Spaniens Fußballstar Sergio Ramos vor Partie gegen Deutschland Dominator mit Kratzern

Sergio Ramos ist Europas Rekordauswahlspieler, Elfmeterfetischist und die prägende Figur des spanischen Fußballs. Doch der Kult um ihn ist auch ein Symptom der Krisen von Real Madrid und der Nationalelf.
Von Florian Haupt, Barcelona
Sergio Ramos

Sergio Ramos

Foto: Manu Fernandez / AP

Die Woche ist dann doch ein bisschen anders gelaufen, als sich das Sergio Ramos vorgestellt hatte. Vorigen Mittwoch in den Niederlanden, klar, da ließ er sich in einem Freundschaftsspiel für bedeutungslose fünf Minuten einwechseln, um mit seinem 176. Länderspiel den bisherigen Europarekordler Gigi Buffon einzuholen. Und logisch, seit dem Samstag in Basel hält er mit 177 Auftritten die alleinige Bestmarke. Aber ausgerechnet am historischen Tag verschoss er dann Elfmeter. Nicht einen, zwei. Regelrecht demontiert wurde er im Psychospiel vom Schweizer Torwart Yann Sommer.

Ein Wink des Fußballs, dass man es mit dem Personenkult auch übertreiben kann?

Es wäre nicht der erste. Nicht mal zwei Jahre ist es her, da holte sich Ramos in der Champions League beim Achtelfinal-Hinspiel in Amsterdam in der Schlussphase absichtlich eine Verwarnung, weil er sein Real Madrid mit einem 2:1 schon in der nächsten Runde sah und durch eine Sperre im zweiten Match sein Kartenkonto auf null setzen wollte. Für das Rückspiel bestellte er dann Filmleute zu sich in die Stadionloge, um Bilder für die Doku »Das Herz von Sergio Ramos« einzufangen. Beim Stand von 0:3 in der zweiten Halbzeit erkannte er den Moment, sie nach Hause zu bitten.  

Einen Tag vor dem entscheidenden Nations-League-Spiel gegen Deutschland in Sevilla war er eigentlich der Presse angekündigt. Als Höhepunkt der Ramos-Festspiele hätte er in seiner fußballerischen Heimatstadt über seine Heldentaten referieren sollen, zu denen auch sein 100. Tor für Real gehörte, das er neulich erzielte. Nicht zuletzt erhofften sich affine Beobachter ein paar Neuigkeiten zum leidigen Thema seiner Vertragsverlängerung.

Doch wenn das in Basel wirklich ein Wink des Fußballs war, dann hat ihn der 34-jährige Ramos verstanden. Er sagte die Audienz kurzfristig ab.
Zurückhaltung ist nicht die einfachste Übung für ihn. Auf dem Platz hat er neben den meisten Länderspielen oder 25 verwandelten Elfmetern in Serie bis Basel etwa auch die meisten Platzverweise zu bieten (26). Allenfalls Abwehrikonen wie Franz Beckenbauer oder Ronald Koeman hatten in so vielen Zonen des Spielfelds so viel Einfluss wie Ramos. In Basel provozierte er den ersten Elfmeter selbst, nachdem er eine Minute zuvor noch auf der eigenen Linie ein Gegentor verhindert hatte. Am Ende schoss er siebenmal aufs Tor, so oft wie die gesamte Schweiz, er, ein Verteidiger.

Mit Spanien wurde Ramos zweimal Europa-, einmal Weltmeister

Mit Spanien wurde Ramos zweimal Europa-, einmal Weltmeister

Foto: Manu Fernandez / AP

Auch neben dem Platz ist bei ihm alles »larger than life«, größer als das Leben. Nicht nur Tattoos, Muskelberge und seine modischen Verwandlungen – aktuell: Hipster/Neandertaler – sind zu nennen. Nicht nur Promiklatsch aus der Ehe mit einer bekannten TV-Moderatorin oder Fettnäpfchen, wie die Sache mit den spanischen Wasserballerinnen, die er drei Wochen zu spät für ihren WM-Sieg beglückwünschte, weil er gerade ihr Finale gesehen hatte, unwissentlich allerdings nur in der Wiederholung. Nein, Ramos ist auch Pferdezüchter und Kunstsammler, mit einem Werk von Banksy als größtem Stolz.

Bei Real Madrid ist es so, dass zuletzt gar nichts ging ohne den Kapitän. Atmosphärisch hält er den Laden zusammen und sportlich sind die Statistiken über alle Zweifel erhaben: Von den letzten zwölf Champions-League Partien mit Ramos wurde nur eine verloren, von den letzten sieben ohne ihn dagegen sechs. 

