Offensivstar Serge Gnabry Drei Tore, zwei Vorlagen – aber eine ungewisse Bayern-Zukunft

Beim 5:0 in Stuttgart überragte Serge Gnabry mit drei Treffern und zwei Assists. Ob er langfristig in München bleibt, ist allerdings offen. Die Entscheidung wird viel über die Ausrichtung des FC Bayern erzählen.
Aus Stuttgart berichtet Florian Kinast
Bayern-Profi Serge Gnabry: Wo geht es lang?

Bayern-Profi Serge Gnabry: Wo geht es lang?

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Matthias Hangst / Getty Images

Für die 231 Kilometer lange Heimfahrt vom Stuttgarter Stadion an die Säbener Straße in München-Harlaching kündigte Julian Nagelsmann trotz des freudigen Anlasses einen reduzierten Alkoholkonsum an. »Wir haben eine Kiste Bier im Bus, aber ich habe eine schwache Blase und gehe ungern auf die Bustoilette«, verriet der Trainer des FC Bayern. »Ich werde mir erst wohl ab Adelzhausen oder Odelzhausen einen Schluck gönnen.«

Es war möglicherweise das erste Mal in der Geschichte von Bundesliga-Pressekonferenzen, dass zwei Anschlussstellen der A8 genannt wurden. Ausgelöst wurde diese besonders detaillierte Beschreibung der Heimfahrt durch den Gewinn der ersten Herbstmeisterschaft des FC Bayern unter Julian Nagelsmann.

Mit dem souveränen 5:0 in Stuttgart geht der FC Bayern nun auch mit finaler Sicherheit als Tabellenführer in die Weihnachtspause. Am Freitag folgt noch der Hinrundenabschluss gegen Wolfsburg, dann ist drei Wochen Ruhe. Zumindest im Spielbetrieb. In den Köpfen der Klubbosse dagegen wohl weniger.

Gnabrys Zukunft noch immer offen

Es gibt schließlich gerade beim Personal viel zu bedenken, zu besprechen und zu planen, wie der FC Bayern das Kalenderjahr 2022 angehen will. Allen voran bei der Frage zu Serge Gnabry, der mit drei Treffern und zwei Assists am Dienstagabend der überragende Spieler war. Denn noch immer ist die Zukunft des 26 Jahre alten Flügelstürmers völlig offen. Behalten die Bayern ihren Fünffach-Scorer? Oder lassen sie ihn doch ziehen?

Noch vor drei Monaten deutete einiges auf eine rasche Einigung hin. Nachdem erst Ende August Joshua Kimmich und dann Mitte September Leon Goretzka bis 2025 und 2026 verlängert hatten, sprach viel dafür, dass sich mit Serge Gnabry schleunigst der nächste Protagonist aus dem berühmten 1995er-Jahrgang langfristig über das bisherige Vertragsende 2023 an die Bayern bindet.

»Wir haben mit unseren Unterschriften schon viel Druck ausgeübt«, scherzte Goretzka in einem Interview Ende September. »Jo und ich haben einen guten Draht zu ihm, wir werden das schon mit Serge besprechen.« Tatsächlich lief die Überzeugungsarbeit der Mittelfeld-Kumpel allerdings bislang herzlich erfolglos, denn bis jetzt kam der Klub in den Verhandlungen mit seinem zaudernden Flügelstürmer nicht wirklich weiter.

Und Coman? Und Süle?

Zuletzt berichtet das spanische Portal »Diario Gol«, dass Real Madrid großes Interesse an einer Verpflichtung von Gnabry habe, jener Klub, bei dem mit David Alaba jener alte Freund kickt, mit dem er in München den sogenannten Cooking-Torjubel zelebrierte und verfeinerte. Geben die beiden dann den Königlichen die richtige Würze?

Doch es gibt noch weitere Baustellen, die es zu bearbeiten gilt. Was ist mit Kingsley Coman, der am Dienstag mit einer noch nicht näher diagnostizierten Oberschenkelverletzung früh das Feld räumen musste? Auch sein Vertrag läuft bis 2023, auch bei ihm hakt es. Zuletzt kokettierte der Franzose ganz offen mit mehreren Optionen im Sommer, nach einem bedingungslosen Treuebekenntnis klang das wahrlich nicht.

Und wie geht es mit Niklas Süle weiter, ebenfalls einer aus dem 95er-Jahrgang? Beim zuletzt erstarkten und auch in Stuttgart sehr abgeklärt spielenden Innenverteidiger liefen die Unterredungen bislang ebenfalls ergebnislos. Der Unterschied: Bei Süle endet das Arbeitspapier im Sommer 2022. Wie übrigens auch bei Corentin Tolisso. Kommt man zu keiner Übereinkunft, könnten beide den Verein ablösefrei verlassen.

Doch es geht ganz prinzipiell ja noch um mehr.

Denn die Ergebnisse der Gespräche werden nicht nur Antworten darauf geben, wer geht und wer bleibt. Sie könnten auch richtungsweisend Aufschluss darüber bringen, wie sich der FC Bayern künftig in der Personalpolitik positionieren wird. Wie viel man bereit ist zu investieren. Ob man mithalten kann und möchte im Vergleich zu lukrativen Abwerbungsavancen und Gehaltsangeboten aus der Premier League und der Primera División.

»Wir werden niemals ein kickender Konzern«

Es war vor allem Vorstand Oliver Kahn, der zuletzt immer wieder auf die finanziellen Auswirkungen durch die Einnahmeverluste aus gut eineinhalb Jahren Spielbetrieb in Pandemiezeiten hinwies. »Niklas ist Nationalspieler«, sagte Kahn kürzlich. »Natürlich ist er ein Spieler, den du gern in den eigenen Reihen haben willst. Es kommt aber immer auf die Bedingungen an. Insbesondere in der jetzigen Situation.«

Es war neben Kahn auch Präsident Herbert Hainer, der auf jener denkwürdigen Jahreshauptversammlung gleichzeitig das schöne Bild eines grundehrlich wirtschaftenden Vorzeigevereins zeichnete. Man gerierte sich als Widerständler, als tapfer kämpfendes gallisches Dorf in einer fiesen Welt voll böser Investorenklubs und versprach: »Wir werden niemals ein kickender Konzern.« Nur, werden sie dann im Gehaltspoker noch mithalten können?

Werden, wollen, können die Bayern bei Serge Gnabry das Gehalt auf 15 Millionen Euro erhöhen und wird ihn das von einem Wechsel zu Real abhalten? Und reicht bei Niklas Süle, der immer schon mit der Premier League liebäugelte, die Aufstockung auf zehn Millionen Euro? Und was, wenn der neue Saudi-Klub aus Newcastle mehr bietet?

Möglich, dass 2022 also ein Trend erkennbar wird, ob es ein weiteres Gefälle im europäischen Fußball zwischen jenen fremdbestimmten Klubs wie Paris St. Germain und Manchester City einerseits und Vereinen wie dem FC Bayern andererseits geben wird.

Vielleicht geben die Gnabrys, Süles und Comans einen ersten Einblick in die Zukunft.

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