Sensations-Tabellenführer Drei, zwei, eins - Mainz

Die Bundesliga staunt über Mainz 05: Das Team von Trainer Thomas Tuchel hat auch Bayern München mit fast selbstverständlicher Leichtigkeit ausgespielt. Wer jetzt noch an einen Zufallssieger glaubt, liegt falsch.

dpa

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Man kann vieles über den 1. FSV Mainz 05 sagen - nur bitte nicht mehr, dass hier ein Karnevalsverein aufspielt. Karneval bedeutet: Verordnete Fröhlichkeit nach Terminlage, Schunkeln als Organisationsform, Ausgelassenheit auf Knopfdruck - also ungefähr das genaue Gegenteil von dem, was das Team von Mainz 05 seit Wochen in der Bundesliga veranstaltet. Die Spielfreude des Teams von Thomas Tuchel ist über die Monate gewachsen, hat etwas Organisches, steckt tief im Geist dieser Mannschaft. Das Team, das in der laufenden Saison von sechs Spielen sechs für sich entschieden hat, wirkt beseelt, nicht betrunken.

Das Außergewöhnliche dabei ist: Bei dieser Mainzer Erfolgsserie will sich einfach nicht der Eindruck einstellen, hier handele es sich um eine zufällige Ansammlung von Glückserlebnissen eines kleinen Vereins, der gerade einmal eine besondere Strähne erwischt habe. Alles wirkt logisch. Und das ist es auch. Der Mainzer Erfolg ist einer, an dem Tuchel spätestens seit der Winterpause der Vorsaison gebastelt hat. Das Team hatte den großen Vorteil, den Klassenerhalt in der vergangenen Spielzeit relativ frühzeitig gesichert zu haben, schon nach der Hinrunde war man in dieser Hinsicht der meisten Sorgen ledig.

Ab sofort konnte an dem Projekt Mainz 2011 gearbeitet werden.

Die Elf ist seitdem Stück für Stück konstanter geworden, hat das Selbstvertrauen, das der Trainer vorlebt, peu à peu aufgesogen. Mainz steht heute ganz oben, und jetzt fällt der Liga plötzlich ein, dass Tuchels Team ja bereits die letzten vier Partien der abgelaufenen Saison ungeschlagen bestritten hat.

Party mit den "Bruchweg-Boys"

Mittlerweile haben die Mainzer in Wolfsburg gewonnen, nachdem sie 0:3 im Hintertreffen lagen. Sie haben die Auswärtspartien in Bremen und München für sich entschieden. Das gehört zum schwersten, was die Liga zu bieten hat. Vor einem Jahr wollte Tuchel als taktisches Rezept vor dem Bayern-Spiel noch "den Mannschaftsbus vor dem eigenen Tor parken", um eine Niederlage zu verhindern. Ein Jahr später hätte selbst der Fuhrpark des großen FC Bayern wohl nicht verhindern können, dass die 05er die Punkte aus München mitnehmen.

Alles spricht jetzt über die jungen Burschen in der Offensivabteilung der Mainzer: Das Trio, das seine Torerfolge mittlerweile mit einer einstudierten Choreografie an der Eckfahne zelebriert - die "Bruchweg-Boys", wie das "Aktuelle Sportstudio" im ZDF die drei Jungspunde André Schürrle, Lewis Holtby und Adam Szalai am Samstagabend fast hysterisch bejubelt hat. Holtby, Schürrle und Szalai haben dem Mainzer Erfolg ein Gesicht gegeben: Es ist jung, frisch, strahlend. So etwa wie einst Poldi und Schweini auf Mainzer Art. Der selbstbewusste Holtby äußerte sich noch im ZDF: "Meine Entscheidung steht, ich möchte für Deutschland spielen." Der 20-Jährige könnte international auch für England spielen, weil sein Vater ein gebürtiger Brite ist. "Mein Vater akzeptiert es", so Holtby.

Aber die Stützpfeiler der Mannschaft, die, die unauffälliger, aber umso zielführender wirken, sind andere. Der erfahrene Miroslav Karhan zum Beispiel, ein Bundesliga-Schlachtross, der seine Knochen sechs Jahre lang für den VfL Wolfsburg hingehalten hat, bevor er nach Mainz wechselte. Oder der Kunstschütze Christian Fuchs, den Tuchel aus Bochum an den Bruchweg lotste und der ohnehin routinierten Abwehr noch ein wenig Glamour verleiht. Oder Torwart Christian Wetklo, einer, der ewig lang und artig in der zweiten Reihe gewartet hat und jetzt seine Chance ergreift, nachdem sich Stammkeeper Heinz Müller vor Saisonstart schwer verletzt hatte.

