Sepp Maier zum Jahrhundertspiel 1970 "Ich kann mich noch immer nicht beruhigen"

Vor 50 Jahren duellierten sich Deutschland und Italien im "Jahrhundertspiel" von Mexiko. Das WM-Halbfinale war das vielleicht größte Drama der Länderspielgeschichte. Torwart Sepp Maier erinnert sich.
Ein Interview von Patrick Strasser
Auch wenn die Partie am Ende verloren ging - es war auch das Spiel des Gerd Müller.

Auch wenn die Partie am Ende verloren ging - es war auch das Spiel des Gerd Müller.

Foto: Lothar Heidtmann/ dpa

Es ist der 17. Juni 1970, Aztekenstadion in Mexiko City, Anpfiff 16 Uhr Ortszeit, 102.444 Zuschauer, 120 Minuten, sieben Tore. Das sind die dürren statistischen Eckdaten einer Partie, die als das "Jahrhundertspiel" in die Fußballgeschichte eingehen sollte. Über das Halbfinale der WM in Mexiko zwischen Deutschland und Italien vor 50 Jahren wurden Bücher geschrieben, Filme gedreht. Das "Ausgerechnet Schnellinger" von Live-Kommentator Ernst Huberty beim deutschen 1:1-Ausgleich in der 90. Minute ist wahrscheinlich jedem noch im Ohr, der damals zugeguckt hat.

Es war ein dramatisches Spiel, die Schulterverletzung von Franz Beckenbauer, der die Partie danach mit dem Arm in einer Schlinge fortsetzte, der peruanische Schiedsrichter Arturo Yamasaki, der die DFB-Spieler auf dem Platz und die Zuschauer in der Heimat mit seinen Entscheidungen zur Weißglut trieb, die einzigartige Verlängerung mit ihren fünf Treffern zum abschließenden 4:3-Triumph der Azzurri - all das hat Sepp Maier aus nächster Nähe erlebt. Und es wühlt ihn noch heute auf.

Der heute 76-Jährige stand damals im deutschen Tor, im Interview lässt er ein halbes Jahrhundert später das Geschehen von damals noch einmal lebendig werden. Das Gespräch ist ein leicht gekürzter Auszug aus dem von dem Journalisten und Zeitschriftenmacher Oliver Wurm herausgegebenen Heft "Mehr als ein Spiel", das ab Mittwoch am Kiosk erhältlich ist und sich ausschließlich dem Jahrhundertspiel widmet.

Frage: Herr Maier, Sie haben 95 Länderspiele bestritten. In 94 davon mussten Sie nicht mehr als drei Treffer kassieren. Einzig beim 3:4 gegen Italien. Unter diesem Aspekt ist das WM-Halbfinale von 1970 einzigartig.

Maier: Ich hatte eine gute Abwehr vor mir. Fast immer (schmunzelt).

Frage: Haben Sie das 3:4-Drama eigentlich noch einmal auf Video oder DVD angeschaut?

Maier: Nein, einmal habe mich getraut und die reguläre Spielzeit angeschaut, aber dann so geärgert über den Schiedsrichter, dass ich die Aufzeichnung gestoppt habe. Ob vier oder fünf Jahrzehnte später - ich kann mich da noch immer nicht beruhigen.

Zur Person
Foto: A1981 Werner Baum/ dpa

Sepp Maier, 76, ist mit 95 Länderspielen immer noch Rekord-Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Mit ihr wurde er Europa- und Weltmeister. Der Torwart stand während seiner gesamten Profikarriere für Bayern München im Tor, die "Katze von Anzing" absolvierte für die Münchner zwischen 1962 und 1979 699 Pflichtspiele.

Frage: Ich merke, es brodelt in Ihnen. Zum Schiedsrichter kommen wir gleich. War jenes 3:4 DAS Spiel Ihres Lebens? Obwohl es eine bittere Niederlage war?

