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Weltmeister Shkodran Mustafi

"Ich bin zur Zielscheibe geworden"

Wenn am Mittwoch die deutsche Nationalelf gegen Argentinien spielt, fehlt erneut Shkodran Mustafi. Aus dem Weltmeister von 2014 ist beim FC Arsenal eine Reizfigur geworden. Im Interview spricht er erstmals darüber.

Ein Interview von

Julian /Getty Images

Shkodran Mustafi wechselte im August 2016 vom FC Valencia zum FC Arsenal

Dienstag, 08.10.2019   15:18 Uhr

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Der Mann, der in England verspottet und angefeindet wurde, sitzt in einem Kebab-Restaurant im Londoner Norden in der hintersten Ecke und lächelt. Es gibt Diät-Cola aus Dosen und Eiswürfel im Glas zur Selbstbedienung. Hier in der Nähe der Underground-Station "Golders Green" isst Shkodran Mustafi gern mit seinem Mitspieler Mesut Özil. Hierher flüchteten Özil und Sead Kolasinac, nachdem sie Ende Juli knapp einem Raubüberfall entgangen waren. Mustafi, Abwehrspieler des FC Arsenal, fühlt sich an diesem Ort sicher.

Der 27-Jährige ist der teuerste deutsche Innenverteidiger. 40 Millionen Euro zahlte Arsenal 2016 für ihn. Mustafi wurde mit Deutschland 2014 Weltmeister, im Finale gegen Argentinien. Aber seit einem Dreivierteljahr ist er bei den Londonern zur Reizfigur geworden. Und wenn der DFB am Mittwoch wieder gegen Argentinien (20.45 Uhr RTL/Liveticker SPIEGEL) antritt, ist Mustafi längst keine Option mehr für den Bundestrainer.

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Nach Fehlern in der vergangenen Saison entlud sich der Frust vieler Arsenal-Anhänger bei Twitter und Instagram, sodass Mustafi irgendwann die Kommentarfunktion sperrte. Im Sommer erklärte Arsenals Trainer Unai Emery, dass Mustafi den Klub verlassen solle. Doch er blieb.

Nun spricht der Verteidiger erstmals über die Kritik und über den Umgang mit Emotionen als das Schwerste im Fußball.

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SPIEGEL: Herr Mustafi, sind Sie der zweitschlechteste Verteidiger der Welt?

Mustafi: Nein, das finde ich nicht.

SPIEGEL: Die spanische Sportzeitung "Marca" hat kürzlich von ihren Userinnen und Usern die schlechtesten Spieler des Jahres wählen lassen. Mit 150.000 Stimmen kamen Sie auf Platz zwei hinter Phil Jones von Manchester United.

Mustafi: Ich würde mir Gedanken darüber machen, wenn das eine Umfrage unter den besten Trainern Europas gewesen wäre.

SPIEGEL: Die Umfrage zeigt, wie sehr Ihr Ruf als Verteidiger gelitten hat. Was ist in den vergangenen Monaten passiert?

Mustafi: In den ersten beiden Jahren nach meinem Wechsel zum FC Arsenal 2016 lief es sehr gut für mich. Ich habe mich als Leistungsträger gesehen. Aber kurz nach Weihnachten 2018 gab es einen Knick. Mir sind ein paar Fehler unterlaufen, und die haben ein Chaos ausgelöst, das ich so noch nie erlebt hatte.

SPIEGEL: Sie meinen das 1:5 in Liverpool Ende Dezember 2018?

Mustafi: Ich hatte drei Wochen verletzt gefehlt und bin dann ohne Trainingseinheit mit der Mannschaft in dieses Spiel gegangen, weil der Trainer mich brauchte. Zur Halbzeitpause stand es 1:4, ich sah ein paar Mal nicht gut aus und habe mich wieder verletzt. Danach bekam ich bei Instagram und Twitter extrem viele negative Kommentare von Arsenal-Fans. Und es wurden Artikel geschrieben, in denen ich hart kritisiert wurde.

AP

Im Dezember 2018 verlor Shkodran Mustafi mit Arsenal beim FC Liverpool 1:5. Danach entlud sich die Kritik am Verteidiger.

