Sehnsucht nach Andria Plötzlich war das Ohrläppchen weg

Der Club, den Vito Avantario liebt, existiert nicht mehr. Die Hingabe zu Fidelis Andria begann vor zwei Jahrzehnten unweit apulischer Olivenhaine. Es ist die Geschichte eines Heimatlosen, eines Fans ohne Reich.


Die Partien meines Clubs habe ich selten gesehen. Ich könnte nicht einmal die Spieler der aktuellen Mannschaft von Andria nennen. Ich lebe in Hamburg. Andria, die Geburtsstadt meiner Eltern, liegt in Italien. Weil ich im Schanzenviertel aufgewachsen bin, hat mich der benachbarte FC St. Pauli einige Jahre in den Bann gezogen. Als später Marketingleute begannen, den Club als irgendwie linksrevolutionär auszuschlachten, wendete ich mich ab. Die Ausstrahlung des Hamburger SV fand ich dagegen immer zu steril, zu steif, zu stur. Also flüchtete ich als Jugendlicher in meine Sehnsüchte. Ich wäre gern ein Ultra von Fidelis Andria geworden, einem Verein, der es zu nicht viel gebracht hat, außer zu einer Menge Ärger, bis er dann in der Versenkung verschwand.

Sampdoria-Stürmer Cassano (vorne): Keine treue Seele
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Sampdoria-Stürmer Cassano (vorne): Keine treue Seele

Andria ist eine durchschnittliche Stadt in Apulien, in der durchschnittliche Menschen tagtäglich ihren durchschnittlichen Dingen nachgehen. An heißen Tagen steigt das Thermometer auf 45 Grad Celsius. Fuhr ich als 20-Jähriger an einem solchen Tag mit meinem Motorroller vom Strand des benachbarten Ortes Bisceglie über die alte Landstraße zwischen den Olivenhainen nach Hause zum Mittagessen, föhnte mir der heiße Gegenwind die Tränenflüssigkeit aus den Augen.

Bei diesen Temperaturen schleppen die Alten sich und ihre von der Hitze geschwächten Herzen in die Obhut ihrer kühlenden Häuser mit den Marmorböden. Die Alten in Andria sind zutiefst gläubig, die Jungen dagegen zutiefst sündig: Durchleuchtet man an einem Sommerabend, wenn die Menschen durch die Gassen flanieren, das Flirtspiel zwischen Jungs und Mädchen, fällt es schwer sich vorzustellen, wie aus diesen auf gesunde Weise erotisierten Jugendlichen am Ende des Lebens diese demütigen Alten werden sollen.

Am Ortseingang steht ein Schild, das Besucher mit der Zeile willkommen heißt: "Die Stadt des Öls". Das gesamte Umland von Andria ist gewissermaßen eine einzige Olivenbaumplantage. Sogar das 12.000 Zuschauer fassende Stadion an der Ausfahrt in Richtung Trani trägt die Bestimmung der Stadt in seinem Namen. Es heißt Stadio dell'Ulivo und wurde 1949 gebaut. Hier ereignete sich der Zwischenfall, der Andria auf die italienische Fußballlandkarte holte.

Es müsse 1978 passiert sein, in dem Jahr, in dem der Vorsitzende der italienischen Christdemokraten, Aldo Moro, von den Roten Brigaden erschossen wurde, erinnert sich Natale Alicino. Er ist 54 Jahre alt und Mitarbeiter des italienischen Zweitligisten AS Bari, dem Heimatverein des derzeit von Real Madrid an Sampdoria Genua ausgeliehenen Nationalspielers Antonio Cassano. 1978 war Natale Trommler der Ultras von Fidelis Andria, einem sechs Jahre zuvor gegründeten Verein, der die Farben azurblau und weiß in seinem Wappentier trug, einem Löwen mit mächtiger Mähne.

Natale stand in der ersten Reihe der Nordkurve als Andria gegen Potenza spielte. Die Saison neigte sich dem Ende. In dieser Sechstliga-Partie ging es um nichts: Spielstand ist 1:0 für Potenza, als der Schiedsrichter Fidelis kurz vor Abpfiff einen klaren Elfmeter verweigert. Auf den Rängen wird es unruhig. Tomaten, Zitrusfrüchte und allerlei Unrat fliegen auf den Platz. Die Stimmung beginnt überzukochen. Einige hundert Zuschauer sind zu diesem Zeitpunkt im Ulivo. "Dann pfeift der Trottel von Schiedsrichter das Spiel ausgerechnet in dem Moment ab, als er sich 100 Meter entfernt von den Kabinen befindet", sagt Natale.

Die Invasion beginnt. Der Schlagzeuger versucht seine Leute noch aufzuhalten, aber es ist zu spät. Sie steigen über die Zäune und der Schiri beginnt seinen langen Lauf in die Katakomben. Seine Linienrichter können sich noch in den Duschräumen einschließen. Den Spielleiter aber erwischt es: Ein heißgelaufener Fidelis-Fan springt ihm im Kabinengang an den Hals und beißt dem Schiedsrichter das rechte Ohrläppchen ab. Natürlich bricht darauf das totale Chaos aus.

"Die Polizei war mit Hubschraubern und Tränengas im Einsatz. Am nächsten Tag sind die italienischen Gazetten voll mit dieser blöden Geschichte. Fidelis wurde die Lizenz entzogen und wir begannen wieder ganz unten", erinnert sich Natale. Noch heute lachen die Menschen in der Stadt beschämt über diese Geschichte. Ich habe sie in den 35 Jahren, die ich mittlerweile nach Andria reise, in zehn oder zwanzig Versionen gehört. So ist Andria.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Der Zwangsabstieg von Fidelis konnte dem Club nichts anhaben, er war quasi der Startschuss für einen fulminanten Durchmarsch des Provinzclubs. Innerhalb der nächsten 14 Jahre schoss sich Fidelis bis in die Serie B. Dort spielte es 1994 sogar um den Aufstieg in die erste Liga. Als im August 1996 Juventus Turin zum Pokalspiel das Ulivo beehrte, waren 80.000 Einwohner aus dem Häuschen. Am Spieltag brach der Verkehr total zusammen. Juve fertigte den Zweitligisten zwar mit 2:0 ab, immerhin aber hatten Zinedine Zidane, Alessandro Del Piero, Didier Dechamps und Christian Vieri ihre heiligen Abdrücke im Rasen des Ulivo hinterlassen.

Bald stieg Fidelis wieder ab und wurde in den Niederungen des Amateurfußballs versenkt: Vor zwei Jahren wurde der Verein aufgelöst, weil der Sponsor absprang. Mit neuer Lizenz tritt Andria nun unter dem Namen AS Andria BAT an. Er ist jetzt im Niemandsland der vierten italienischen Liga platziert - Serie C2, Staffel C. Ich bin dagegen ein Fan ohne Reich geworden, ein Staatenloser, ein Exilant. Ein Liebhaber des grenzenlosen Fußballs.



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chefstratege, 20.06.2007
1. Schalke ist meine Weltanschauung
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
Klo, 20.06.2007
2.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
king.woita 20.06.2007
3.
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
Umberto, 20.06.2007
4.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
Carsten31 20.06.2007
5.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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