Maier: Von der Dramatik her ja. Ich wusste in der Verlängerung teilweise gar nicht mehr, wie es gerade steht, musste nach oben auf die Anzeigetafel schauen. Wichtig waren natürlich auch das Spiel gegen Polen 1974 und das Endspiel kurz darauf gegen die Holländer – beide Male habe ich gut gespielt, und wir haben gewonnen. Da hat alles gepasst. Ich habe einige gute Spiele gemacht, aber alle kannst du halt nicht gewinnen.

Frage: Wie stolz sind Sie, bei dieser Partie im Aztekenstadion dabei gewesen zu sein?

Maier: Ach, ich weiß nicht, ob dieses Spiel wirklich das Spiel des Jahrhunderts war. Da gab es …

Frage: Moment … Es heißt, dass Sie selbst es waren, der dem Match diesen Stempel aufgedrückt hat.

Maier: Hab' ich das gesagt? Ich war ein Prophet! Daran sieht man, wie viel Ahnung ich vom Fußball habe (lacht). Im Ernst: Es war eben unwahrscheinlich nervenaufreibend, vor allem in der Verlängerung. Dieses Hin und Her, wer nun wieder in Führung gegangen ist, entfachte eine ganz spezielle Dynamik. Schon für uns Spieler auf dem Platz war es ungeheuer spannend, für die Zuschauer muss es noch spannender gewesen sein.

Frage: Die saßen in Deutschland ab 23 Uhr Ortszeit vor den Fernsehgeräten, für Sie ging es in dieser riesigen Hexenkessel-Schüssel Aztekenstadion ums WM-Finale. Haben Schwüle, Luftfeuchtigkeit und Höhe von Mexiko-City selbst einen Torhüter körperlich beeinträchtigt?

Maier: Eigentlich weniger. Wir hatten nach der Anreise aus León zwei Tage Zeit, um uns auf die klimatischen Bedingungen einzustellen. Für mich war's schon okay.

Frage: Im Gegensatz zum Viertelfinale mit Anpfiff um 12 Uhr erfolgte der Anstoß gegen Italien um 16 Uhr Ortszeit.

Maier: Das stimmt. Aber drei Tage davor haben wir ja gegen die Engländer 120 Minuten gehen müssen – in sengender Mittagshitze. Das steckte den Feldspielern noch in den Knochen.

Frage: Mexiko-City liegt nochmal 500 Meter höher als León, auf 2310 Metern über Meereshöhe.

Maier: Der Mannschaftsarzt hat immer gesagt: Es kann und wird euch nichts passieren. Wenn ihr mal kurzfristig nicht mehr richtig schnaufen könnt, dann macht euch keine Sorgen! Habt keine Angst! Vielleicht tritt ganz kurz Atemnot ein, aber der Kreislauf wird nicht beeinträchtigt. Einfach kurz durchschnaufen, dann geht’s schon wieder. Und so war es auch. Sonst wäre doch solch ein Spiel über 120 Minuten nicht zustande gekommen. Außerdem hatten wir genügend echte Bayern auf dem Platz: Die sind es gewohnt, im Gebirge herumzusausen.

Frage: Nach Schnellingers Treffer sind Sie von Ihrem bis zum gegnerischen Strafraum gerannt, um mit den Mitspielern das ersehnte 1:1 zu feiern.

Maier: Weil es eben so schwierig war, gegen die Italiener mit ihrem Catenaccio ein Tor zu schießen. Nach dem Lauf war ich aber auch total kaputt … Eigentlich hätte Schnellinger ja hinten bei mir sein sollen – zum Glück hat er einen Ausflug gemacht.

Frage: Heutzutage sieht man Torhüter, die bis an die Eckfahne oder in die Kurve laufen, um bei bedeutenden Toren mitzufeiern. Aber damals hat ein Torhüter doch selten seinen Strafraum verlassen.

Maier: Ich glaube, bei der WM 1974 in Frankfurt gegen Polen bin ich auch vor, um Gerd Müllers Tor zum 1:0 zu feiern. 