SPIEGEL: Ein von Ihnen verursachter Elfmeter, eine misslungene Abwehraktion, die eine 2:3-Niederlage gegen Crystal Palace einleitete - und es gab weitere Fehler. Auf Twitter schrieb jemand, Sie spielten wie auf Rollschuhen. Auf einem Arsenal-Fan-Sender forderten Anhänger, dass der Klub Sie verkaufen solle.

Mustafi: Ich bin selbstkritisch genug, um zu erkennen, dass ich diese Fehler gemacht habe. Ich kann auch mit harter Kritik umgehen. Aber die Kritik ist eskaliert und irrational geworden. Ich bin zur Zielscheibe geworden. Irgendwann haben mich die Leute sogar für eine Niederlage verantwortlich gemacht, bei der ich gar nicht gespielt hatte.

SPIEGEL: In der Boulevard-Zeitung "The Sun" erschien Mitte August ein Artikel. Ein Fan hatte Sie in ihrem Auto vor dem Arsenal-Stadion fotografiert, und bei Twitter dazu geschrieben, dass Sie mit ihrem Ferrari den Arsenal-Anhängern den Weg zum Pub versperrt hätten. Überschrift des Artikels: "Blockdran Mustafi".

Mustafi: Das war der Höhepunkt des Irrsinns. Ich stand nicht im Kader, wollte aber das Spiel sehen. Auf dem Weg zum Stadion habe ich kurz gestoppt und einen Ordner gefragt, ob ich durchfahren dürfe. Er hat gesagt: Warten Sie kurz, und ließ mich dann durch. Genau da muss das Foto entstanden sein. Aber aktiv den Weg in den Pub versperrt habe ich natürlich niemandem.

SPIEGEL: Es gab aber auch Kritik an Ihnen aus der Fußballbranche. Der ehemalige Arsenal-Spieler und französische Weltmeister von 1998, Emmanuel Petit, nannte Sie den "König der Patzer".

Mustafi: Das hat mich sehr geärgert. Es ist das eine, wenn dich Fans oder Medien kritisieren. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn ein Ex-Spieler, der doch weiß, wie schwer es manchmal auf dem Feld ist, so etwas sagt. Ich erwarte, dass solche Spieler sensibler sind und erkennen, was diese scharf formulierte Kritik auslösen kann. Früher hätte das vielleicht einen Tag in der Zeitung gestanden und dann hätten es die Leute vergessen. Heute steht es im Internet und wird mich für den Rest meiner Karriere verfolgen. Eigentlich sollten ehemalige Spieler wie Petit es nicht nötig haben, sich zu profilieren, indem sie über aktuelle Spieler herablassende Kommentare abgeben.

SPIEGEL: Es gibt ein YouTube-Video, ein von einem Fan produzierter Zusammenschnitt ihrer Fehler bei Arsenal. Er heißt: "Mustafi must leave". Das Video wurde 1,8 Millionen Mal angeklickt. Haben Sie es gesehen?

Mustafi: Nein. Ich musste mich auch selbst schützen.

SPIEGEL: Wie sind Sie damit umgegangen?

Mustafi: Es gab Tage, in denen ich wirklich etwas an mir gezweifelt habe. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mental stark bin. Etwas, was meine Frau gesagt hat, hat mir dabei sehr geholfen: "Wenn du wirklich so schlecht wärst, wie dich die Leute gerade machen, wärst du niemals Weltmeister und Arsenal-Spieler geworden. Irgendwas muss dich doch hierhergebracht haben." Seither kann ich damit besser umgehen.

DPA

Nach der Rückkehr aus Brasilien feierte Skhodran Mustafi (2.v.l.) im Juli 2014 den Gewinn des Weltmeistertitels mit der deutschen Nationalelf am Brandenburger Tor in Berlin

SPIEGEL: Sie sind 2014 Weltmeister geworden, nachdem Sie erst kurz vor dem Turnier für Marco Reus nachnominiert worden sind. Danach haben Sie gesagt: "Das Schwierigste an unserem Beruf ist, mit den Emotionen umzugehen." Können Sie es heute?

Mustafi: Es bleibt das Allerschwerste im Fußball. Wenn du oben bist, musst du aufpassen, nicht wegzufliegen. Du kannst dich also gar nicht richtig freuen. Wenn du unten bist, musst du darauf achten, nicht durchzudrehen. Ich habe nun beides erlebt.

