Kaputte Organisation Das Konstrukt Fifa zerfällt

Ermittlungen gegen Blatter. Platini im Zwielicht, weil er ominöse Millionenzahlungen erhielt. Jetzt zeigt sich, wie kaputt die Fifa-Spitze ist. Gesucht wird: ein unbelasteter Funktionär, der die Geschäfte führen könnte.
Fifa-Präsident Blatter: Die Ermittlungen gegen ihn wiegen schwer

Fifa-Präsident Blatter: Die Ermittlungen gegen ihn wiegen schwer

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Die Zeit des ewigen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter ist wohl vorbei. Eigentlich hatte Blatter im Juni seinen Rücktritt angekündigt, das sollte bei einem Sonderkongress der Fifa geschehen, der für den 26. Februar 2016 terminiert war. Doch mittlerweile steht alles in den Sternen. Der Gigant Fifa implodiert.

Die schweizerische Bundesanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen Blatter eingeleitet. Erwartungsgemäß wird das Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Veruntreuung geführt, Blatter drohen bis zu fünf Jahre Haft.

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Der 79-Jährige hatte seinem ehemaligen Wahlhelfer und einstigen Vizepräsidenten Jack Warner zu einem symbolischen Preis mit TV-Rechten mehrerer Fußballweltmeisterschaften handeln lassen - ein gigantisches Geschäft mit Millionenprofiten für Warner, dessen Auslieferung aus Trinidad und Tobago an die USA unmittelbar bevorsteht. Warner drohen wegen Geldwäsche, schwerer Korruption und bandenmäßiger Verschwörung mehrere Jahrzehnte Haft.

Knapp zwei Wochen, seit das Schweizer Fernsehen einen der vielen Warner-Verträge präsentierte, der von Blatter unterschrieben war, hat die Bundesanwaltschaft nun die Sachlage geprüft.

Am Freitagmittag, als das Exekutivkomitee der Fifa auf dem Zürichberg in einem abhörsicheren Saal im Untergeschoss tagte und die zum Teil schwer belasteten Funktionäre einmal mehr über bizarre Reformen orakelten, fuhren die Ermittler der Bundesanwaltschaft und der Bundeskriminalpolizei diskret in die Tiefgarage ein, unbeobachtet von nahezu zwei Hundertschaften Journalisten, die vor dem Gebäude warteten.

Die Beamten durchsuchten Blatters Büro, beschlagnahmten weitere Unterlagen, verhörten ihn und vernahmen auch dessen ehemaligen Wahlhelfer, sportpolitischen Schüler und nunmehrigen Erzfeind Michel Platini, den Präsidenten der Europäischen Fußballunion Uefa.

Platini, der schwer in die korruptiven Umtriebe des WM-Gastgebers Katar verstrickt ist, wollte eigentlich am 26. Februar 2016 Blatters Nachfolger werden. Doch die Uefa wird sich nach Lage der Dinge wohl einen neuen Präsidenten suchen müssen.

Denn die eigentliche Sensation des Tages enthüllte die Bundesanwaltschaft am Nachmittag, nachdem die überrumpelte und nunmehr völlig führungslose Fifa die obligatorische Pressekonferenz nach der Exekutivsitzung abgesagt hatte: Neben den WM-Verträgen für Jack Warner wird Blatter eine höchst ominöse Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken an einen Fifa-Vizepräsidenten zur Last gelegt - an Michel Platini. Das Geld wurde im Februar 2011 überwiesen und soll angeblich für Platinis Dienste als Blatter-Berater in der Fifa von 1999 bis 2002 bestimmt gewesen sein.

Warum wurde Platini erst neun Jahre später bezahlt?

Ausgerechnet in einer Zeit, im Februar 2011, als alle wussten, dass Blatter sich im Fifa-Wahlkampf gegen die Kandidatur eines anderen seiner ehemaligen Wahlhelfer wehren musste: gegen den schwer korrupten, inzwischen lebenslang gesperrten Mohamed Bin Hammam aus Katar.

Wollte sich Blatter etwa die Unterstützung Platinis im Wahlkampf 2011 erkaufen? Platini ließ noch am Freitagabend mitteilen: "Dieser Betrag steht in Bezug zu meiner Arbeit, die ich unter einem Vertrag mit der Fifa geleistet habe und ich bin froh, dass ich diese Angelegenheit mit den Behörden klarstellen konnte."

Wie die Fifa hat auch Platini in der Uefa gigantische Rechnungen für Spindoktoren und Propagandisten genehmigt. Deren Arbeit blieb nicht folgenlos: Im Laufe des Freitags war es doch erstaunlich, dass die dubiose Rolle von Platini als Empfänger einer Zwei-Millionen-Zahlung kaum thematisiert wurde.

Sollte die Fifa-Ethikkommission Blatter suspendieren, müsste gleichzeitig ein Verfahren gegen Platini eröffnet werden. Im Zuge der umstrittenen WM-Vergabe 2022 an Katar wird bereits gegen den Franzosen ermittelt.

Wer leitet die Geschäfte der Fifa nun?

Wenn beide gehen müssen, müsste der derzeitige Erste Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun als Fifa-Präsident übernehmen, der neben vielen anderen Skandalen auch in das Katar-Gate verstrickt ist. Als Chef der Fifa-Administration in Zürich agiert nun wieder ad interim der bisherige stellvertretende Generalsekretär und Finanzchef Markus Kattner, ein Deutscher, der jenen Ticketvertrag mit unterschrieben hatte, der Generalsekretär Jérôme Valcke vergangene Woche den Job kostete.

Man kann derlei Funktionen und Personen, aktuelle Besetzungen und mögliche Ersatzleute, weiter durchspielen und wird zu keinem sinnvollen Ergebnis gelangen. Nicht ohne Grund führen die Strafermittler in den USA die Fifa als sogenannte Rico (Racketeer Influenced and Corrupt Organization): als von Gangstern gesteuerte schwer korrupte Organisation.

Und dennoch: Es gilt die Unschuldsvermutung. Selbst für bestens dokumentierte Tatbestände in einem globalen, mafiosen System, das Joseph Blatter in seinen 40 Jahren bei der Fifa maßgeblich mit aufgebaut hat - selbst wenn nicht er die meisten Millionen kassierte.

Zusammengefasst: Zwei Millionen Franken flossen von Fifa-Chef Blatter an Uefa-Chef Platini. Wofür hat der das Geld kassiert? Dieser Vorgang, der jetzt im Zuge der Schweizer Ermittlungen gegen Blatter bekannt wurde, ist ein weiteres Anzeichen, wie tief beide im Fifa-Sumpf stecken. Wenn auch der designierte Blatter-Erbe Platini stürzen sollte, ist völlig unklar, wie es an der Spitze der Fifa weitergehen kann.

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