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Ausgerechnet Schnellinger

Frage: Wie gut kannten Sie Ihre Gegenspieler damals? Einen Luigi Riva, einen Roberto Boninsegna oder Gianni Rivera? Wie hat man sich vor 50 Jahren auf solch ein Spiel vorbereitet? Sicher kein Vergleich zu den heutigen Zeiten, da Spezialisten jedwede Stärken und Schwächen den Profis mund- und klickgerecht aufs Handy spielen, oder?

Maier: Wir haben schon was gewusst, weil wir häufiger gegen sie gespielt haben. Mit dem FC Bayern sind wir zum Beispiel 1968 im Europapokal der Pokalsieger auf den AC Mailand getroffen, da war der Rivera dabei. Ansonsten fanden in den Sommerpausen immer mal wieder Turniere in Italien oder Spanien statt, bei denen man sich begegnet ist. Sie waren für uns keine Unbekannten. Außerdem gab es Filmausschnitte von Länderspielen. Techniker beim DFB haben uns da eine knappe halbe Stunde zusammengestellt. Auf einzelne Spieler wie Riva oder Boninsegna wurden Spezialkameras gerichtet, um sie speziell zu studieren. Mit ihrer Spielweise – gefährliche Stürmer und in der Abwehr sehr, sehr stark – konnten sie uns also nicht überraschen. Wir wussten, wie der italienische Hase läuft (lacht). Wir haben doch nicht hinterm Mond gelebt, also bitte!

Frage: Und damit rein ins Spiel, in ein Spiel voller Fehler. Glauben Sie, dass auch gerade deshalb sieben Treffer gefallen sind, weil so viele Fehler gemacht wurden?

Maier: Ja, klar. Vor allem auf unserer Seite. Das hat uns gewurmt. Außerdem wussten alle, die auf dem Platz standen: Gibt es nach 120 Minuten keinen Sieger, erfolgt ein Münzwurf. Das wollte keiner. Elfmeterschießen wurde ja erst zur EM 1976 eingeführt. 1970 wäre bei Unentschieden nur das Finale wiederholt worden.

Frage: Ein Münzwurf nach dem Jahrhundertspiel, das wäre was gewesen!

Maier: Nicht schön, aber fair. Denn am meisten haben wir uns über die Schiedsrichter-Leistung geärgert. Dieser Yamasaki! Dessen Namen werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Foto:

fussballgold

Mehr als ein Spiel: Deutschland - Italien (1970)

Herausgeber: Oliver Wurm

Online ab Dienstag erhältlich bei www.fussballgold.de 

Ab Mittwoch am Kiosk

Preis: 7 Euro

Frage: Sie sprechen von Herrn Arturo Yamasaki, den gebürtigen Peruaner mit japanischen Wurzeln und mexikanischem Pass. Auch ihn machte das Spiel berühmt …

Maier: Weil er uns verpfiffen hat, die linke Bazille! Die Fouls an Uwe Seeler und Franz Beckenbauer waren ganz klare Elfmeter, wenigstens einen davon hätte er geben müssen. Er hat einfach weiterspielen lassen. Ein Wahnsinn! Wir hätten das Spiel schon in der regulären Spielzeit gewonnen und dann vielleicht im Finale die superstarken Brasilianer bezwungen, auf jeden Fall nicht 1:4 verloren wie die Italiener. Aber der Yamasaki wollte, dass es anders kommt.

Frage: Beckenbauer schimpfte nach dem Spiel über ihn: "Ein Verbrecher!"

Maier: Aber wirklich! Der hat uns gehasst! Nach Schlusspfiff ist er sofort rein in die Schiedsrichter-Kabine und weg war er. Ich wollte zu ihm, um ihn zu fragen, wo die fünf goldenen Uhren sind, die ihm die Italiener geschenkt haben. Ich war so außer mir, wäre ihm am liebsten an die Gurgel gegangen. Das wäre mir wurscht gewesen. Zum Glück haben mich meine Mitspieler zurückgehalten. "Du bleibst hier!", haben sie gerufen und mich gepackt: "Mach' keinen Scheiß!" Bundestrainer Helmut Schön redete auf mich ein: "Mach das nicht, Sepp! Mach das nicht! Du wirst gesperrt!" Aber auch Schnellinger, Overath, der Franz – alle haben sich mächtig aufgeregt.

