Fifa-Präsident in der Krise Blatters Welt

Es klingt unglaublich, aber Joseph Blatter will sich trotz aller Skandale an diesem Freitag wiederwählen lassen. Warum das klappen könnte und wie es mit der Fifa jetzt weitergeht - Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Joseph Blatter ist abgetaucht. Der Fifa-Präsident mied auch am zweiten Tag des Korruptionsskandals die öffentliche Bühne, er sagte eine Rede beim Medizinkongress in Zürich ab und einen Auftritt bei der Uefa ebenfalls. "Aus offensichtlichen Gründen", wie es ein Sprecher lakonisch ausdrückte.

Offensichtlich ist aber eigentlich auch, dass der Patriarch, der seit 1998 den Weltfußball regiert, eigentlich nicht mehr haltbar ist. Man stelle sich eine politische Partei oder einen internationalen Konzern vor, in dem an einem Tag die Zentrale durchsucht und zugleich die halbe Führungsmannschaft festgenommen wird - überall müsste der Mann an der Spitze wohl prompt die Konsequenzen ziehen und abtreten.

Doch bei der Fifa ist nichts normal. Im vergangenen Jahr machte der Weltverband mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz. Einen großen Teil des Geldes verteilte der 79-jährige Blatter an die 209 nationalen Verbände. Ob die Funktionäre davon Bolzplätze bauen lassen oder das Geld selbst einstecken, wurde in der Fifa nie groß hinterfragt.

Blatter hat ein System aufgebaut, in dem seine Macht schier unantastbar scheint. Auch wenn der Schweizer selbst nie Bestechungsgelder angenommen haben mag: Er hat eine Welt geschaffen, in der die Korruption blühen konnte und - zumindest bis zum Mittwoch - keine Folgen nach sich zog.

Das System der Gefälligkeiten sichert Blatters Macht. Gerade die kleinen Nationalverbände aus Asien, Afrika und Südamerika haben kein Interesse daran, dass sich etwas ändert und etwa der europäische Fußball mehr Einfluss erhält. So kündigte die asiatische Fußballkonföderation AFC an, trotz des Skandals an Blatter festzuhalten: "Die AFC ist enttäuscht und traurig, spricht sich aber gegen jede Verzögerung der Präsidentschaftswahlen am 29. Mai aus."

Die Protagonisten der Fifa-Krise
Jeffrey Webb
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Jeffrey Webb von den Cayman Islands gilt als Vertrauter von Fifa-Boss Joseph Blatter. Jetzt wird sich der Schweizer wohl von ihm lossagen müssen. Webb, auch Fifa-Vizepräsident, ist ins Visier der Behörden geraten. Er gehört zu denen, die am Morgen in Zürich abgeführt wurden.
Eugenio Figueredo
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Auch gegen Eugenio Figueredo gehen die Ermittler vor. Er gehört ebenfalls zu den Festgenommenen. Der 83-jährige Funktionär aus Uruguay ist einer der einflussreichsten Strippenzieher in Südamerika.
José Maria Marin
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José Maria Marin, ebenfalls 83, konnte sich im Vorjahr noch im Glanz der Fußball-WM in Brasilien sonnen. Jetzt musste auch er der Polizei ins Präsidium folgen. Der Brasilianer ist im Dunstkreis von Ex-Fifa-Chef João Havelange groß geworden. Havelange ist wegen Korruption längst aus dem IOC ausgeschlossen worden.
Rafael Esquivel
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Rafael Esquivel aus Venezuela ist der dritte Südamerikaner, der von den Festnahmen betroffen ist. Seine Konten wurden von Schweizer Behörden derweil eingefroren.
Eduardo Li
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Auch Eduardo Li wurde in der Früh in Zürich im Hotel Baur Au Lac festgenommen. Li ist Chef des Fußballverbands von Costa Rica.
Jack Warner
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Wenn von Korruption und Fifa die Rede ist, fällt eigentlich immer schnell der Name von Jack Warner (Foto). Der ehemalige Vizepräsident des Weltverbands gilt als Pate der Bestechung im Weltfußball. Ob er im Rahmen der Festnahmen auch betroffen war, ist offen. Dafür wurde sein Attaché, Costas Takkas, festgenommen.
Julio Rocha
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Bekannt ist dagegen, dass Julio Rocha (l.), der ehemalige Präsident des Verbands von Nicaragua, am Morgen abgeführt wurde. Nur an einem prallt wieder alles ab.
 
