deisler zweimal zu einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Deisler bestritt 36 Länderspiele und 135 Begegnung in der Bundesliga. Auf Grund von Verletzungen verpasste er die Teilnahmen an den Weltmeisterschaften 2002 in Japan und Südkorea sowie 2006 in Deutschland.

pav/sid



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