SPIEGEL: Lässt man als Profi besser gar keine Emotionen zu?

Mustafi: Nein. Man muss lernen, die Emotionen richtig einzusetzen. Wenn ich einen Höhenflug hatte, habe ich die positiven Emotionen genutzt, um mich zu verbessern. Sie beflügeln mich. Und jetzt, wo ich unten bin, sollen mich die negativen Emotionen auch motivieren. Ich habe mir gesagt: Ich will nicht noch einmal in der Kabine sitzen und Schuldgefühle gegenüber meinen Kollegen haben. Das treibt mich also auch an.

SPIEGEL: Wie lernt man als Profi, mit seinen Emotionen umzugehen? Haben Sie sich psychologische Hilfe geholt?

Mustafi: Nein. Ich hatte das Gefühl, das selbst durchstehen zu können. Für mich wäre es Alarmstufe Rot gewesen, wenn mich das alles so kaputtgemacht hätte, dass ich keine Lust mehr auf das Spiel gehabt hätte. Wenn ich im Training nicht mehr hätte lachen können. Aber das war nicht so. Ich hatte weiter Freunde an meinem Beruf. Und meine Familie hat mir geholfen.

SPIEGEL: Werden Spieler heute anders wahrgenommen als früher?

Mustafi: Der Fußball ist unmenschlicher geworden. Dazu hat auch Social Media beigetragen, weil sich jeder äußern kann, ohne Klarnamen. Die Leute können ihren Frust direkt bei uns abladen.

SPIEGEL: Sie profitieren als Spieler auch sehr von Social Media. Sie können sich und ihre Werbepartner dort inszenieren. Sie können noch mehr zur Marke werden.

Mustafi: Das stimmt. Trotzdem glaube ich, dass es eine Grenze gibt. Wenn es nicht mehr um den Sport geht, sondern nur noch darum, jemanden zu diskreditieren, um selbst viele Likes zu kriegen, dann ist sie überschritten. Ich würde mir wünschen, dass es in Zukunft mehr Restriktionen gibt. Was im Internet steht, wird niemals verschwinden. Und ich habe Bedenken, dass so etwas irgendwann auch noch meine Kinder betreffen wird.

SPIEGEL: Beschimpfungen von Fans, Aussagen Ihres Trainers Unai Emery im Sommer, dass Sie den Klub verlassen sollen. Und trotzdem sind Sie noch Arsenal-Spieler. Warum?

Mustafi: Im Sommer gab es Überlegungen, den Verein zu wechseln. Aber es gab keine Option, mit der alle Seiten zufrieden gewesen wären. Auch Arsenal hat einen möglichen Abgang trotz der Aussagen natürlich an einige Bedingungen geknüpft. Und ich wusste: Der nächste Wechsel ist extrem wichtig, um wieder ein positives Kapitel in meiner Karriere zu schreiben. Wechsle ich irgendwohin, wo es gar nicht richtig passt, könnte sich an der Situation nicht viel bessern. Also bin ich geblieben. Für die Zukunft bin ich offen - auch für die Bundesliga.

SPIEGEL: Die deutsche Nationalmannschaft trifft am Mittwoch im Testspiel auf Argentinien. Sie sind nach dem Confed Cup 2017 nur noch einmal eingeladen worden. Wie läuft so etwas ab? Ruft der Bundestrainer Joachim Löw an und erklärt, warum er nicht mehr auf Sie setzt?

Mustafi: Vor der WM 2018 gab es einen Anruf. Der Trainer hat mir gesagt, dass ich nicht dabei bin. Aber das war mir da schon klar, weil ich auch zuvor nicht eingeladen wurde. Ich sehe es auch nicht als Selbstverständlichkeit, dass man mich einlädt. Ein ausführliches Gespräch gab es danach nicht mehr.

SPIEGEL: Hätten Sie sich das gewünscht?

Mustafi: Ich finde es gut, wenn man mir sagt, was ich verbessern muss. Erst einmal muss ich aber wieder selbst auf Einsatzzeiten bei Arsenal kommen. In der Europa League und im Ligapokal habe ich zuletzt durchgespielt, und wir haben zu null gewonnen. Für mich ist das ein Lichtblick, dass es wieder aufwärts geht.

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