 
Joseph Blatter ist laut seinem Sprecher "nicht involviert". Wie gehabt.
Eben das, sprich die Verlegung der Wahl, fordert bislang nur die Uefa. Ziehen die Europäer am Donnerstag nicht noch weitere Konföderationen auf ihre Seite, findet der Kongress wie geplant statt.

Sollte das passieren, dürfte Blatter an diesem Freitag in seine fünfte Amtszeit gewählt werden. Wie läuft die Wahl ab, wer ist der Herausforderer, und was steht sonst noch auf dem Programm? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wer ist der Herausforderer?

Nur selten konnte Prinz Ali bin Al Hussein im Wahlkampf auf sich aufmerksam machen. Einmal gelang ihm das, als er beklagte, in der Fifa herrsche eine "Kultur der Einschüchterung". Damit reagierte er darauf, dass er in großen Teilen der Welt nicht einmal die Chance bekam, sich vorzustellen.

Hussein wusste, worauf er sich bei der Kandidatur einließ. Er beauftragte eigens Berater, die ihn vor rufschädigenden Angriffen schützen sollten. Wie nötig das war, zeigte ein illegales Angebot, das der Jordanier am Dienstag öffentlich machte: Ein Mann habe ihm 47 Stimmen und einen Einblick in Blatters Finanzen versprochen. Hussein sagte, er habe den Fall zur Anzeige gebracht, der Fifa aber nicht gemeldet, um die Ermittlungen nicht zu behindern.

Hussein (l.), van Praag: Der Niederländer zog zurück und unterstützt nun Prinz Ali
DPA

Hussein (l.), van Praag: Der Niederländer zog zurück und unterstützt nun Prinz Ali

Der Prinz ist 39 Jahre alt und damit halb so alt wie Blatter. Er ist der Halbbruder des jordanischen Königs und sitzt seit vier Jahren im Exekutivkomitee, dem regierenden Organ der Fifa. Als Vizepräsident der Asiatischen Konföderation war er maßgeblich daran beteiligt, dass das Schleierverbot für Fußballerinnen aufgehoben wurde. 2012 verfasste er eine Resolution, die festlegte, dass Frauen das gleiche Recht auf Fußballspielen haben wie Männer.

Warum gibt es nur einen Gegenkandidaten?

Ursprünglich waren es fünf. Aber davon waren zwei von Beginn an chancenlos - Ex-Blatter-Berater Jérôme Champagne und Ex-Profi David Ginola, dessen Kandidatur übrigens von einem irischen Wettanbieter gesponsert wurde. Beide bekamen nicht mal die nötige Unterstützung von fünf Verbänden zusammen.

Damit blieben noch drei Gegner übrig. Michael van Praag, Chef des niederländischen Verbands, und Ex-Profi Luis Figo zogen jedoch in der vergangenen Woche zurück. Offizieller Grund: Der Jordanier Hussein habe die besten Chancen gegen Blatter und solle gestärkt werden.

Tatsächlich wirkt die Strategie der Blatter-Gegner aber eher hilflos. "Die Europäer geben ein jämmerliches Bild ab", sagt einer, der sich in der Verbandspolitik gut auskennt. "Um Blatter ernsthaft herauszufordern, hätte Uefa-Chef Michel Platini selbst antreten müssen." Doch der wollte nicht. Hussein sei als Herausforderer nur dritte Wahl, so der Fifa-Kenner. In vier Jahren im Exekutivkomitee sei der Prinz mit nichts außer der Kopftuchinitiative aufgefallen.

Warum gilt Hussein als chancenlos?

Blatter hat seine Truppen gesammelt. Fünf der sechs Kontinentalverbände haben ihm die Treuer geschworen, nur die Uefa fehlt in dieser Liste. Der mitgliederstärkste Kontinentalverband ist der afrikanische Caf mit 54 Stimmen. Die meisten Verbände sind auf das Geld der Fifa angewiesen und dürften nahezu geschlossen für Blatter stimmen. Das machte Caf-Präsident Issa Hayatou bereits deutlich: "Lieber Sepp, Afrika fühlt sich sehr wohl mit dir - und bleibt bei dir."