Frage: Und geweint. Nach Abpfiff hatten einige Spieler feuchte Augen. Sie auch?

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Maier: Nein, ich war keiner, der aus Enttäuschung geweint hat. Höchstens vor Wut. Und wütend war ich, aber wie!

Frage: In einer ersten Reaktion haben Sie 1970 geschimpft: "Ich esse nie mehr Pizza oder Spaghetti!"

Maier: Ich wollte auch nie mehr Urlaub da drunten machen. Italien war für mich gestorben, erledigt.

Frage: Wie lange hat Ihr "Italien-Boykott" dann wirklich gedauert?

Maier: Nach der WM bin ich nach Spanien geflogen, wie so häufig. Anders als für den Gerd war Italien nie wirklich mein Urlaubsland, 1967 war ich mit meinem Bayern-Mitspieler Dieter Brenninger in Ligurien, danach nicht mehr in Italien. Mich hat's immer nach Spanien gezogen, vor allem nach Marbella, und zum Skifahren nach Österreich. Später bin ich dann häufig nach Südtirol zum Wandern, okay.

Frage: Sie werden häufig damit zitiert, dass Sie die Niederlage mit den Worten "Die waren alle vier unhaltbar" abgetan haben. Waren sie etwa nicht?

Maier: Gehen wir doch die vier Gegentore durch. Die achte Minute: Boninsegna trifft mit einem strammen Linksschuss von außerhalb des Strafraums. Willi Schulz versucht, den Schuss noch zu blocken, kommt aber zu spät. Ins lange Eck hinten rein – immer unhaltbar.

Frage: Nein, ins kurze Eck.

Maier: Stimmt. Richtig. Hm (überlegt). Weiter!

Frage: Das 2:2 durch Burgnich in der 99. Minute ...

Maier: Da stoppt der Siggi Held den Ball mit der Brust, legt ihn unglücklich vor, so dass ihn der Burgnich nur noch versenken muss. Der war völlig frei, aus kurzer Distanz – nichts zu machen. Wenn ein Stürmer im eigenen Strafraum herumfuhrwerkt, geht’s meistens schief.

Frage: Und jetzt wird’s spannend: Über das 2:3 durch Riva, ein Linkschuss ins lange Eck, sollen laut damaligen Zeitungsartikeln namentlich nicht genannte Mitspieler gelästert haben: Den muss der Maier halten.

Maier: So? Keine Ahnung, wer das gewesen sein soll. Na ja, solche gibt’s immer. Ist der Ball beim 2:3 ins lange Eck? Den will ich sehen. Haben Sie das auf dem Handy?

Frage: Hier, bitte. Mit Zeitlupe.

Maier: Der war nicht scharf geschossen, bisschen angeschnitten. Das sind die gefährlichsten Schüsse. Na gut. Bei vier Gegentreffern muss ja der Torwart schuld sein. Kann ich auch das 1:0 von Boninsegna nochmal sehen?

Frage: Auf eigene Gefahr.

Maier: Eher hätte ich den halten müssen, weil der ins kurze Eck geflogen ist.

Frage: Schließlich die Entscheidung, das 3:4 durch Rivera in der 111. Minute. Auf Pass von Boninsegna, den Schulz über Linksaußen durchlaufen lässt. Mit einem Schuss aus wenigen Metern erwischt Sie Rivera auf dem falschen Fuß.

Maier: Das Ding will ich nicht nochmal anschauen. Damals haben wir zum Willi gesagt: "Mensch, im ganzen Spiel hast' den Boninsegna immer umgehauen, immer! Und da lässt ihn sausen!" Das Saublöde für uns war, dass dieses Tor direkt nach dem 3:3 vom Gerd gefallen ist. Neun Minuten waren da noch zu spielen?

Frage: Ja, es war die 111. Minute.

Maier: Gefühlt war es das für uns, der endgültige K.o. Die WM war für uns gelaufen.

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