Entsprechend panisch begleiten die Medien nun das Feilschen um seine Zukunft. Im Sommer läuft sein Vertrag aus, ab Januar kann er frei verhandeln. Real verlängert mit Spielern in seinem Alter eigentlich nur noch jahresweise und verweist gegenüber seinem Wunsch auf Gehaltsaufbesserung auf die Covid-Krise. »Er gehört ins Wappen von Real Madrid«, flehte der prominente »As«-Kolumnist Tomás Roncero um Generosität. 

22 Titel hat Ramos mit Real Madrid gewonnen, unter anderem viermal die Champions League

22 Titel hat Ramos mit Real Madrid gewonnen, unter anderem viermal die Champions League

Foto:

Michael Regan / Getty Images

Auf der anderen Seite ist der Kult um Ramos natürlich auch ein Krisensymptom. Bei Real wie in der Nationalelf – wenn ein solches Gewese um einen 34-jährigen Verteidiger gemacht wird, dann auch deshalb, weil sonst gerade nicht so viel los ist.

Bei Spanien übernahm Ramos das Kapitänsamt 2016 von Iker Casillas. Erfolge gab es seither nicht. Bei der chaotischen WM 2018 wurde ihm sogar eine schädliche Machtfülle nachgesagt. Ramos habe durchgesetzt, dass die Spieler im Teamquartier nicht mehr zum Frühstück erscheinen mussten, was zu nächtlichen Zockerorgien geführt habe. Um statt Dolce Vita wieder Disziplin herrschen zu lassen, verpflichtete der Verband danach den als charakterstark bekannten Trainer Luis Enrique.

Viele antizipierten einen Clash, doch das Gegenteil ist eingetreten: Die beiden Alphatiere verstehen sich betont hervorragend. Luis Enrique kennt zeitgenössische Staregos spätestens seit einem verlorenen Machtkampf mit Lionel Messi als Barça-Trainer, und so gibt er mit diversen Testspiel-Einwechslungen bereitwillig den Komplizen bei Ramos' Rekordjagd. Die Weltbestleistung des Ägypters Ahmed Hassan steht bei 184. Ramos will noch bis zur WM in Katar weitermachen, er könnte locker auf 200 kommen. 

In wichtigen Partien wie gegen Deutschland (20.45 Uhr, Liveticker: SPIEGEL.de) ist er sowieso gesetzt, und ohne den Geschehnissen vorgreifen zu wollen: ein Elfmeter und damit ein Duell mit Manuel Neuer, das wäre nun wirklich die perfekte Pointe der Woche.

Mit Ramos ist Real spitze, ohne ihn verwundbar

Mit Ramos ist Real spitze, ohne ihn verwundbar

Foto: Alvaro Barrientos / AP

Mit Neuer begann schließlich auch sein Elfmeterfetisch. Im Champions-League-Halbfinale 2012 setzte Ramos, damals noch kein regelmäßiger Schütze, im Elfmeterschießen seinen Versuch auf die Tribünen des Madrider Bernabéu, woraufhin Neuer bei seiner Analyse der Real-Schützen witzelte: »Ich wusste nicht, dass Ramos lieber drüber schießt«. Nach Bayerns folgender Endspielniederlage lästerte der Spanier zurück: »Ich wusste nicht, dass Neuer die Finals so gut liegen.«

Ramos fühlte sich herausgefordert. Einen wie ihn machen Rückschläge nicht kleiner, sondern größer. Er beschloss nicht nur, jetzt erst recht weiter Elfmeter zu schießen. Sondern auch den Einsatz zu verdoppeln und bei nächster Gelegenheit den Panenka-Lupfer aufzuführen. Im Shootout des EM-Halbfinals 2012 gegen Portugal war es so weit. Ramos traf und hat den Panenka seither oft erfolgreich wiederholt. 

Bis ihn Sommer beim zweiten Versuch in Basel regelrecht hypnotisierte. Wie im Rollentausch war es der Torwart, der täuschte und trickste – und der Schütze, der verstört kapitulierte. Lauert da etwa ein Trauma? 

Vielleicht schon heute wird man es sehen. Weil er es dann doch nicht ganz lassen konnte, hat sich Ramos am Montagabend noch über ein Verbandsvideo geäußert. Natürlich werde er den nächsten Elfmeter schießen, sagt er im Teamhotel hoch über Sevilla: »Würde ich es nicht so angehen, wäre ich in gewisser Weise nicht mehr ich.«