Daran hat sich offenbar auch nach den Ereignissen von Mittwoch nichts geändert. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen heißt es beim südafrikanischen Verband Safa, es gebe keine Alternative zu Blatter, denn dieser sei der einzige Demokrat im Weltfußball.

Auch die Chefs der Konföderationen von Südamerika (zehn Verbände), Ozeanien (elf), Nord- und Mittelamerika (35) sowie Asien (46) versicherten Blatter ihre Unterstützung. Die Nationalverbände sind nicht verpflichtet, den Vorschlägen zu folgen. In Asien könnten einige islamisch geprägte Staaten sich auf die Seite des jordanischen Herausforderers schlagen. Das gilt aber im Gegenzug genauso: Der europäische Fußball (53 Stimmen) steht nicht geschlossen hinter Hussein, Blatter kann auf Stimmen aus Osteuropa zählen.

Für den Herausforderer wäre es deshalb schon ein Achtungserfolg, wenn er den zweiten Wahlgang erreicht.

Wie läuft die Wahl ab?

Im ersten Durchgang braucht ein Kandidat zwei Drittel der Stimmen, um gewählt zu werden. Geben alle 209 Verbände ihr Votum ab, wären das 140 Stimmen. In möglichen weiteren Wahlgängen reicht die einfache Mehrheit (105). Die Wahl ist geheim, die Delegierten geben Stimmzettel ab.

Die Festnahmen von Mittwoch dürften das Wahlergebnis übrigens nicht beeinflussen. Auch wenn die sieben festgesetzten Funktionäre als Delegierte eingeplant gewesen sein sollten, gibt es Ersatz. In der Geschäftsordnung der Fifa heißt es: "Sollte der stimmberechtigte Delegierte den Kongress verlassen, so übt der als Nummer zwei auf der Liste genannte Delegierte das Stimmrecht aus." Ist dieser ebenfalls nicht vor Ort, übernimmt der als Nummer drei genannte Delegierte.

Was steht noch an?

Der Kongress berät und entscheidet auch über einen sportpolitischen Konflikt im Nahen Osten. Palästina hat einen Antrag gestellt, Israel aus der Fifa auszuschließen. Blatter wollte den Konflikt unbedingt vor dem Kongress klären und hatte sich dafür mit den Präsidenten Benjamin Netanyahu und Mahmud Abbas getroffen. Der Versuch scheiterte aber, Palästina hält an seiner Forderung fest.

Zum Abschluss entscheidet das Exekutivkomitee am Samstag, dann mit DFB-Präsident Niersbach als Nachfolger von Theo Zwanziger, über die Anzahl der WM-Startplätze für 2018. Alle Konföderationen möchten einen Platz mehr, was nicht geht. Beide Themen dürften allerdings angesichts des Trubels um Blatter und die Korruptionsermittlungen in den Hintergrund geraten.



insgesamt 252 Beiträge
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t-o-m-k-o 28.05.2015
1. Nachfolger - der richtige Mann?
Ob der Prinz der richtige Nachfolger ist? Ich habe das Gefühl, dass wir da demnächst auch wieder Dokus zu sehen bekommen. Diesmal Saudis und Emirate als "Sponsoren".
king_of_world 28.05.2015
2. Weiter so Blatter!
Jetzt erst recht! Durchziehen und sich wieder wählen lassen. Russland wird trotzdem WM 2018 bei sich durchführen. Auch wenn es den Amis nicht passt
habkeineahnung 28.05.2015
3. Anstand
Moral, hä was ist das denn? Zu alt um die Jugend der Welt zu vertreten? Zurücktreten? Achwas einfach aussitzen.....
Mister Stone 28.05.2015
4. Blatter wird wieder gewählt...
weil... Geld stinkt doch nicht, oder?
Bin_der_Neue 28.05.2015
5. Parallelen?
Wenn es trotz allem Blatter gelingt, seinen Posten zu verteidigen, dann hat der Weltfußball einen Diktator, keinen Patriarch. Zur Textpassage "Man stelle sich eine politische Partei oder einen internationalen Konzern vor, in dem an einem Tag die Zentrale durchsucht und zugleich die halbe Führungsmannschaft festgenommen wird - überall müsste der Mann an der Spitze wohl prompt die Konsequenzen ziehen und abtreten" fällt mir irgendwie prompt der ADAC ein ;-)
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