Über allem steht der "Mastermind" Tuchel

Hinter und über all dem thront der Trainer, der "Mastermind", wie Holtby Tuchel bezeichnet hat. Ein kluger Kopf ist Thomas Tuchel, das war allen bekannt. Er ist vor allem jemand, der Fußball als das begreift, was es ist. Ein Sport, in dem man mit Hingabe und Intelligenz sehr viel erreichen kann. Insofern ist Tuchel die Fortsetzung des ehemaligen Mainzer Über-Trainers Jürgen Klopp. Aber er ist nicht dessen Wiedergänger. Tuchel ist weit mehr der Kumpeltyp, als der Klopp in der Öffentlichkeit so oft und irrig beschrieben worden ist.

Eine Menge ist über den sogenannten Match-Plan Tuchels geschrieben worden, mit dem er Woche für Woche die Mannschaft individuell auf den nächsten Gegner einschwört. Das ist auf den ersten Blick nichts Besonderes. Jeder Liga-Trainer macht so etwas. Aber die Konsequenz, mit der Tuchel dieses Geschäft betreibt, hebt ihn und seine Mannschaft heraus. Ein erfolgreiches Team vor der Aufgabe beim FC Bayern München auf fünf Positionen zu verändern, also die Startelf zur Hälfte umzubauen, um sie den Erfordernissen dieses Spiels passgenau anzupassen - das ist ungewöhnlich, so etwas traut sich in der Liga sonst niemand. Und es spricht nebenbei für ein großes Vertrauen des Trainers in den gesamten Kader. Da hat ein in seinen spielerischen Mitteln limitierter Innenverteidiger wie Bo Svensson, dem am Samstag gegen die Bayern das Eigentor des Jahres gelang, denselben Wert wie der Edeltechniker Holtby.

"Mainz kann auch Meister werden", hat der unterlegene Bayern-Coach Louis van Gaal nach der Niederlage grummelnd gesprochen. Es ist relativ leicht durchschaubar, dass der Meister damit weniger Komplimente machen will, als den Druck auf die Mainzer Spieler aufzubauen. Irgendwann, wenn der graue Bundesliga-Herbst eingezogen ist, wird es auch für Mainz 05 Rückschläge geben, und die jungen Akteure werden Nerven zeigen. Dazu ist eine Spielzeit zu lange. Aber so lange die vermeintlichen Marktführer aus München, Hamburg, Stuttgart oder Gelsenkirchen schwächeln, ist Mainz eben die Top-Mannschaft der Liga. Und alle freuen sich drüber. Selten hat ein Tabellenführer so wenig Neider gehabt.

Man stelle sich vor, es wird Karneval, und Mainz führt immer noch die Tabelle an.

insgesamt 622 Beiträge
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Seite 1
Schwabenpower 25.09.2010
1.
Zitat von sysopNicht nur Mainz spielt ganz vorne mit, auch andere vermeintlich 'kleine' Clubs stehen unerwartet oben in der Tabelle. Topclubs wie Schalke und Stuttgart dagegen sind im Tabellenkeller. Eine Momentaufnahme? Oder eine Verschiebung der Machtverhältnisse?
Die Bundesliga spielt nicht nur verrückt, sondern verrückt gut. Eine Verschiebung der Machtverhältnisse ist klar erkennbar. Aber wahrscheinlich verschieben sich die Machtverhältnisse auch wieder zurück. Bis Spieltag 9 oder 10 muss man aber mindestens noch abwarten.
hfftl 25.09.2010
2. Mysteriös
Nicht nur die Bundesliga spielt verrückt. Man schaue nach Italien, Frankreich, Österreich, in die Schweiz... Muss an irgendeiner ko(s)mischen Konstellation liegen.
derweise 25.09.2010
3. Das sind nicht mehr die alten Bayern!
Das Spiel heute gegen Mainz hat gezeigt: das sind nicht mehr die alten Bayern! Früher haben die Bayern die entscheidenden Duelle fast immer für sich entschieden.
Achim 25.09.2010
4. Auswärts
Die Bundesliga spielt vor allem derzeit auswärts besser als zuhause.
Rockker, 25.09.2010
5.
Am Ende wird die Tabelle so aussehen: 1.Mainz- Meister; CL 2.Hannover, CL 3.Freiburg, CLQ 4.Dortmund EL, immerhin... 12.Bayern, nichts... 16.Bremen, Relegation 17.Stuttgart, 2-Liga 18.Schalke, 2.Liga
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